Selbstbehauptung: „Im Beruf ist es wichtig, respektiert zu werden, nicht geliebt“

von in Arbeitsleben am Donnerstag, 16. Oktober 2014 um 10:24

Nein sagen, Grenzen setzen und ungerechte Vorwürfe nicht einfach auf sich sitzen lassen – wenn es doch nur so einfach wäre. Kommunikationstrainerin Eva Heymann verrät Strategien für mehr Selbstbehauptung im Beruf und weiß, wie man Provokateure in die Schranken weist. Und warum fällt es besonders Frauen so schwer, öfter einmal Nein zu sagen? Auch darauf kennt die Expertin eine Antwort.

Guten Seelen packt man immer mehr Arbeit auf den Tisch

Eva Heymann

Eva Heymann

Sich selbst behaupten zu können, da geht es nicht nur darum, wachsenden Arbeitsbergen mit einem entschiedenen „Nein!“ Einhalt zu gebieten. Wer sich selbst behaupten kann, verschafft sich Respekt. Und wer als notorischer Ja-Sager durchs (Berufs)leben geht, hat meistens das Nachsehen. Kommunikationscoach Eva Heymann im Interview über die Gefahr der Schlagfertigkeit und Wege zu besserer Selbstbehauptung.

Laufen „die Netten“ Gefahr, immer ausgenutzt zu werden?

Eva Heymann: Die „Netten“ nicht unbedingt, die „zu Netten“ allerdings, denn Kollegen oder Vorgesetzte packen der „guten Seele“ gern immer noch mehr Arbeit auf den Tisch. Warum auch nicht, sie wehrt sich ja nicht! Wer keine Grenzen setzt und sich scheut, die eigene Meinung offen zu vertreten, den nimmt man bald nicht mehr ernst – und der Respekt sinkt.

Fällt es Frauen eher schwer, sich im Job zu behaupten und falls ja – warum ist das so?

Eva Heymann: Ja, vielen Frauen fällt es schwer, sich im Beruf zu behaupten. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei sicher die weibliche Sozialisation: Ein Großteil der Mädchen wird nach wie vor dazu erzogen, brav, hilfsbereit und rücksichtsvoll zu sein, um anderen (vor allem Männern mit Blick auf eine spätere Partnerschaft) zu gefallen. Daher ist es Frauen in der Regel auch so wichtig „gemocht werden“ und die Angst vor Ablehnung ist größer als der Wunsch nach Selbstbehauptung. Nicht selten werden Frauen, die ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse durchsetzen, von Männern und Frauen gleichermaßen mit den Attributen „unweiblich“ und „egoistisch“ versehen.

„Vor Schlagfertigkeit kann ich nur warnen“

Wie geht man mit Provokationen oder ungerechten Vorwürfen im Job am besten um? Klein beigeben, schlagfertig kontern – oder sind beides Wege, die nicht zu empfehlen sind?

Schlagfertig JobEva Heymann: Natürlich kommt es hierbei immer auf den Einzelfall an, doch vor Schlagfertigkeit kann ich nur warnen. Oft steckt darin ein Gegenangriff, was dann schnell eskalieren kann. Auch „klein beigeben“ ist nicht die Lösung aufgrund der Gefahr, dass die Attacke beim nächsten Mal schärfer wird. Mein Tipp: Kleine  Provokationen souverän mit einem kurzem Blickkontakt zum Provokateur überhören oder mit Fragetechniken agieren z.B. das „giftige Element“ der Aussage in eine Rückfrage packen. Lautet die Provokation beispielsweise „Du bist bei der Arbeit eine richtig lahme Ente“, dann am besten auf der Sachebene reagieren und rückfragen „Was genau meinst du damit, wenn du mich als lahme Ente bezeichnest?“ Oder als Konkretisierungsfrage formuliert „Kannst du mir mal ein paar Beispiele nennen, weshalb du mich als lahme Ente bezeichnest?“

Bei Provokationen: Zeit gewinnen!

Der Provokateur wird somit von der Beziehungsebene auf die Sachebene gezwungen, muss verbal nachlegen – und das Opfer der Attacke gewinnt Zeit für eine Antwort. Auch bei ungerechtfertigten Vorwürfen sind Fragetechniken ein souveränes Mittel z.B. „Wie kommen Sie darauf, dass ich den Kopierer kaputt gemacht habe?“ Damit erhält die Angegriffene mehr Informationen, um gezielter darauf reagieren zu können. Leider verfallen viele Frauen in solchen Momenten in Rechtfertigungs- und Verteidigungsarien, mit denen sie sich selbst in eine Opferrolle manövrieren.

Gibt es Strategien, mit denen man sich selbst zu mehr Durchsetzungsvermögen erziehen kann?

Selbstbehauptung JobEva Heymann: Ja, indem Frauen den Mut aufbringen, zu sich selbst zu stehen – ohne Wenn und Aber. Selbstbehauptung basiert auf einem gesunden Aggressionsvermögen und bedeutet, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und zu verteidigen, die eigenen Interessen und Ziele zu verfolgen und ggf. auch durchzusetzen, die eigene Meinung offen zu vertreten sowie notwendige Konflikte auszutragen. Nur so finden Frauen ihr eigenständiges, selbstbestimmtes und unabhängiges Leben. In meinen Frauenseminaren bringe ich stets den gleichen Merksatz: Im Beruf ist es wichtig, respektiert zu werden, nicht geliebt!

Zum Nein sagen gehört Mut

Warum fällt es oft so schwer, Nein zu sagen? Gibt es Strategien um sein eigenes Ja-Sager-Verhalten zu analysieren?

Eva Heymann: Warum vor allem Frauen das „Nein sagen“ schwer fällt, habe ich bereits erläutert. Wer „Ja“ sagt und eigentlich „Nein“ meint, merkt das sofort am eigenen Energieverlust, man fühlt sich auf einmal klein. Die einzig wirksame Strategie aus dem Dilemma ist, das Nein sagen zu üben – und zu schauen, was passiert. Am besten noch in Verbindung mit einer offenen Begründung für die Ablehnung z.B. „Tut mir leid, ich habe gerade selbst viel Arbeit auf dem Tisch“ oder eine Alternative vorschlagen „Heute kann ich Ihnen leider nicht helfen, doch gern ein anderes Mal“. Dazu gehört Mut. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass das „Nein“ in der Regel viel problemloser akzeptiert wird als befürchtet. Sich selbst treu zu bleiben ist die Grundlage für Selbstachtung und ein gutes Selbstwertgefühl, was sich mit jedem „Nein“ verstärkt.

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Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.