Balanceakt Probezeit: „Auch Firmen müssen sich benehmen“

von in Arbeitsrecht, HR am Dienstag, 8. Oktober 2013 um 07:38

Die Probezeit – gibt es beim Führerschein und auch im Job. Sie soll zeigen, ob man etwas ausreichend gut kann. Das Probemonat in einem neuen Job ist jedoch längst nicht mehr nur Zitterpartie für den Arbeitnehmer. Denn viele drehen den Spieß um und nutzen die Probezeit ihrerseits, um sich für oder gegen einen Arbeitgeber zu entscheiden. Drei Profis im Interview.

„Verlängerung wäre Misstrauensvorschuss“

Headhunterin Ines Schöffmann

Ines Schöffmann

Ein halbes Jahr. So lange kann die Probezeit in Deutschland ausfallen. In Österreich sieht die gesetzliche Lage, auch was Kündigungen betrifft, ganz anders aus. Hier darf die Probezeit maximal einen Monat betragen und muss vorher vereinbart werden, wie AK-Präsident Johann Kalliauer erklärt. In diesem Zeitraum kann das Dienstverhältnis sowohl vom Arbeitgeber als auch vom Arbeitnehmer ohne die Angabe von Gründen gelöst werden. Eine längere Probezeit kann vereinbart werden – üblich ist dies jedoch nicht. „Eine Verlängerung der Probezeit würde vermutlich eher Irritationen auslösen und von den Arbeitnehmern als Misstrauensvorschuss gewertet werden“, meint dazu Ines Schöffmann, Headhunterin und Leiterin von HR Consulting in Salzburg.

Wenn Mitarbeiter abspringen

Zum Thema Probezeit hat Schöffmann eine interessante Beobachtung gemacht: Je höher die Position, desto später wird eine etwaige mangelnde Eignung sichtbar. „Bei einfachen Tätigkeiten sieht man recht schnell, wenn jemand fachlich überfordert ist. Ich vermittle Techniker und Informatiker, in diesem Feld kommt es hingegen nie vor, dass jemand im Probemonat gehen muss.“ Jedoch scheint es schon so zu sein, dass Mitarbeiter ihrerseits das Probemonat für den Absprung nutzen, so die Personalberaterin.

Absprung nicht nur für Personaler bitter

absprungEin solcher Absprung ist meist bitter, für HR-Manager bzw. Personaler, die betroffenen Abteilungen sowie das Unternehmen an sich. Denn Recruiting ist teuer und meist auch kein rasend schneller Prozess. Die Frage lautet also: Aus welchen Gründen springen neue Mitarbeiter vom vermeintlichen Traumjob ab? Schöffmann hat hierfür ein „persönliches Ranking der häufigsten Gründe“ erstellt.

Die drei Top-Gründe für den Ausstieg neuer Mitarbeiter

  1. Mieses Betriebsklima: Auch und gerade in vermeintlichen Top-Unternehmen Kündigungsgrund Nummer 1. „Wie das Betriebsklima wirklich ist, merkt man halt immer erst, wenn man schon angefangen hat“, so Schöffmann. Ein Beispiel aus der Praxis: „Ein neuer Arbeitnehmer, frisch von der HTL, bezieht seinen neuen Arbeitsplatz. Bald fällt ihm auf, dass die beiden älteren Kollegen, mit denen er das Büro teilt und zwischen denen er sitzt, kein Wort miteinander sprechen. Er erfährt, dass die beiden seit Jahren verfeindet sind und er nur als Kommunikationsdrehscheibe zwischen den beiden missbraucht wird.“ Fakt ist: HR-Verantwortliche können solchen Situationen gegensteuern, indem sie Stimmungen in den Abteilungen abholen und Situationen wie die im Beispiel beschrieben deeskalieren. Dass eine Abteilung, in der sich Mitarbeiter gegenseitig blockieren, wirtschaftlich kaum Top-Leistungen bringen wird, ist zudem klar. Zu erfolgreichem Employer Branding gehört auch die Investition in gutes Betriebsklima.
  2. Kein Draht zum Chef: Wenn die Chemie mit der unmittelbaren Führungskraft nicht stimmt, ist ein Abgang meist nur eine Frage der Zeit. Genrell wird empfohlen, den künftigen Vorgesetzten, Teamleiter oder je nach Situation sogar einzelne Kollegen in den Recruitingprozess mit einzubeziehen.
  3. Schlechte Jobdescription: Der dritthäufigste Grund für das Abspringen der neuen Mitarbeiter ist eine falsche Jobdescription. Auch hierfür ein Beispiel: „Der als ,Sales Manager´eingestellte Vertriebsmann merkt bald, dass von der versprochenen ,Tätigkeit mit hoher Eigenverantwortung´ nicht die Rede sein kann. Sein Job beschränkt sich in Wirklichkeit darauf, den Geschäftsführer bei Kundenbesuchen zu begleiten. Den Dienstwagen gab es ebensowenig wie die Abschlussprovisionen. Die wenig überraschende Konsequenz: Der Mann war schnell wieder weg. Das perfekte Stelleninserat ist die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Recruiting. Dieses sollte zum einen klar formuliert sein, andererseits auch die gesuchte Position so gut (und ehrlich) als möglich wiedergeben.

Der demütige Arbeitnehmer ist antiquiert

Psychologin Christa Schirl

Christa Schirl

Dass das Bild vom demütigen, alles schluckenden Arbeitnehmer antiquiert ist, weiß auch die Linzer Psychologin Christa Schirl. „Auch der Arbeitnehmer überlegt sich heute oft sehr gut, ob er in einem Unternehmen richtig ist. Es ist ja nicht so, dass es in jedem Bereich einen Arbeitskräfteüberschuss gibt.“ Auch für Schirl ist das Klima im Team ein wesentlicher Faktor bei der Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber. Professionelles Onboarding ist das Um und Auf für einen guten Start ins Unternehmen. Einige Arbeitgeber setzen bereits sehr erfolgreich auf Mentorenprogramme oder eine Integrationsphase, in der ein neuer Mitarbeiter mehrere Abteilungen durchwandert und so auch rasch die Kollegen kennen lernt.

„Es geht darum, gute Arbeitsbeziehungen aufzubauen“

kollegen_beziehung„Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, muss man nicht gleich das Handtuch werfen, sollte jedoch das Gespräch suchen. Am Anfang eines Jobs geht es vor allem um ein Kennenlernen – das vergessen leider viele. Wer etwa versucht, gleich alles niederzureißen, kommt meist nicht gut an“, so Schirl. Eine gewisse Form der Zurückhaltung sei zu Beginn meist gar nicht schlecht. „Das wichtigste neben den Leistungen ist es, gute Arbeitsbeziehungen aufzubauen.“

Thema „Auflösung in der Probezeit“ als Dauerbrenner

Johann Kalliauer, AKOÖ-Präsident

Johann Kalliauer, AKOÖ-Präsident

Bei der Arbeiterkammer ist das Thema „Probezeit“ freilich keine Unbekannte. „Das Thema Auflösung in der Probezeit ist ein Dauerbrenner in unserer Rechtsberatung, vor allem in der telefonischen. Meist wollen die Betroffenen wissen, ob die Auflösung des Arbeitsverhältnisses in ihrem Fall wirklich zulässig ist oder ob der Chef den Schritt begründen muss. Auch wollen die Arbeitnehmer wissen, ob und welche Geld- und Urlaubsansprüche ihnen bei ihrer Probezeit-Beendingung zustehen.“ Beratung gibt es bei der Arbeiterkammer, pauschale Antworten zum Thema sind schwierig, weil es auch immer vom jeweiligen Kollektivvertrag abhängt. Eines ist jedoch fix: Auflösungen in der Probezeit sind auch dann möglich, wenn ein Arbeitnehmer krank ist. Denn es handelt sich dabei, so Kalliauer, ja nicht um eine Kündigung, sondern um eine eigene Art der Auflösung.

Bildnachweis: Schirl, AK, HR Consulting,ollyy / Quelle Shutterstock, djgis / Quelle Shutterstock, Pressmaster / Quelle Shutterstock

 

 

 

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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