Sinnsuche im Sommer: Wohin will ich eigentlich?

von in Arbeitsleben am Dienstag, 4. August 2015 um 10:38

Viel Freizeit, Sonnenschein und vielleicht ein Tapetenwechsel: Der Sommer bietet perfekte Voraussetzungen um darüber nachzudenken, wohin die berufliche Reise in Zukunft gehen soll. Coach Daniela Reiter im Interview über die sommerliche Sinnsuche und drei Übungen, mit denen man auch im Freibad oder in der Hängematte sofort loslegen kann.

Wohin könnte die berufliche Reise gehen?

Daniela Reiter

Daniela Reiter

Traditionell tauchen sie zum Jahreswechsel hin auf: Gedanken über die eigene berufliche Situation, gute Vorsätze oder der Wunsch, dass in den kommenden Monaten alles ganz anders wird: Neuer Job, mehr Geld, steile Karriere. Aber auch der Sommer bietet sich für eine Bestandsaufnahme an: Wo stehe ich – und bin ich dort glücklich? Wohin könnte die Reise gehen? Wir haben uns mit Coach Daniela Reiter über sommerliche Sinnsuche unterhalten. Sie verrät außerdem drei Übungen, mit denen man sofort loslegen kann.

Sommerzeit ist Urlaubszeit – trotzdem eine gute Gelegenheit, um über Arbeit und Karriere nachzudenken?

Daniela Reiter: Gerade der Sommer ist dafür eine gute Zeit, da es an vielen Arbeitsstellen deutlich ruhiger zugeht als sonst. Es braucht Ruhe, um einen Schritt herauszutreten aus dem Alltag und eine Bestandsaufnahme zu machen: Wo stehe ich? Passt das noch? Was hätte ich gerne anders? Wenn etwas gröber nicht passt, dann kann uns das natürlich auch im größten Stress auffallen. Alternativen zu finden und Strategien zu entwickeln, dafür braucht es aber Ruhe. Und auch um den eigenen Wünschen, Träumen und Zielen auf die Spur zu kommen. Dafür kann auch der Urlaub gut genutzt werden; um sich klar zu werden: Was will ich überhaupt? Es kann natürlich auch sein, dass es sich geradezu aufdrängt, über den Job nachzudenken. Manche sind so belastet, dass sie in den ersten Nächten des Urlaubs von der Arbeit träumen und in den letzten Nächten vor der Rückkehr in den Job auch wieder. Nur die Nächte dazwischen sind endlich so erholsam, wie wir uns das immer wünschen. Das kann dann ein deutliches Warnsignal für sehr große Überlastung sein, dann sollte Hilfe von außen angenommen werden.

Welche Rolle spielt ein Tapetenwechsel bei der „Selbstfindung“?

Daniela Reiter: Wenn ich darin gut geübt bin, kann ich sogar an meinem Schreibtisch sitzend gedanklich und gefühlsmäßig einen Schritt heraustreten und mir die momentane Situation oder mein Leben aus der Vogelperspektive anschauen – und auch einfach abschalten und entspannen. So geübt sind aber die wenigsten. Für alle anderen ist ein Ortswechsel sinnvoll und notwendig. Das kann ein neutraler Ort sein, wie ein Coaching-Raum, in dem mich zusätzlich ein Gegenüber unterstützt. Ein ganz fremder Ort hat aber noch mehr Vorteile: Wenn mir die Umgebung nicht vertraut ist, bin ich aus meinen Routinen gerissen, muss wachsam sein und anders denken als gewohnt. Das hilft dabei, den Alltag zu reflektieren, das Übliche zu hinterfragen, sich selbst auch anders wahrzunehmen und zu spüren. Besonders hilfreich ist eine gute Kombination: Ortswechsel und externe Begleitung. Da gibt es eine Außensicht dazu und neue Impulse. Viele kennen das von Fortbildungen oder Teamtagen, die in einem Seminarhotel außerhalb des Wohnortes stattfinden. Bei der Coaching-Woche, die ich jeden Sommer in Finnland anbiete, spielt der Ort definitiv eine unterstützende Rolle. Das ermöglicht es, „weit weg und ganz bei dir“ zu sein.

Sinnsuche Sommer

Welche Fragestellungen oder Übungen können beim Prozess unterstützen?

Daniela Reiter: Die folgenden Übungen sind aus meiner Rezepte-Sammlung für „Die tägliche Viertelstunde für mehr Lebensbalance“. Sie helfen lustvoll bei der Bestandsaufnahme, beim Innehalten und beim Entwickeln von Zielen. Besonders wirkungsvoll ist es, sich ein eigenes Büchlein zuzulegen und darin auch zwischendurch die eigenen Gedanken festzuhalten.

1. Gute Erfolge feiern: Meine Erfolgsgeschichte

Zutaten: Erinnerung, Papier, Stift

Rezept: Mein bisheriges Leben ist schon sehr erfolgreich verlaufen. Heute möchte ich das und vor allem meine eigene Leistung daran würdigen. Ich denke über mein Leben nach und sammle in einer ersten Runde alles, was mir an Erfolgen einfällt: Da waren vielleicht offiziell anerkannte Leistungen dabei wie gute Noten in der Ausbildung oder Siege in sportlichen Wettbewerben. Da tauchen Erinnerungen auf an erfolgreich gemeisterte Krisen, an Lernerfolge, an Dinge, die ich mir mit Übung zur guten Gewohnheit gemacht habe. Da freue ich mich über gelungene Beziehungen, gewonnene Wetten und über all die großen und kleinen Siege gegen den inneren Schweinehund. Manches ging ganz leicht, etliches war schwere Arbeit.

Dann suche ich mir die größeren/wichtigeren Erfolge heraus und denke darüber nach, welche meiner Stärken zu diesem Erfolg geführt haben. Bescheidenheit ist fehl am Platz, ich richte den Fokus auf meine eigene Leistung, auf meinen Anteil am Erfolg. Zu jedem Erfolg haben mehrere Stärken von mir beigetragen, diese schreibe ich mir alle auf.

Ich danke dem Leben, das es gut mit mir meint, und ich danke mir selber: Ich bin voller Talente und freue mich darüber. Ich feiere meine Erfolge! Diese Erfolgslisten kann ich mir immer wieder herholen, um mich selbst zu stärken und anzufeuern, und ich kann sie laufend erweitern.

Dauer: 15 Minuten, je nach vorhandener Zeit und Erfolgserinnerungen auch mehr.

2. Wo stehe ich gerade? Alle meine Rollen

Zutaten: 2 Blatt Papier, Stifte

Rezept: Ich schreibe „Ich bin“ und dann alles, was mir dazu einfällt. Möglicherweise geht das erst mal langsam, aber mit der Zeit wird immer mehr auftauchen: Alle meine Rollen im sozialen Gefüge, im Beruf, in der Freizeit, die eigenen Überzeugungen, die persönlichen Eigenschaften, etc. Wenn endgültig nichts mehr auftaucht oder wenn das Blatt voll ist, fünf Punkte auswählen: Die fünf wichtigsten oder diejenigen, die die meiste Zeit in Anspruch nehmen oder die fünf, die mir gerade am nächsten sind oder… Es geht um eine Momentaufnahme. Das andere Papier nehmen und darauf ein Bild malen, in dem symbolisch alle fünf ausgewählten Rollen vorkommen (z.B. Sonne, Blume, Stern, Baum,…). Für welche Rolle sollte mehr Zeit sein? Stehen zwei oder mehrere Rollen in Konflikt zueinander? Welche Rolle ist mir die liebste? Welches Symbol passt dafür am besten?
Dauer: 15 Minuten, je nach verfügbarer Zeit und Menge der Rollen auch mehr.

3. Die eigene Vision: Sich ein Bild machen – konkret

Zutaten: Zeitschrift, Prospekt o.ä., Schere, Klebstoff, Papier

Rezept:
Heute wird das Wunsch-Bild konkretisiert. Wo zieht es mich hin? Wovon träume ich? Was möchte ich in meinem Leben haben? Zehn Minuten lang aus Zeitschriften o.ä. alle Bilder/Wörter ausschneiden, die spontan ansprechen, dann auf ein Blatt Papier kleben. Genießen.
Kann aufgehängt und als „work in progress“ laufend ergänzt werden.

Dauer: 15 Minuten, je nach Zeit und Menge an Zeitschriften auch mehr

Zur Person: Daniela Reiter

Daniela Reiter ist freiberufliche Arbeitspsychologin. Sie unterstützt mit Coaching und Moderation von Teamtagen Menschen dabei, aus ihrem Alltag herauszutreten und sich in ihrer Arbeit wohl zu fühlen. Mehr Übungen sind kostenlos in ihrem Blog nachzulesen. Unter dem Titel „Die tägliche Viertelstunde für mehr Lebensbalance“ versendet sie im Dezember einen Jahresausklang-Newsletter mit 31 kostenlosen Übungen.

Bildnachweis: Dasha Petrenko / Shutterstock; Ozerov Alexander / Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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