Recruiting: Warum Chefs nicht alleine entscheiden sollten

von in HR am Freitag, 17. Februar 2012 um 11:41

Recruiting Mitarbeiter„Den nehmen wir, basta!“ So oder so ähnlich enden oft Beratungen, welcher Bewerber den Job nun letztlich bekommt. Natürlich, irgendwer muss am Ende die Entscheidung verantworten. Die entscheidende Frage ist nur: Wie viel Abstimmung gab es während des Entscheidungsprozesses? Eine aktuelle Untersuchung zeigt nun auf, dass selbstbewusst bis autoritär agierende Menschen bei der Bewerberauswahl nicht unbedingt zum besten Ergebnis beitragen – auch wenn sie in der Belegschaft hohes Ansehen genießen.

Gute Führungskräfte haben schon das gewisse Etwas: Sie scheinen immer zu wissen, was zu tun ist. Sie haben Ahnung davon, wie man das Ganze dann durchzieht. Und sie nehmen die Verantwortung des möglichen Scheiterns ohne mit der Wimper zu zucken auf ihre Schultern. Entscheidungen fallen selbstbewusst, mitunter autoritär. Wenn auch noch die persönliche und fachliche Ebene stimmt, macht Arbeiten unter den richtigen Vorgesetzten Spaß, die Autorität wird vom Gros der Mannschaft nicht angezweifelt. So lange, bis ein Fehler passiert. „Uns hat ja vorher keiner gefragt…!“, schwenken dann selbst die bedingungslosesten Anhänger auf den „Selbst-Schuld-Reflex“ um.

Dass selbstbewusst bis autoritär agierende Führungspersonen zwar oft die Anerkennung ihrer Teams genießen, aber nicht zwangsläufig die richtigen Entscheidungen – vor allem in der Personalauswahl – treffen, belegt nun eine Studie der Universität Amsterdam, über die „Forschung erleben!“ berichtet.

Infos bei Mitarbeitern einholen lohnt sich

Der Versuch: In Dreiergruppen mussten Bewerbungsprozesse durchgeführt werden – ein Teammitglied wurde zufällig zum Teamleiter gekürt, der die Entscheidung nach möglichen Beratungen mit der Mannschaft letztendlich vertreten musste. Der Clou daran: Alle Gruppenmitglieder bekamen von der Studienleitung leicht abweichende Bewerber-Infos zugesteckt, sodass die objektiv beste Entscheidung nur möglich war, wenn zuvor miteinander diskutiert wurde und der „Chef“ die anderen auch ernstnahm. Was den Forschern auffiel: Je autoritärer die Führungsperson agierte, umso größer das Ansehen bei der Truppe. Gleichzeitig hatten die „erfolgreichsten“ Gruppenmanager auch die höchsten Fehlerquoten – weil eben die nötige Diskussion zur Wahrheitsfindung fehlte.

Bewerbungsprozess startet im Idealfall in der Fachabteilung

Ein Experiment, das durchaus Bedeutung für das „richtige Leben“ hat: Allzu oft werden Recruitingprozesse als Chef- oder reine HR-Sache angesehen, in die die Belegschaft nicht oder nur sehr wenig einbezogen wird. Der Effekt ist bekannt: Abteilungen werden durch Wunderkinder bereichert, die zwar objektiv gut sind aber wenig ins Team passen oder sich beispielsweise unter- beziehungsweise überqualifiziert fühlen.

Natürlich kann ein Besetzungsprozess nicht von vorne bis hinten basisdemokratisch ablaufen, weil eben irgendwann eine Entscheidung her muss und das ganze nicht zur Never-Endig-Story auswachsen sollte. Erfolgreiche Recruitingprozesse, die effektiv ablaufen und auch eine hohe Anzahl an passenden Bewerbern einbringen, beginnen aber meist mit einem Gespräch in der Fachabteilung. Bevor man ausschreibt oder gar schon Bewerber einlädt ist es nämlich von Vorteil zu wissen:

  • Welches Aufgabengebiet soll der neue Mitarbeiter denn nun wirklich abdecken? (Möglicherweise haben sich die Anforderungen seit der Ausschreibung für den Vorgänger geändert…)
  • Wie sieht der Job in der Praxis aus? (Arbeitszeit, viel/wenig Flexibilität, benötigte Arbeitsmittel…)
  • Welche Ausbildung hält die Belegschaft für sinnvoll?
  • Wie sieht das Teamgefüge aus? (Gute HR-Manager wollen ein Gefühl dafür bekommen, ob der oder die „Neue“ denn auch persönlich ins Team passt oder nicht).
  • Gibt es eventuell Tipps wo und wie man recruiten sollte? (Mitarbeiter wissen oft ganz genau, in welcher „Szene“, in welchen Netzwerken, Ausbildungsstätten oder anderen Unternehmen fähige Leute sitzen).
Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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