Das Prinzip der minimalen Führung: Tore kann man nur erarbeiten, nicht befehlen – Training schon

von in HR am Donnerstag, 13. September 2012 um 10:50

Häufig erleben wir, dass Unternehmen Großes ins Auge fassen. Schon nach einigen Monaten ist eigentlich klar, dass aufgrund veränderter Bedingungen diese Ziele gar nicht mehr zu erreichen sind. Und das ist noch fast ein Glücksfall. In manchen Unternehmen dümpeln die Vereinbarungen vor sich hin, und erst einige Wochen vor Jahresfrist befällt die überraschte Führungskraft nervös die Erkenntnis, dass der Zug längst in die andere Richtung fährt. „Was? Wir liegen so weit außer Plan? Wie konnte das denn passieren?!“ Unternehmensberater, Management- und Wirtschaftstrainer Wolfgang Tschinkel führt in seiner Gastartikel-Reihe durch sein Buch “Das Prinzip der minimalen Führung”.

Dabei hängt das Erreichen von Zielen nicht allein an den Mitarbeitern. Hier spielen Politik, globale Konkurrenz, Marktveränderungen, das Kundenverhalten etc. eine wichtige Rolle.

Wenn Hau-Ruck-Aktionen nicht mehr helfen

Und die Geschwindigkeit der zu erwartenden bzw. der unerwarteten Veränderungen hat zugenommen und wird weiter zunehmen. Da können dann Hau-Ruck-Aktionen auch nicht mehr helfen. Meistens verbergen sich dahinter statistische Tricks oder kurzfristige Manöver, um mit geschönten Zahlen Vorstand oder Anleger zu blenden. Mit seriöser Leitungskompetenz auch im Sinne des Unternehmens haben solche Rettungsaktionen nichts gemein.

Wolfgang Tschinkel, IQ Consulting

Wolfgang Tschinkel, IQ Consulting

Außerdem verführt das vergebliche Ringen um Ziele dazu, im Falle eines Nicht-Erreichens auf die Therapie »Mehr desselben« zu verfallen. Wenn nicht der Werbebrief an die Kunden vorgeschrieben wird, sondern deren positive Resonanz, kann eine fehlende Reaktion entmutigen. Aber es wäre sicher nicht hilfreich, wenn nun mit einem weiteren Regen an Werbungsschreiben endlich die Kundenresonanz erzwungen wird. Vielleicht sieht diese dann so aus, dass der genervte Empfänger den Kontakt zum Unternehmen gänzlich abbricht, um der Kommunikation, die von ihm als penetrant wahrgenommen wird, zu entkommen.

Das sind einige der Gründe, warum die althergebrachte, klassische Zielvereinbarung heute immer weniger Sinn bereitet. Schauen wir im ersten Schritt, was inhaltlich dort normalerweise alles vereinbart wird. Zwei Bereiche sind aus unserer Erfahrung von zentraler Bedeutung: Zeigt sich in der Vereinbarung die Handschrift des Mitarbeiters? Sehen wir nicht nur Ziele, sondern auch gangbare Wege, die vereinbart werden?

Wir greifen einige typische Vereinbarungen aus schriftlichen Zielvereinbarungen einiger Unternehmen heraus:

  • „Verkauf von Einheiten > € 30.000,00“
  • „Gewinnt höhere Akzeptanz bei Kunden“
  • „effizienteres und gutes Zeitmanagement“
  • „zu verbessern bei Arbeitsweise: Belastbarkeit“
  • „Kommunikationsfähigkeit weiter entwickeln“

Was wir hier häufig nicht finden ist eine persönliche Handschrift des Mitarbeiters. Eine oberflächliche Art, Ziele zu definieren, erleichtert es jedem Mitarbeiter, die Zielvereinbarung weniger ernst zu nehmen und die Umsetzung nicht anzugehen. „Vereinbarungen“ sind damit auch schwierig überprüfbar, und von solchen Ausdrücken wie „Gewinnt höhere Akzeptanz und Wertschätzung bei Kunden“ geht wenig motivationale Kraft aus. Der Mitarbeiter geht jetzt mit diesem Satz nach Hause, aber was soll er denn jetzt konkret tun?

Und weiß die Führungskraft, die dies vereinbart, hier konkret, was zu tun ist? Der fromme Vorsatz wird sicherlich einen realen Hintergrund haben, aber hilft das dem Mitarbeiter beim Umsetzen oder Erreichen dieses Ziels? Als Fazit wird aus unserer Sicht heute in Unternehmen bereits inhaltlich zu wenig Fokus auf den Weg, wie ein Ziel erreichbar werden soll, gelegt.

Der Beleg dafür ist, dass in vielen Unternehmen im schriftlichen Formular für Zielvereinbarungsgespräche häufig gar kein Platz oder eine Möglichkeit vorgesehen ist, Aktivitäten, Aufgaben oder konkrete Maßnahmen festzuhalten. Genau das wäre aber sinnvoll, denn hier ist dem Mitarbeiter klar, was er zu erledigen hat. Und nur für diese seine Arbeit und für das dort anzustrebende Ergebnis ist er verantwortlich. Wie ein Fußballtrainer kann man das Training effektiver machen, Standardszenen üben, Pünktlichkeit und Einsatz verlangen. Der Sieg selbst aber lässt sich nicht befehlen, nur erstreben! Und ein guter Trainer weiß, dass eine Niederlage nach einem unsinnigerweise befohlenen Sieg doppelt demotiviert.

Übung für Ihre Führungspraxis

  1. Halten Sie sich Ihre wichtigsten sechs beruflichen Ziele für dieses Geschäftsjahr schriftlich fest.
  2. Priorisieren Sie diese sechs Ziele nach ihrer persönlichen Wichtigkeit.
  3. Überprüfen Sie, ob die Ziele auch „SMART“ sind.
  4. Und jetzt gehen Sie Ziel für Ziel durch und überprüfen, welche konkreten Maßnahmen und/oder Aktivitäten für jedes dieser Ziele aus Ihrer Sicht notwendig sind, um dieses Ziel auch zu erreichen.
  5. Fragen Sie sich nach der Fertigstellung, wann und wie Sie selbst die Erreichung überprüfen können und werden (oder sogar von jemand Drittem überprüfen lassen).

Zur Person:

Wolfgang Tschinkel hat Betriebswirtschaft an der Uni Innsbruck studiert. Er hat zusätzliche Abschlüsse als Managementtrainer, Unternehmensberater und ist akkreditierter Wirtschaftstrainer. Wolfgang Tschinkel ist ausgebildet in systemischer Beratung, transpersonaler Psychologie, Transaktionsanalyse, Change Management, NLP und Führungstechniken. Seit 2001 ist er Eigentümer und Geschäftsführer von IQ Consulting mit den Beratungsbereichen Leadership und Training, Entwicklungsprogramme, Organisationsentwicklung und Veränderungsmanagement, Potentialerkennung und -Förderung und Coaching.

Das Buch „Das Prinzip der minimalen Führung“

Wolfgang Tschinkel ist Autor des Buchs „Das Prinzip der minimalen Führung“, dessen zweite und erweiterte Auflage im September 2011 im Windmühle Verlag erschienen ist. Veröffentlichungen von Auszügen aus dem Buch „Das Prinzip der minimalen Führung“ bedürfen des Hinweises auf den Buchtitel sowie den Verlag, und sind nur gekoppelt mit dem erhaltenen Foto von Wolfgang Tschinkel zulässig.

Bildnachweis: Colourbox.com, IQ Consulting

Redaktion

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