Neid unter Kollegen – und vorbei ist’s mit der Freundschaft

von in Arbeitsleben am Donnerstag, 9. Juni 2011 um 12:51

Neid. Ein Gefühl, so alt wie die Menschheit selbst. Ein Gefühl, das jeder kennt. Neid kann anspornen, Neid kann Freundschaften zerstören. Aber Neid kann auch positiv sein. Wie man damit umgeht, wenn beruflicher Erfolg die persönliche Ebene beeinflusst, erklärt Psychologin und Psychotherapeutin Christa Schirl-Russegger.

Meine Schulfreundin und ich haben nach der HAK-Matura Job-Einstiegsmöglichkeiten bei einer Bank erhalten. Während Sie noch in ihrer ursprünglichen Funktion tätig ist, habe ich mich konsequent weitergebildet und bin auf der Karriereleiter hinaufgeklettert. Seither hat sich unsere Freundschaft verändert. Bei unseren Treffen wertet sie mich oft ab und wirkt unzugänglich. Ich habe das Gefühl, dass sie mir meinen Aufstieg neidet. Kann ich unsere Freundschaft retten?

Neid ist ein Gefühl, das scheinbar älter ist als die Menschheit selbst. Als Gefühl der eigenen Unterlegenheit konnten Neid-Gefühle bereits bei Affenherden beobachtet werden. Wenn Neid-Gefühle produktiv eingesetzt werden, spornen sie uns an, uns weiterzuentwickeln und unsere Position zu verbessern: Möglicherweise wären die Japaner nie  Nummer 1 der Automobil-Branche geworden, wenn sie sich nicht mit VW und Opel verglichen hätten.

Destruktiver Neid führt oft in ein Dilemma

Wo Erfolg sichtbar wird, ist Neid ein häufiger Begleiter. Scheinbar haben Sie beide die gleichen Start-Chancen gehabt, aber unterschiedlich genützt. Ihr Aufstieg ist mit Weiterbildung und Einsatz verknüpft – einen Preis, den ihre Freundin scheinbar nicht zahlen wollte. Gleichzeitig ist es schwierig, eine Freundschaft zu halten, die auf Neid beruht.  Destruktiver Neid vergiftet jede Beziehung. Lassen Sie sich nicht die Freude an Ihrem Erfolg verderben und fragen Sie sich, inwieweit diese Freundschaft noch stimmig ist. Sprechen Sie über Ihre Gefühle und Wahrnehmungen  und fragen Sie bei Neid-Gefühlen aktiv nach: „Gönnst Du mir das nicht?“ Betonen Sie gleichzeitig den Wert ihrer langjährigen Freundschaft. Es ist eine große Kunst, zum eigenen Erfolg zu stehen und gleichzeitig den Kontakt mit jemandem zu halten, der einen beneidet.

„Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.“

Ihre Freundin sieht sich vielleicht selbst als Versager. Es gelingt ihr noch nicht, ihre eigenen Stärken und Erfolge zu sehen. Möglicherweise hat sie ein tolles Hobby und hat sich statt beruflichem Stress für die Verwirklichung anderer sinnvoller Werte entschieden. Möglicherweise ist sie eine wunderbare Tänzerin, Sportlerin, Gärtnerin, Künstlerin oder engagiert sich karitativ. Vielleicht entdecken Sie an ihrer Freundin Bereiche und Talente, für die Sie sie bewundern – also in positiver Form beneiden? Oder wie Robert Lempke sagte: „Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen!“

Zur Person:
Christa Schirl-Russegger ist Klinisch- und Gesundheitspsychologin, zertifizierte Arbeitspsychologin und sinnzentrierte Psychotherapeutin. Neben der Tätigkeit in ihrer eigenen Praxis ist sie außerdem Trainerin und Vortragende. Ihre Expertise stellt Christa Schirl-Russegger seit mehreren Jahren zahlreichen Medien zur Verfügung.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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