Warum Outing am Arbeitsplatz kein Thema mehr sein sollte

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt am Montag, 2. Juni 2014 um 10:30

Es gibt Dinge, über die man in einer perfekten Welt nicht mehr sprechen müsste. Outing am Arbeitsplatz ist so eine Sache. So weit ist unsere Gesellschaft jedoch noch nicht, sagt einer, der es wissen muss: Andreas Hiermayer, Wiener Hoteldirektor und Präsident von AGPRO (Austrian Gay Professionals) im Interview über Diskriminierung, den Einfluss des Arbeitgebers und das Phänomen Conchita Wurst.

„Befreiteres, leichteres Arbeiten“

Sind Sie für generelles Outing am Arbeitsplatz?

Andreas Hiermayer

Andreas Hiermayer

Andreas Hiermayer: Von meiner persönlichen Erfahrung heraus würde ich es empfehlen, weil ich damit immer gut gefahren bin. Mein Vorteil war, dass mein Vorgesetzter mich gut kannte und so seine Berührungsängste abgebaut und sein Bild über Schwule und Lesben geändert hat. Mein Outing hat ihm gezeigt, dass es auch die andere Art von Schwulsein gibt, nicht nur das Schrille. Man kann meiner Meinung nach aber nicht generell sagen: „Ja, macht es!“ Es gibt zum Beispiel gewisse Arbeitsumfelder, wo man sich das sicher fünfmal oder öfters überlegt – etwa im pädagogischen Bereich. Wenn man es jedoch gemacht hat, dann ist es meiner Erfahrung nach ein befreites, leichteres Arbeiten. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an: So kann man nach einem Outing zum Beispiel seinen Kollegen unbeschwert erzählen, dass man am Wochenende mit seinem Partner essen und dann im Theater war. Es braucht kein Ausweichen mehr. Denn dies ist zwar kein Lügen, aber auch nicht wirklich ehrlich und offen.

„Wir wollen das Normale zeigen“

Wie stehen Sie schrillen Events oder dem Phänomen Conchita Wurst gegenüber?

Andreas Hiermayer: Conchita Wurst brachte europaweit eine Diskussion in Gange, die sehr positiv ist. Er ist eine Person, die in dieser Rolle sehr toll rüberkommt und auch sehr sachlich argumentiert. Und das hilft. Wenn jemand aber nicht hinter die Kulissen blickt, und sich nur von den schrillen Bildern leiten lässt, ergibt sich ein anderes Bild. Wir von AGPRO wollen jedoch das andere, das normale Bild zeigen. Wir sind normale Führungskräfte, die kein schrilles Leben führen und zum Teil in sehr langen Partnerschaften leben.

Immer mehr junge Menschen suchen ihre Arbeitgeber gezielt aus. Was meinen Sie: Soll man sich bereits bei der Bewerbung outen?

Schwul am ArbeitsplatzAndreas Hiermayer: Die Tendenz ist sicher da, sich Unternehmen dahingehend anzusehen, ob es mit der eigenen Art zu leben ein Problem geben könnte. Nachdem es ohnehin schon schwierig genug ist, sucht man sich gerne jene Unternehmen aus, die Signale senden, allen Diversitäten gegenüber offen zu sein.

„Die Welt um uns herum ist halt bunt“

Wie könnten diese Signale aussehen?

Andreas Hiermayer: Ein Signal kann sein, wenn Unternehmen in jenen Medien vorkommen, die im schwulen und lesbischen Umfeld etabliert sind. Oder wenn sich ein Arbeitgeber für den Unternehmenspreis meritus bewirbt. Ein solches Zeichen kann jedoch auch ein einfacher Button auf der Homepage oder eine Regenbogenfahne sein. Wir wollen dadurch nicht anders behandelt werden, im Gegenteil. Es geht darum, als Person wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden, wie man ist. Zum Glück kommen immer mehr Menschen darauf, dass die Welt um uns herum halt bunt ist.

Wie sieht es generell mit der Entwicklung der Diskriminierung am Arbeitsplatz aus?

Andreas Hiermayer: Es hat sich über die Jahre schon etwas getan. Obwohl wir auch merken, dass nach wie vor viele Unternehmer sagen: Das ist für uns kein Thema. Dazu trägt meiner Meinung nach auch der Begriff Homosexualität bei. Denn dieser bringt ja das Thema Sexualität ins Spiel, und die hat in der Arbeitswelt wenig verloren. Man sagt jedoch auch nicht: Er oder sie ist heterosexuell. Deshalb ist mir persönlich auch die Bezeichnung schwul bzw. lesbisch lieber. Es geht nicht primär um Sexualität sondern es ist eine Lebensweise, die wir haben und akzeptiert werden soll. Darauf versuchen wir die Unternehmer hinzuweisen.

Führungskräfte können als Role Model dienen

Welche Rolle spielen die Führungskräfte bei der Sache?

Schwuler Chef als VorbildAndreas Hiermayer: Eine enorm große. Es ist ja das Ziel von AGPRO, Fach- und Führungskräfte, für sich zu gewinnen. Das sind Männer, die als Role Model dienen können und auch von der Hierarchie her im Unternehmen her Signale setzen können. Wenn ich etwa weiß, dass mein Abteilungsleiter schwul ist, werde ich als Angestellter wohl auch weniger Probleme haben, mich zu outen. Und genau das ist das Ziel von unserem Verein.

„Vertrauen, das man schenkt, bekommt man auch zurück“

Wenn sich jemand outen möchte, was raten Sie demjenigen?

Andreas Hiermayer: Ich habe es immer so gemacht, dass ich zuerst zu jemandem gegangen bin wo ich gemerkt habe, da passt die Chemie und mit demjenigen kann ich offen über mein Leben reden. Es gibt natürlich auch die Frechen, die gleich zum Chef gehen, ich habe aber immer geschaut, zuerst, so blöd es klingt, Verbündete zu suchen. Das macht es einfacher. Ich selbst bin auch immer offen zu meinen Mitarbeitern gegangen und habe gesagt: Falls das Gerücht besteht, ja, es stimmt, ich bin schwul. Meine Erfahrung war: Es kam so viel Positives zurück und war dann um ein Vielfaches leichter. Vertrauen, dass man schenkt, bekommt man auch zurück.

Wunsch an die Zukunft: Dass der Verein hinfällig wird

Was sind Ihre Wünsche an die Zukunft?

Andreas Hiermayer: Dass wir darüber nicht mehr reden müssen und dass der Verein hinfällig wird. Dass man einfach Mensch sein kann und so akzeptiert und wertgeschätzt wird, wie man ist. Als Etappenziel würde ich mich freuen, wenn viele Unternehmen Zeichen setzen würden.

Zur Person: Andreas Hiermayer

Andreas Hiermayer, 1965 geboren, ist seit zwölf Jahren Direktor eines Vier-Sterne-Hotels in Wien. Seit drei Jahren ist er bei AGPRO, aktuell Präsident des Vereins. Hiermayer lebt seit über 23 Jahren in einer Partnerschaft.

Bildnachweis: AGPRO, nito /Quelle Shutterstock, Goran Bogicevic /Quelle Shutterstock, Syda Productions /Quelle Shutterstock

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

Durch die Nutzung unserer Angebote erklärst du dich mit dem Setzen von Cookies einverstanden. Mehr erfahren