Schicksalsschläge in der Belegschaft: Wie reagieren, wenn eine Welt zusammen bricht?

von in Arbeitsleben am Donnerstag, 22. November 2012 um 11:13

Schicksalsschläge lassen sich nicht planen. Sie passieren einfach und niemand ist davor gefeit. Doch wie sollte man als Chef reagieren, wenn ein Mitarbeiter mit einer schweren Situation fertig werden muss? Und wie soll man sich selbst verhalten, wenn der Kollege neben einem plötzlich zusammenbricht? Das ist keine einfache Situation, weiß Notfallmanagement-Trainer Klemens Fraunbaum. Er erklärt, was den Betroffenen wirklich hilft, und was man lieber bleiben lassen sollte.

Schwierige Brücke zwischen Mitgefühl und Arbeitsanforderung

Wie soll man als Chef auf einen Schicksalsschlag in der Belegschaft reagieren?

Klemens Fraunbaum

Klemes Fraunbaum: Schicksalsschläge unter Mitarbeitern sind große Herausforderungen für Führungskräfte: Die Brücke zwischen menschlichem Mitgefühl und betrieblichen Anforderungen zu schlagen ist oft eine Gratwanderung. Die Fakten selbst kann die Firma nicht ändern, beeinflussen oder gar abschwächen und sollte das auch gar nicht versuchen. Neben dem Mitgefühl und Verständnis für die tragische Situationen des betroffenen Menschen scheint es mir wichtig, im direkten Gespräch zu klären, was für den Mitarbeiter von Seiten der Firma hilfreich und notwendig ist: Oft sind es relativ pragmatische Zugänge. Zum Beispiel braucht der Mitarbeiter Sonderurlaub, Arbeitszeitveränderung, Lohnvorschuss für dringende Zahlungen oder ganz einfach die Sicherheit und Struktur des gewohnten Arbeitsalltags. Verständnis, Toleranz und vielleicht auch mal eine unkonventionelle Lösung können ganz massive Unterstützung bei der Bewältigung des ohnehin überfordernden Alltages bieten und sind damit ganz eindeutig hilfreich.

Der Kollege ist kein Psychologe

Wie soll man als Kollege reagieren?

Klemes Fraunbaum: Kollegen sind oft verunsichert, wie sie jetzt ja „das Richtige“ sagen oder tun können und haben große Angst, etwas falsch zu machen. Oft tun sie deswegen gar nichts und ziehen sich zurück. Zwei Grundsätze können hier helfen, auf der sicheren Seite zu bleiben: Ehrlich, offen und menschlich auf die Betroffenen zugehen und das Gespräch oder Hilfe und Unterstützung anbieten. Wichtig ist auch, nicht den Psychologen zu mimen sondern Kollege zu bleiben. Die fachliche Betreuung wird von Profis angeboten und durchgeführt, beides ist für die Betroffenen wichtig und ergänzt sich.

Gibt es Dinge, die man beachten sollte bzw. auf keinen Fall sagen sollte?

Klemens Fraunbaum: In der akuten Situation befinden sich betroffene Menschen oft in einer Art Schockzustand, in dem ihnen die gesamten Auswirkungen des soeben Erlebten und damit auch das, was ihnen jetzt helfen oder guttun könnte noch nicht ausreichend bewusst sind. In dieser Situation der Überforderung hören sie oft gestellte Hilfsangebote gar nicht, nehmen sie nicht wahr oder lehnen sie ab. Halt, Stabilität durch gewohnte Abläufe und Beziehungen in der Firma und auch spätere Gesprächs- bzw Unterstützungsangebote werden von betroffenen Menschen dann aber oft als hilfreich empfunden und helfen beim Bewältigen des eigenen Lebens.

Das „Kopf hoch“ sollte man sich sparen

Auswendig gelernte Floskeln wie zum Beispiel „Kopf hoch“, „wird schon wieder werden“ entstammen meist nur der eigenen Unsicherheit, helfen aber Betroffenen in keiner Weise. In vielen Fällen lässt Interesse und Aufmerksamkeit des Umfeldes von Betroffen z.B. nach dem Begräbnis komplett nach und für die „anderen Menschen“ geht das Leben weiter wie vorher – für Betroffene kommt aber gerade jetzt die schwierige Herausforderung, ihr Leben neu organisieren und bewältigen zu müssen, wo Verständnis und (oft auch praktische) Unterstützung von Kollegen und Führungskräften sehr gut tut.

Wie viel kann man als Betroffener seinen Kollegen zumuten?

Klemens Fraunbaum: Arbeitskollegen sind Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und können deshalb auch sehr unterschiedlich mit tragischen Vorfällen in der Kollegenschaft umgehen. Für die meisten ist der Umgang mit einem trauernden oder verzweifelten Kollegen eine große Herausforderung und gleichzeitig etwas Unumgängliches im Leben. Unfälle, Notfälle und Tod passieren und gehören zum Leben, es lohnt sich auch für Kollegen allemal, Erfahrungen im Umgang damit zu machen und etwas daraus zu lernen.

Ein funktionierendes soziales Netzwerk sollte man pflegen und fördern

Gibt es die Möglichkeit, einen Betroffenen für eine gewisse Zeit freizustellen?

Klemens Fraunbaum: Aus unserer Erfahrung liegt es im Ermessen der Firma bzw. deren Leitung, wenn es nach Rücksprache mit dem Betroffenen notwendig oder hilfreich ist, Formen einer Freistellung zu finden: Sonderurlaub über das gesetzlich verpflichtende Ausmaß hinaus ist genauso eine Möglichkeit wie (unbezahlter) Urlaub, Formen einer Karenzierung oder ein vom Arzt verordneter Krankenstand.

Was kann ein Unternehmen noch tun, einen betroffenen Mitarbeiter zu unterstützen?

Klemens Fraunbaum: Ein funktionierendes soziales Netzwerk, kollegiale Beziehungen und menschliche Grundhaltung sind gerade in Unfall- und Notfallsituationen eine wertvolle Basis für die Unterstützung von Betroffenen im Rahmen der Arbeitswelt. Diese zu pflegen und zu fördern bewährt sich immer – ganz besonders in tragischen oder belastenden Situationen einzelner Mitarbeiter. Grundsätzlich sind auch vorhandene und abgesprochene Rahmenbedingungen für spezielle Notfälle, auf die man im Ernstfall zurückgreifen kann, sehr wertvoll und erleichtern dem Unternehmen, zu reagieren und mögliche Unterstützungs- oder Erleichterungsangebote stellen zu können.

Zur Person: Klemens Fraunbaum

Klemens Fraunbaum ist diplomierter Sozialarbeiter, Supervisor, Coach sowie Trainer für Notfall- und Krisenmanagement. Er ist zudem langjähriger Mitarbeiter bzw. Einsatzleiter im mobilen Team des psychosozialen Notdienstes von pro mente OÖ.

Bildnachweis: palmes / Quelle Photocase, YariK / Quelle Photocase limitededition.at

 

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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