Recruiter-FAQ für das Bewerbungsgespräch: Nie mehr reden als der Bewerber!

von in Bewerbung, HR am Dienstag, 20. Mai 2014 um 08:49

Ein Bewerbungsgespräch ist immer ein heißes Eisen – und zwar meist für beide Seiten: Bewerber und Personalmanager. Vor allem für HR-Manager stellt sich die Frage: Wie an das Gespräch herangehen? Gibt es den idealen Aufbau für ein Bewerbungsgespräch und was sollte unbedingt vermieden werden? HR-Profi Jörg Buckmann und Wolfgang Elsik von der WU Wien verraten die Do´s und Dont´s im Bewerbungsgespräch.

Ob ein Vorstellungsgespräch gut läuft, ist von vielen Faktoren abhängig: Dem richtigen Gesprächsaufbau etwa, oder aber auch von der Anzahl der beteiligten Personen. Wer sollte dabei sein? Was sind Eisbrecher und vor allem: Von welchen Fragen sollten HR-Manager lieber die Finger lassen? Wir haben mit Experten gesprochen:

„Für heikle Fragen, sollte das Gespräch warmgelaufen sein“

Wie soll der inhaltliche Aufbau eines Bewerbungsgesprächs aussehen?

Wolfgang Elsik

Wolfgang Elsik

Wolfgang Elsik: Der Inhalt des Bewerbungsgesprächs richtet sich nach den Anforderungen der zu besetzenden Stelle. Typischerweise geht es hier um fachliche Qualifikation, Methodenkompetenz und soziale Kompetenz, und zwar in dieser Reihenfolge, weil es weniger heikel ist, über fachliche Themen zu reden als über soziale (und damit auch emotionale) Erfolge oder Misserfolge. Für letztere sollte das Gespräch schon warmgelaufen sein. Wichtig ist, konkrete Beispiele und Situationen für das Vorliegen dieser Qualifikationen abzufragen, vor allem bei der sozialen und Methodenkompetenz. Am Schluss des Gesprächs sollte der Bewerber auch erfahren, wie es weitergeht, wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist, etc.

„Pseudo ist schlimmer als gar keine Beteiligung“

Wie viele Personen (und welche) sollten Ihrer Meinung nach bei einem ersten bzw. zweiten Bewerbungsgespräch dabei sein?

TeamworkWolfgang Elsik: Eine für alle Arten von Jobs gültige Aussage ist hier schwer möglich. Wenn mehr als ein Gespräch geführt wird, dann wird das erste üblicherweise zentral von Personalfachleuten im Sinne einer Vorauswahl durchgeführt (eine entsprechend große Zahl an Bewerbungen vorausgesetzt). In weiterer Folge ist dann der zukünftige Vorgesetzte beizuziehen. Wenn die erfolgreiche Aufgabenerfüllung auf der zu besetzenden Stelle eine intensive Zusammenarbeit innerhalb des Teams erfordert, so empfiehlt sich auch ein Gespräch mit den zukünftigen Kollegen. Aber nur, wenn deren Meinung bei der Aufnahmeentscheidung auch berücksichtigt wird. Denn sonst wäre es Pseudopartizipation, und die ist schlimmer als gar keine Beteiligung.

Die schlimmsten Fehler im Bewerbungsgespräch

Auf welche Fehler sollten Personaler bzw. jene Personen, die Bewerbungsgespräche führen, aufpassen? Fällt Ihnen vielleicht ein Beispiel für so ein No-Go ein?

  1. Mehr reden als der Bewerber: Damit interviewt sich der Recruiter selbst.
  2. Den Job schönreden: Führt auch in größter Rekrutierungsnot zu bösem Erwachen und Frühfluktuation.
  3. Das Gespräch ohne Leitfaden, spontan und intuitiv („erfahrungsorientiert“) zu führen: Das Ergebnis sagt dann oft mehr über den Recruiter, als über den Bewerber.

Fragen, die ein Personalmanager keinesfalls stellen sollte:

Neben den wichtigen Dos im Vorstellungsgespräch gibt es auch einige Don´ts, die unbedingt vermieden werden sollten. HR-Profi Jörg Buckmann erzählt:

Gibt es Fragen, die ein Personalmanager keinesfalls stellen sollte?

Jörg Buckmann

Jörg Buckmann

Jörg Buckmann: Es gibt vermutlich noch viel zu oft unnütze Fragen, die „man“ halt einfach so stellt, ohne viel zu überlegen. Ich denke da an die nur schwer auszurottende Frage „Warum sollten wir Sie anstellen?“. Das ist in der heutigen Zeit definitiv unprofessionell und unnötig. Dazu gesellen sich natürlich auch die Fragen, die gesetzlich nicht erlaubt sind. Ausserdem läuft man immer wieder auch Gefahr, zu viele Fragen in Bezug auf den Lebenslauf zu stellen. Diese sind oft wahre Zeitfresser und nicht so ergiebig. Stattdessen sollte man sich streng nach den Musskompetenzen richten und dazu passende verhaltensorientierte Fragen stellen. Dabei ist weniger mehr. Also: Weniger Themen oder Kompetenzen, dafür in die Tiefe.

„Wer sich der Lächerlichkeit preisgeben will, sollte solche Fragen stellen“

Wie stehen Sie zu Fragen à la: „Welches Tier wären Sie?“

Peinliche FragenJörg Buckmann: Dazu gibt es genau eine Antwort: „Deppert“.  Wer sich als Interviewer der Lächerlichkeit preisgeben will, sollte genau solche Fragen stellen. Alternativ wären natürlich auch Fragen nach dem Sternzeichen oder dem Lieblingsferienland denkbar. Oder warum nicht einmal aus der Automarke eine schöne psychologische These aufstellen? Dieses pseudopsychologische Zeug ist definitiv „out“ – sofern es denn überhaupt je „in“ war.

Wie reagiert man, wenn ein Bewerber die Anfahrtskosten rückerstattet haben möchte?

Jörg Buckmann: Zahlen. Ganz einfach. Dazu ist man ja eigentlich vom Gesetzgeber her sowieso verpflichtet – auch wenn es noch nicht so Usanz ist.  Ich denke, da geben die Unternehmen das Geld auch schon mal dümmer aus.

Zu guter Letzt: Wie reagieren, wenn ein Bewerber mit seiner Kleiderwahl ziemlich am Dresscode vorbei ist?

Jörg Buckmann: Ganz einfach ansprechen. Der „Dresscode“ in einem Unternehmen ist Teil der Unternehmenskultur. Das kann und soll man direkt und höflich ansprechen. Vielleicht ist das ein erstes Indiz dafür, dass die kulturelle Passung nicht stimmt.

Zu den Personen: Wolfgang Elsik und Jörg Buckmann

Wolfgang Elsik ist Vorstand des Institutes für Personalmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Seine Forschungsschwerpunkte sind Mitarbeiterbeteiligung, Organisationstheoretische Grundlagen der Personalwirtschaftslehre, Politik in Organisationen, organisationale Karriereverläufe (Karriereplateaus) und Strategisches Personalmanagement.

Jörg Buckmann ist Leiter des Personalmanagements der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), HR-Generalist und leidenschaftlicher Personalmarketing-Blogger. Fast 20 Jahre HR-Wissen machen den Vortragsreisenden und Autor zu einem der HR-Profis im deutschsprachigen Raum.

Bildnachweis: Dooder/Quelle Shutterstock, alphaspirit /Quelle Shutterstock, White Room /Quelle Shutterstock, privat

 

 

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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