Mitarbeiterführung 2.0 – Was den idealen Chef ausmacht

von in HR am Dienstag, 9. Juli 2013 um 07:36

Gibt es den idealen Chef überhaupt? Wieso sind so viele Mitarbeiter mit ihren Führungskräften unzufrieden? Und welche Herausforderungen kommen auf uns zu? Fragen wie diese beschäftigen nicht nur HR-Manager und Personalabteilungen. Der Druck, gutes Personal rekrutieren und halten zu können wird immer größer. Was macht also einen guten Chef aus? Zwei Experten im Interview.

„Durch einen stärkeren Druck wird manches noch viel deutlicher“

Herr Jiménez, was fehlt heute vielen Mitarbeitern?

Paul Jiménez, Arbeitspsychologe

Paul Jiménez, Arbeitspsychologe

Paul Jiménez: Die Menschen haben die selben Bedürfnisse wie immer schon, aber durch einen stärkeren Druck der Umwelt wird manches noch viel deutlicher. Der Druck ist sowohl zeitlicher als auch qualitativer Natur. Die Menschen wünschen sich immer noch und immer wieder, dass sie wahrgenommen werden. Auch in der Arbeit. Das ist der klassische Punkt der Wertschätzung. Mitarbeiter wünschen sich, dass die Führungskräfte Dinge wahrnehmen, die sie machen. Das ist, wenn die Zeit noch schneller wird, immer schwieriger.

„Unternehmen wundern sich, dass sie mit Geld nicht locken können“

Was wünschen sich die Arbeitnehmer?

gefaellt_mir_nichtPaul Jiménez: Ich erlebe aktuell zwei Richtungen, um die es immer mehr geht: Das eine ist, im Beruf die Erfüllung zu haben, die Sachen tun zu können, die man sich wünscht und gleichzeitig der Wunsch nach mehr Balance im Leben. Gerade Letzteres kommt meinem Gefühl nach immer deutlicher zum Tragen. Die Unternehmen wundern sich dann, dass sie weder mit Geld noch mit etwas anderem locken können. Das Problem hierbei ist: Den Führungskräften sind oft die Hände gebunden.

Die meisten Chefs befinden sich in Sandwich-Positionen

Kann man behaupten, Führungskräfte sind in ihrer Rolle gefangen?

Paul Jiménez: Wenn ich an Führungskräfte denke, dann in den allermeisten Fällen an Sandwich-Positionen. Führungskräfte sind selten die ganz oben. In Österreich etwa gibt es 310.000 Unternehmer und Unternehmerinnen, denen stehen über drei Millionen ArbeitnehmerInnen gegenüber. Darunter sind etliche Führungskräfte und sie sind es, die wir eigentlich zu spüren bekommen. Und ja, sie sind zum Teil in ihren Rollen gefangen, da auch sie ihre klaren Aufträge haben.

Chefs sind nicht diejenigen, die eine Karriere „herschnipsen“

karriere_schachbrettEin nächster und sehr wichtiger Faktor für die Mitarbeiter sind die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Hierbei schaut es jedoch für die meisten Führungskräfte nicht gut aus, weil sie ja nicht diejenigen sind, die eine Karriere herschnipsen können. Sie sind zwar disziplinarische Vorgesetzte, können aber die Entwicklungsseite nicht richtig steuern. Was ein Vor­ge­setz­ter hin­ge­gen tun kann, ist, ein gutes Wort ein­zu­le­gen, wenn es um die Ent­wick­lung eines Mit­ar­bei­ters geht.

Immer wieder wird behauptet, dass Mitarbeiter stärker motiviert werden wollen. Was meinen Sie dazu?

Paul Jiménez: Sie wollen nicht „motiviert“ werden, sie wollen erleben, dass das was sie ma­chen, wahrgenommen wird, dass sie Aufgaben haben, die sie schaf­fen können und dass die Erfolge gesehen werden. Das mo­ti­viert.

Heute ist es ganz anders als vor 50 Jahren

Was muss eine Führungskraft Ihrer Meinung nach mitbringen?

termine_einhaltenPaul Jiménez: Zuhören können, konsequent Zeit finden und etwa Jour Fix-Termine einhalten. Denn das zeigt Wertschätzung. Es ist heute ganz anders als vor 50 Jahren, wo Führungskräfte vielleicht militärisch gesagt haben: 1, 2, 3 – ich bin der Beste. Heute geht es darum, ein gemeinsames Ziel zu definieren, die Mitarbeiter miteinzubeziehen und dann die Entscheidungen zu treffen.

Rasche Entscheidung, ob man bleiben will

Laut einer aktuellen Gallup-Umfrage erwarten die Menschen vor allem vier Dinge von ihren Führungskräften: Vertrauen, Mitgefühl, Stabilität und Hoffnung. Herr Molan-Grinner, ist das auch Ihre Meinung?

Siegfried Molan-Grinner, Berater & Coach

Siegfried Molan-Grinner, Berater & Coach

Molan-Grinner: Diese vier Bedürfnisse decken sich im Wesentlichen mit den Grundbedürfnissen von uns Menschen generell: Wertschätzung, Wirksamkeit und Sinn. Mitarbeiter und somit Menschen wollen somit erstens authentische Beziehungsangebote von ihren Chefs, ansonsten verabschieden sie sich in Dienst nach Vorschrift. Eine Schweizer Studie bracht dazu ans Tageslicht, dass gut zwei Drittel von neu eingestellten MitarbeiterInnen nach ein bis zwei Tagen im neuen Unternehmen für sich entschieden haben, ob sie in der Firma bleiben wollen oder nicht. Zweitens wollen MitarbeiterInnen sich wirksam fühlen und erleben: Ihr Tun soll sachliche wie emotionale Auswirkungen erzielen. Und drittens wollen MitarbeiterInnen das Grundbedürfnis nach Sinnhaftigkeit erfüllt haben.

Haben sich die Erwartungen der Menschen an ihre Arbeit und auch Chefs im Laufe der Jahre verändert? Falls ja, wie?

empfindungenMolan-Grinner: Natürlich. Nicht nur die gut ausgebildeten Jungen bis Mittel-Jungen (also so bis Mitte 40) haben individuelle Ansprüche, auch weniger qualifizierte Menschen haben ihre Meinung und tun diese deutlicher kund als vor 20 Jahren. Andererseits ist es auch so, dass in schwierigen Zeiten auch Kompromisse eingegangen werden, Job ist Job. Umso mehr bin ich als Führungskraft gefordert genau wahrzunehmen, in welcher konkreten Situation sich meine Mitarbeiterin befindet.

„In vielen Unternehmen wird viel zu selten gekündigt“

Wieso sind so viele Menschen mit ihren Vorgesetzten unzufrieden? Woran liegt dies meist?

Molan-Grinner: Weil die meisten Führungskräfte eben nicht auf die Bedürfnisse schauen. Einerseits das Wissen dazu  nicht haben und oftmals auch nicht die kommunikative Kompetenz mitbringen, Gespräche auf einer persönlichen Ebene zu führen. Wichtig erscheint mir klar festzuhalten: Es geht mir hier in kleinster Weise um Sozialromantik! In vielen Unternehmen in Österreich wird viel zu selten gekündigt. Weil der Chef die individuellen Seiten eines Mitarbeiters zu wenig erkennt und somit zu wenig prüft, inwieweit er/sie wirklich ins Team passt.

Der „ideale“ Chef ist bescheiden und kein Karrieretyp

Wenn sie den „idealen“ Chef in wenigen Worten beschreiben müssten – was würde Ihnen zu allererst einfallen?

idealer_chefMolan-Grinner: Das sind meistens bescheidene Menschen, die sich demütig um ihr Team kümmern. Die meisten haben nicht eine Führungskarriere angestrebt, sondern es ist ihnen halt passiert beziehungsweise fühlten sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt verantwortlich und wollten gestalten. Die haben hohes kommunikatives Geschick und eine sehr gute Wahrnehmungs-Kompetenz. Und sie reflektieren sich und die Welt mit dem Wissen, auch sie sind nicht perfekt und können jeden Tag dazulernen. Sie erfüllen die beiden Hauptaufgaben von Führungskräften: Erstens sorge für Ergebnisse und Zielerreichung und entwickle deine MitarbeiterInnen und dein Team nicht nur fachlich, sondern vor allem auch auf einer persönlichen Ebene. Männer und Frauen halten sich nach meiner Erfahrung ziemlich die Waage.

Zu den Interviewpartnern

Paul Jiménez ist am Instutit für Psychologie an der Karl-Franzens-Universität Graz tätig. Der Arbeitspsychologe ist zudem Geschäftsführer von research team.

Siegfried Molan-Grinner ist seit 1992 selbständig als Trainer, Coach und Moderator und seit 2010 an der FH OÖ, Campus Linz tätig.

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Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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