Social Media Recruiting: „In drei Jahren gibt es kein Verständnis mehr für Anfängerfehler“

von in HR, Social am Dienstag, 5. Juli 2011 um 14:54

Zielgruppe definieren, sorgfältig planen und dann: Einfach beginnen! Einer der Leitsätze, die sich aus den Vorträgen der letzwöchigen Social Media Recruting Conference in Wien (SMRC) ziehen lassen. Ein knackevoller Saal, spannende Referenten, zahlreiche Fragen und Diskussionspunkte aus dem interessierten Publikum – beste Voraussetzungen für zwei Tage Theorie und Praxis zu dem HR-Thema schlechthin derzeit. Ein Rückblick.

Sicher, etwas spät für einen Nachbericht – trotzdem muss einer sein, nach so einer Veranstaltung: Mehr als 70 Teilnehmer an zwei Seminartagen, exklusive Referenten, spannende Pausengespräche. atenta-Geschäftsführer Jan Kirchner als Gastgeber, Oliver Sonnleithner (karriere.at) führte durchs Programm.

Gleich vorweg: Interessante Zusammenfassungen gibt es bereits – beispielsweise von Intensivseminar-Referent Jörn-Hendrik Ast auf beginners-mind.de, von Janka Schmeisser auf HRinside, in einer Bildstrecke auf wuv.de,  im Twitter-Hashtag (#smrc) und als Fotogalerie für alle, die nochmals alle Eindrücke revue passieren lassen wollen.

Lässt sich im Social Web erfolgreich nach Personal stöbern? Wenn ja, wo beginnen? Gibt es Best-Practice-Beispiele? Und: Lässt sich das ganze dann auch vom Kleinbetrieb oder engagierten Mittelständler machen? Vier Fragen, eine Antwort: Ja.
Doch der Reihe nach.

Achten Sie auf die Marke.

Ralf Tometschek (IDENTITÄTER) brachte es gleich zu Beginn auf den Punkt: Wer seine Employer Brand – also seine Marke – nicht im Griff hat, wird es generell im Social Web schwer haben, geschweige denn Facebook, Xing und Konsorten erfolgreich zur Personalsuche einsetzen können. Sprich: Jedes Unternehmen sollte sich als erstes klar werden, wofür es überhaupt steht, wie es wahrgenommen wird. Und wie es wahrgenommen werden möchte. Und diesem Markenverständnis ist dann auch der Auftritt im Social Web anzupassen. Denn erst wenn die Marke klar ist (Was bedeutet es, hier dazuzugehören? Wie grenzt sich das Unternehmen von anderen ab?), kann ein Unternehmen auch ein authentisches – sprich attraktives – Bild beim Social Recruiting abgeben. Zwei schöne Sätze aus dem Vortrag von Ralf Tometschek, die die Zielvorgabe aller Bemühungen zum Employer Branding (nicht nur im Social Web) perfekt umreißen: „Employer Branding ist das positive Vorurteil im Kopf Ihrer Beweber“. Und: „Verhalten ist die stärkste Form von Kommunikation. Auch im Employer Branding.“

Business ist Business. Xing ist Xing.

Rund 10 Millionen Xing-User gibt es weltweit, an die 350.000 sind es in Österreich. Trotz Konkurrenz von LinkedIn, Branchout und anderen ist Xing in der österreichischen HR-Welt nach wie vor das, was man den Platzhirsch nennt. Stefan Schmidt-Grell, Director Product Marketing der Xing-AG stellte in seinem Referat klar, dass die Trennung Facebook=Privat/Xing=Business nach wie vor in den Köpfen der Social Media User (auch der Jungen!) vorhanden sei. Vier Ebenen gelte es zu vollziehen, um erfolgreich via Xing zu rekrutieren: Suchen – Senden – Beteiligen – Dialog starten.

Sourcing, das wirkt: 45 Mitarbeiter im Social Web aufgestöbert.

Susanne Hagen ist Sourcing Managerin bei Philips Deutschland. Ein Job-Titel, den es wohl in den wenigsten österreichischen und deutschen Betrieben gibt. Soll heißen: Susanne Hagen stöbert per Eigenbeschreibung „wie ein gutes Trüffelschwein“ passende, interessante Kandidaten im Web auf. Grundvoraussetzung dafür: Überhaupt zu wissen, was die Person alles können muss, die man suchen soll. Und das gelinge eben am besten, wenn man jene Leute fragt, die es wissen müssen. Sprich: Die Mitarbeiter in den Fachabteilungen, die auch die genauen Prozesse und Arbeitsabläufe kennen. Dann gelte es, frei nach dem Motto „fish where the fishes are“, Personal zu suchen und auch anzusprechen. Passend anzusprechen. Hagen: „Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck.“ Eindruck dürfte Susanne Hagen gewaltig machen, wie auch ihre Erfolgsbilanz zeigt: Rund 45 Mitarbeiter konnte sie bereits für Philips gewinnen. Im Social Web.

Angler, Fische, Schnorchel

Fische hatten es auch Ulrike Roese-Maier von medicaltopjobs.de angetan, die über Personalmarketing und Recruiting mit Facebook sprach. Treffender Vergleich: Während man beim „klassischen“ Recruiting im Boot sitzt und die Angel ins trübe Wasser auswirft, gleicht der Recruiter im Social Web einem Schnorchler, der den Kopf unter Wasser hat und schaut, was den Fischen so schmeckt. Der Teich in den Ulricke Roese-Maier blickt und fischt, ist jedenfalls dicht und zielgruppenaffin besetzt: 5200 Fans auf Facebook, 90 Prozent davon sind in Medizin-Berufen tätig.

Twitter, Location Based Services und Matches mit Lehrlingen

Dass gut gemachte Social Media-Tools auch meist den Spieltrieb des Menschen anregen, wissen wir alle. Robrindo Ullah zeigte in seinem Best-Practice-Referat, wie es die Deutsche Bahn (DB) – ähnlich den ÖBB nicht unbedingt der Inbegriff von Innovation und Zeitgeist – mit ihrem Karrierechannel auf Twitter schaffte, knappe 6000 Follower aufzubauen, Location Based Services (LBS) zu nutzen und das ganzen noch Employer-Branding-mäßig einzusetzen. Kein leichtes Unterfangen: Denn, was so einfach aussieht (140-Zeichen-Blogs), folgt einem festen Redaktionsplan und ist Produkt von zweieinhalb Jahren Arbeit. Zwei Learnings zu Twitter: 1. Twitter kann nur ein Teil einer umfassenden Social Media Strategie sein. 2. Twitter eignet sich hervorragend, um Diskussionen anzustoßen, die dann im Idealfall auf andere Kanäle, wie Facebook, überschwappen.
Und ein Beispiel, wie man LBS für die Personalsuche nutzen kannn: Unter dem Berliner Bahnhof wurde ein Lehrpfad für Azubis (=Lehrlinge) eingerichtet. Checkt jemand am oder rund um den Berliner Hauptbahnhof via Foursquare ein, wird er auf den Lehrpfad hingewiesen. Witzig auch: Profi-Social-Mediac Robindro Ullah wurde sein „Mayor“-Titel für den Bahnhof von einem Lehrling abgeluchst…

Vom Blog zur Employer Brand

Janka Schmeißer ist Bloggerin, genauer gesagt bei HRInside, dem Blog von i-potentials. Sie macht also tagtäglich das, was für ein webaffines Unternehmen eigentlich nahe liegt: Geschichten schreiben und im Web veröffentlichen. Vom HR-Expertenartikeln bis hin zur Firmenfeier, von der Konferenz zum Burnout-Tipp. Und sie schafft damit nicht nur Mehrwert durch interessante Artikel – sie malt damit ein Bild, wofür ihr Unternehmen steht, welche Werte es vermittelt und was dem Unternehmen wichtig ist: Eine Employer Brand.
Zur Slideshow: Employer Branding und Personalmarketing mit Blogs

Am 32. Dezember ist es zu spät – auch für Social Media Recruiting

„Wenn man in drei Jahren mit Social Media beginnt, wird es kein Verständnis mehr für Anfängerfehler geben“: Gastgeber und Abschluss-Referent Jan Kirchner brachte es nochmals auf den Punkt. Einmal Regeln definieren, festsetzen, wer für Social Media verantwortlich ist, eine klare Kommunikationsstrategie ausarbeiten – und los geht’s. Denn Social Media ist nichts anderes als Kommunikation. Direkte Kommunikation. Unternehmen, die bei jedem (negativen) Post stundenlange Feedback-Prozesse in Gang setzen, werden zwangsläufig den Anschluss an die für sie relevanten Interaktionen verlieren. Generell verlieren. Kirchner: „Definieren Sie einmal Regeln und vertrauen Sie dann Ihren Mitarbeitern.“

Fotos: mediabox.at für personalinform.de

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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