Das Prinzip der minimalen Führung: Integrieren Sie Ihr „Hänschen“

von in Arbeitsleben am Freitag, 9. März 2012 um 09:29

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ Wenn Sie dieses Sprichwort als Kind ertragen mussten, können wir Sie beruhigen. Auch Hans kann noch lernen. Aber in der Umkehrung wird dieser Satz, der meist dazu benutzt wird, kleinen Kindern Wohlverhalten beizubringen beziehungsweise aufzudrücken, ein wahrer Segen oder auch Fluch. Oder: Was Tinchen erlebte, wird Tina weiter bestimmen! Unternehmensberater, Management- und Wirtschaftstrainer Wolfgang Tschinkel stellt in einer Gastartikel-Reihe sein Buch „Das Prinzip der minimalen Führung“ vor.

Ein Gastartikel von Wolfgang Tschinkel/IQ Consulting

Das bedeutet, dass sich jede Führungskraft mit ihren eigenen Lernerfahrungen als geführte, erzogene, geprägte Person auseinandersetzen muss. Denn diese Erfahrungen prägen ihren eigenen Stil mehr als jede im Studium, auf Seminaren oder aus Büchern gelernte Theorie.

Wie interessant ist es für Sie, der Frage einmal nachzugehen: Welche Führungsprinzipien herrschten in Ihrer Kindheit? Galt der Spruch: „§1 Papa hat immer recht! §2 Wenn er nicht recht hat, tritt §1 in Kraft!“? Oder war es eine offiziell autoritäre, aber real partnerschaftliche Version, etwa: „Was Papa sagt, wird gemacht“ (Papa berät mit Mama, was er sagen soll! Vorlieben der Kinder werden nach Möglichkeit berücksichtigt). Oder hatte Mama meistens recht?

Gab es lebhafte Diskussionen und ein Ringen um Entscheidungen am Mittagstisch? Vielleicht hatte der Lauteste recht oder setzte sich gerade der, der laut wurde, dadurch ins Unrecht?

Wolfgang Tschinkel, IQ Consulting

Wolfgang Tschinkel, IQ Consulting

Die Generationen- und Geschlechterrollen: Vater, Mutter, Bruder, Schwester – wer entschied, was sich wie gehörte? Was hatte die Großmutter zu sagen? Wer übernahm Verantwortung? Wer war „nie“ da? Und wenn Sie sich an gemeinsame Gesellschaftsspiele erinnern, wie gelassen wurde verloren, wie triumpierend gewonnen? Wenn Sie sich bitte an den Familientisch Ihrer Kindheit zurückversetzen: Welche Regeln galten und wer stellte sie auf? Sicher finden Sie einige Bilder die Sie auch auf sich selbst übertragen können. Und zwar sowohl nachahmend wie etwa bewusst kontrastierend zum Verhalten der Menschen, die Sie erzogen und auf das selbstständige Leben vorbereitet haben.

Wie stark prägen mich heute noch diese Führungsprinzipien?

Und natürlich wurde diese Prägung durch ertragene Leitung nicht nur in der Erziehung daheim, sondern auch in Kindergarten und Schule erworben. War Ihr Lieblingslehrer „hart aber gerecht“ – oder eher eine sanftmütige Seele, zu der Sie mit jeder Sorge kommen konnten?

Und wenn Sie körperliche Strafen erfahren mussten, haben Sie daraus die Konsequenz gezogen: „Ich werde niemals körperlich verletzen!“, oder hat sich in Ihnen der Grundsatz eingeschrieben „Das hat noch niemandem geschadet…!“?

Auch wenn Sie das Hänschen im Hans, das Tinchen in der Tina niemals so ganz loswerden, je bewusster Sie es kennen, desto souveräner könne Sie es nutzen oder auch in seine Schranken weisen.

Dabei könne Sie ruhig auf Wertungen verzichten. Segen und Fluch liegen hier oft direkt nebeneinander. Die Grenze zwischen Autorität einfordern und Autorität missbrauchen, zwischen Respekt und Furcht, zwischen kreativ und ungezogen und so weiter ist nicht immer eindeutig zu ziehen. Es ist wichtig, die eigenen Erfahrungen bewusst zu reflektieren. Aber ein buntes Feld der Erinnerungen lässt sich sicher nicht immer in die Eindeutigkeit von gut und böse sortieren.

Nun vergleichen Sie die Prägungen von Hänschen mit Ihrem heutigen Hans! Hat Hänschen in Angst und Scheu vor anderen Autoritäten kein gefestigtes Selbstbewusstsein entwickeln können, fällt es Hans sehr schwer, Kritik an seiner Person ohne innere Krise zu akzeptieren. Erstens, weil jede Kritik als tiefer Angriff auf das eigene Selbst erlebt wird, zweitens, weil die früher erlebten Autoritäten Kritik nicht duldeten. Der arme Hans steht hier auf einem wackligen Drahtseil und versucht relativ nervös oben zu bleiben. Jeder kritische Schubs wird vom inneren Hänschen als Generalangriff interpretiert, der sich per se nicht gehört. Findet er trotzdem statt, beweist dies erst recht sein Versagen.

Tina scheint dagegen geradezu begierig nach Feedback jedweder Art. Das Tinchen im Inneren weiß eben, dass es schon ganz toll ist. „Bitte beachtet mich und helft mir, mich noch weiter zu verbessern!“ – manch zarterem Gemüt kann auch ein solche Führungskraft auf die Nerven gehen. Insgesamt ist es allerdings mit solch einem selbstbewussten Kind in der eigenen Seele leichter, nicht jede Krise als Angriff auf die gesamte Existenz zu interpretieren – das macht es dann auch den Mitarbeitern leichter, ein offenes Wort zu führen.

Nehmen Sie die Muster aus der Kindheit an!

Lernen Sie Ihr Kindheitsmuster bezüglich Führung kennen. Und vor allem, nehmen Sie es liebevoll an! Gerade die zerbrechlichen und angsterfüllten Momente in Ihrer Geschichte verlangen Ihren Respekt. Ein Choleriker, der sich selbst vergeben kann, kann sich auch entschuldigen. Ein anderer, der verzweifelt die Luft anhält, um nicht zu explodieren, merkt vielleicht gar nicht, wie vergiftend sein Schweigen schon lange auf die anderen wirkt. Und jemand, dem das Glück widerfuhr, als geliebtes, geachtetes, vielleicht sogar angehimmeltes und sehr selbstbewusstes Kind groß zu werden, der sollte es schmunzelnd akzeptieren, dass noch nicht alle auf dieser Erde von seiner Genialität überzeugt sind. Und dass er sein eigenes übersteigertes Selbstwertgefühl nicht abwürgen muss. Er sollte es nur nicht für objektiv halten.

Übung für Ihre Führungspraxis:

  1. Suchen Sie sich eine Person in Ihrem Berufsfeld aus, die Sie nicht mögen und schreiben Sie den Namen auf.
  2. Welche Verhaltensweisen mögen Sie an Ihm/Ihr nicht?
  3. Welche Verhaltensweisen mögen Sie an sich selbst nicht? Gibt es hier Parallelen?
  4. Wenn nicht, reflektieren Sie weiter, denn alles, was uns am anderen stört, hat eine Beziehung zu unserer eigenen Geschichte. Das „falsche“ Grinsen, die „unmöglichen Kleider“, der aufdringliche Geruch, das vorlaute Stören und so weiter. Wenn uns etwas am anderern über die Maßen stört, hat es immer auch mit uns selbst zu tun. Welche Beziehung können Sie zwischen dem Verhalten und Ihrer Geschichte herstellen?
  5. Wenn Sie dies nicht finden, können Sie einen Kollegen oder Freund um Feedback hierzu bitten, das heißt, er kann vielleicht die Gemeinsamkeit erkennen und Ihnen hierzu Rückmeldung geben – das könnte ein interessanter Austausch werden.
  6. Nachdem Sie dies reflektiert haben, könne Sie sich die Frage stellen: „Was schätze ich an dieser Konfliktperson?“ Das kann sich sowohl auf deren Charakter als auch auf deren Arbeit im Unternehmen beziehen.
  7. Was hat sich nun verändert? Wie stehen Sie nun zu der Konfliktperson?

Entscheiden Sie nun, was Sie mit dem Konflikt machen möchten. Möchten Sie es ansprechen und sich mit dem anderen offen austauschen? Ist Ihnen bei der Reflexion vieles klar geworden und und können Sie die Person anders sehen und schätzen?

Und wenn Sie möchten, könne Sie noch über eine besondere Frage am Schluss nachdenken: „Wie würde sich der Ärger über den anderen verändern, wenn Sie wüssten, dass diese Person Sie mag?“

Anmerkung: Alle diese Punkte können Sie natürlich auch im Konflikt mit Lebenspartnern, Kindern, Eltern, Freunden und sogar Feinden anwenden!

Zur Person:

Wolfgang Tschinkel hat Betriebswirtschaft an der Uni Innsbruck studiert. Er hat zusätzliche Abschlüsse als Managementtrainer, Unternehmensberater und ist akkreditierter Wirtschaftstrainer. Wolfgang Tschinkel ist ausgebildet in systemischer Beratung, transpersonaler Psychologie, Transaktionsanalyse, Change Management, NLP und Führungstechniken. Heute ist er Eigentümer und Geschäftsführer von IQ Consulting mit den Beratungsbereichen Leadership, Change und Managementtraining.

Das Buch „Das Prinzip der minimalen Führung“

Wolfgang Tschinkel ist Autor des Buchs „Das Prinzip der minimalen Führung“, dessen zweite und erweiterte Auflage im Sept. 2011  im Windmühle Verlag erschienen ist. Veröffentlichungen von Auszügen aus dem Buch „Das Prinzip der minimalen Führung“ bedürfen des Hinweises auf den Buchtitel und den Verlag, und sind nur gekoppelt mit dem erhaltenen Foto von Wolfgang Tschinkel zulässig.

Bildnachweis: colourbox.com, IQ Consulting

Redaktion

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