Es reicht! Wie man übertriebenem Perfektionismus ein Ende bereitet

von in Arbeitsleben am Donnerstag, 3. März 2011 um 13:33

Kann man „zu perfekt“ für einen Job sein? Man kann, sagt Psychologin und Psychotherapeutin Christa Schirl-Russegger: Nämlich dann, wenn man seinen Output im Job durch den eigenen Perfektionismus schmälert. Das schadet nicht nur dem Unternehmen. in erster Linie nimmt das Ego Schaden, weil man ständig mit sich selbst unzufrieden ist und die eigene Leistung als unzureichend abtut.

Ich merke immer wieder, wie ich mich selbst unter Stress setze. Wenn ich ein Konzept abgeben soll, denke ich kurz vor Abgabeschluss: „Nein, so ist das nicht perfekt… da muss noch mehr Gliederung herein… die Tabellen müssen besser formatiert werden…!“ Mein Drang nach Perfektion stresst mich. Dazu kommt, dass mir meine Chefin immer öfter rückmeldet: „Kürzer hätte auch genügt“ oder „Wann soll ich das denn lesen?“

Jeder Mensch hat innere Antreiber, die uns zuflüstern: „Machs noch besser!“, „Sei schneller!“, „Streng dich an!“ Wenn wir auf diese inneren Stimmen hören, setzen wir uns selbst unter Druck. Ihr Antreiber schreit: „Sei perfekt!“ Dieser Perfektionismus schadet Ihnen und dem Unternehmen. Wenn ein kurzer Bericht genügt, sind 20 Seiten vergeudete Energie. Der Perfektionist möchte immer alles vollständig haben und übertreibt dabei. Er möchte alle Argumente aufzählen, alle Seiten beleuchten.

Mut zu Fehlern entwickeln

Er hat Angst etwas auszulassen. Perfektionisten sind meist zu spät dran. Sie bringen ihre Produkte nie auf den Markt, weil der Konkurrent mit der weniger perfekten Lösung schneller ist. Oder wie Bill Gates meinte: „Wo wären wir heute, wenn man zu Kolumbus gesagt hätte: Bleiben Sie hier! Warten Sie mit der Entdeckungsreise, bis wir unsere wichtigsten Probleme gelöst haben!“ Für Sie gilt: Fragen Sie immer genau nach, wie umfangreich Ihre Berichte sein sollen. Entwickeln Sie Mut zu Fehlern und Mut zur Lücke. Wenn Ihnen Ihr Antreiber zuflüstert „Das ist noch nicht genug! Dass muss perfekter sein!“ – dann kontern Sie: „Es reicht! Wenn nicht, kann ich es noch nachliefern!“ Fragen Sie sich immer: „Was wird im schlimmsten Fall passieren?“ In Ihrem Fall hätte der Chef möglicherweise gesagt: „Bitte gliedern Sie das noch besser! Oder formatieren Sie diese Tabelle neu?“ – also kein Hals- und Beinbruch. Oft stammen diese Antreiber aus unserer Kindheit und sind fest verankert.

Zur Person:
Christa Schirl-Russegger ist Klinisch- und Gesundheitspsychologin, zertifizierte Arbeitspsychologin und sinnzentrierte Psychotherapeutin. Neben der Tätigkeit in ihrer eigenen Praxis ist sie außerdem Trainerin und Vortragende. Ihre Expertise stellt Christa Schirl-Russegger seit mehreren Jahren zahlreichen Medien zur Verfügung.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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