Das Prinzip der minimalen Führung: Lehnen Sie den Aufstieg ab, den Sie nicht wollen!

von in Arbeitsleben am Freitag, 13. Juli 2012 um 10:00

Vielleicht „droht“ Ihnen ein Leitungsjob, bei dem Sie Mitarbeiter führen sollen. Aber eigentlich lieben Sie den Außendienst, die praktische Arbeit, das Holz in der Hand, das Geräusch der Motoren, den Geruch frischer Farbe usw. Der Schreibtisch, ständige Meetings und dieser Klüngel im Betrieb ist Ihnen zuwider. Dann sagen Sie NEIN! Sie tun sich selbst und Ihren möglichen Mitarbeitern damit einen großen Gefallen. Unternehmensberater, Management- und Wirtschaftstrainer Wolfgang Tschinkel führt in seiner Gastartikel-Reihe durch sein Buch “Das Prinzip der minimalen Führung”.

Wir erleben in der Praxis häufig die klassische Fehlentscheidung, den besten Verkäufer infolge seiner guten Leistungen zum Vertriebsleiter zu befördern. Und immerhin fast genauso häufig erleben wir dann im Beratungsalltag, dass der beste Verkäufer eben nur bedingt auch eine gute Führungskraft ist. Dann wird uns vom beförderten Vertriebsleiter erzählt: „Viel lieber bin ich auch jetzt noch draußen beim Kunden als im Büro. Und im Vertrauen, die wirklich interessanten Geschäfte lasse ich mir nicht wegnehmen. Den ganzen Tag im Büro würde ich gar nicht aushalten.“

Wenn der nette Kollege zum grantigen Chef wird

Wolfgang Tschinkel, IQ Consulting

Wolfgang Tschinkel, IQ Consulting

Es ist häufig so, dass ein exzellenter Verkäufer die Unabhängigkeit draußen beim Kunden ebenso liebt wie das gute Gefühl „abzuschließen“. Jetzt sind aber als Leiter des Vertriebs ganz andere Anforderungen an ihn gestellt. Es gilt Tourenpläne zu erstellen und zu überwachen. Er soll die Mannschaft motivieren, den Vertrieb insgesamt steuern und die Ergebnisse erzielen, die gefordert sind. Nicht unbedingt Dinge, von denen ein Vollblutverkäufer träumt! Und seine Leute, die nun statt ihm zu den Kunden fahren sollen bzw. dürfen, fragen sich, warum der nette Kollege so ein missmutiger, grantiger Chef geworden ist. „Fast könnte man meinen, der sei sauer, dass er jetzt Chef ist!“, fasste ein Außendienstler sein neues Verhältnis zum Vorgesetzten uns gegenüber enttäuscht zusammen.

Management ist ergebnisorientiert! Und das bedeutet auch, dass Management nicht immer nur angenehme Seiten hat! Führungskraft zu sein ist auch eine Art Berufung und jeder, der sich für diesen Schritt entscheidet, sollte auch die Motive verfolgen, die Führung normalerweise verlangt:

Übung für Ihre Führungspraxis:

  • Sind Sie machtmotiviert? Haben Sie Freude daran, andere zu beeinflussen? Wir meinen das hier im positiven Sinne und denken eine Führungskraft sollte nicht zurückschrecken, wenn es das Wort Macht und Einflussnahme hört, denn genau darum geht es!
  • Sind Sie wettbewerbsmotiviert? Auch hier geht es darum, dass Sie es als Ansporn sehen, die beste Leistung zu vollbringen. Waren Sie vielleicht schon früher gern der Schnellste oder haben Sie eher gesagt: „Es ist mir nicht wichtig, eine Topleistung zu vollbringen…“ Gute Teamergebnisse Ihrer Mitarbeiter sind auch davon abhängig, in wieweit Sie als Chef den Ehrgeiz haben und weitervermitteln, eine vorhandene Leistung unbedingt steigern zu wollen.
  • Sind Sie beziehungsmotiviert? Gehen Sie gerne auf andere Menschen zu und begeben sich in aktive Kommunikation oder sind Sie eher der Einsiedlerkrebs, der viel mit sich allein ausmacht und sich gerne zurückzieht. Führungskräfte sollten keine Scheu haben, mit den Mitarbeitern in Kommunikation zu treten und aktiv Beziehungen nach Innen und nach Außen zu gestalten.
  • Sind Sie ziel- und zweckorientiert? Suchen Sie stets den kürzesten Weg, um die Ziele zu erreichen und ist dies für Sie ein Ansporn, oder wägen Sie lange und stark ab und verlieren sich gerne in der Ambivalenz. Fällt es Ihnen vielleicht eher schwer auch kreative Entscheidungen zu treffen, um ein Ziel zu erreichen? Dann deutet dies eher auf eine niedrige Ziel- und Zweckorientierung hin.

Wenn Sie jetzt sagen: „Ja, das sind meine Motive…hier finde ich mich wieder!“ Dann nur los, eine Führungsaufgabe wartet auf Sie. Wenn Sie aber bei zwei oder sogar drei Motiven sagen, „Das ist nicht mein Ding…“, dann überlegen Sie es sich gut.

Das gilt sowohl für die Mitarbeiter als auch für denjenigen, der die Verantwortung und Leitung innehat. Führungskräfte, die mit diesem Grundsatz nicht leben möchten, sollten keine Managementaufgaben übernehmen. Das gilt nach unserer Erfahrung nicht nur für Talente auf dem falschen Posten, wie das oben erwähnte Verkaufsgenie als Vertriebsleiter. Es gilt auch und in besonderem Maße für leitende Mitarbeiter von Non-Profit-Organisationen. Wer in einer auf Spenden und sichtbare „Ergebnisse“ angewiesenen Hilfsorganisation nicht fähig ist, z. B. Tadel oder Ermahnungen auszusprechen, weil Mitarbeiter „ihren Hintern nicht hochkriegen“, gerät in Gefahr, die ganze Organisation vor den Augen der Öffentlichkeit an die Wand zu fahren.

„Klagelieder-Chor der Führungskräfte“

Auch viele öffentliche und private Betriebe leiden darunter, von Mitarbeitern ausgenutzt zu werden, weil der „Gutmensch“ als Vorgesetzter Streit scheut und Konsequenzen meidet. Wenn Sie also merken, dass diese schwierigen Seiten jeder Führung von Personen Ihnen nicht nur unangenehm sind, sondern Sie auch zutiefst belasten, dann sollten Sie sich diesem Druck gar nicht aussetzen. Es ist dann gesünder für Sie und besser für alle Beteiligten, wenn Sie eine Beförderung nicht annehmen. Wir betonen dies hier, da wir immer wieder auf Führungskräfte treffen, die in diese Aufgabe durch die Aussicht auf höheres Ansehen und Einkommen scheinbar „hineingerutscht“ sind, ohne sich die Konsequenzen klar vor Augen geführt zu haben.

„Als ich diese neue Aufgabe übernommen habe, hat mir keiner gesagt, dass das so viel Ärger geben kann!“ „Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich lieber den alten Job behalten!“ „Früher kam ich mit allen gut zurecht. Nun muss ich drängen, tadeln, sogar abmahnen. Ich wäre gerne noch so beliebt wie vor dem Karrieresprung!“ – diese Klagelieder hören wir häufig. Sie sollten es sich rechtzeitig ersparen in diesem Chor mitzusingen!

Zur Person:

Wolfgang Tschinkel hat Betriebswirtschaft an der Uni Innsbruck studiert. Er hat zusätzliche Abschlüsse als Managementtrainer, Unternehmensberater und ist akkreditierter Wirtschaftstrainer. Wolfgang Tschinkel ist ausgebildet in systemischer Beratung, transpersonaler Psychologie, Transaktionsanalyse, Change Management, NLP und Führungstechniken. Seit 2001 ist er Eigentümer und Geschäftsführer von IQ Consulting mit den Beratungsbereichen Leadership und Training, Entwicklungsprogramme, Organisationsentwicklung und Veränderungsmanagement, Potentialerkennung und -Förderung und Coaching.

Das Buch „Das Prinzip der minimalen Führung“

Wolfgang Tschinkel ist Autor des Buchs „Das Prinzip der minimalen Führung“, dessen zweite und erweiterte Auflage im September 2011 im Windmühle Verlag erschienen ist. Veröffentlichungen von Auszügen aus dem Buch „Das Prinzip der minimalen Führung“ bedürfen des Hinweises auf den Buchtitel sowie den Verlag, und sind nur gekoppelt mit dem erhaltenen Foto von Wolfgang Tschinkel zulässig.

Bildnachweis: Colourbox.com, IQ Consulting

Redaktion

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