Mindestgehalt im Jobinserat: Zwischen Pflichterfüllung und Personalmarketing

von in Gehalt, HR am Dienstag, 11. August 2015 um 09:49

Wie viel man in einem Job mindestens verdient, das müssen Arbeitgeber bereits seit mehr als 4 Jahren in ihren Jobinseraten angeben. Ist es reine Pflichterfüllung oder bringt die Regelung echte Gehaltstransparenz? Wie bereits in den Vorjahren hat die Personalberatung Xenagos österreichische Stelleninserate analysiert und herausgefunden, welche Gehaltsangaben Arbeitgeber in der Praxis machen. Aus einer Studie von karriere.at und Marketagent.com geht außerdem hervor, wie viele Jobsuchende bei unrealistischen Gehaltsangaben von einer Bewerbung Abstand nehmen.

Pflichtangaben im Stelleninserat

Auf Jobsuche interessiert Bewerber natürlich auch eines: Wie viel werde ich verdienen? 2011 sollte eine Neuerung im Zuge des Gleichbehandlungsgesetzes für mehr Klarheit sorgen: Gehaltsangaben wurden im Stelleninserat Pflicht, wenn das Einkommen nicht durch Kollektivvertrag, Satzung oder Tarif geregelt ist. Ob und wie sich Arbeitgeber an diese Regelung halten, untersucht die auf Vertriebspositionen spezialisierte Personalberatung Xenagos seitdem in regelmäßigen Abständen. Dazu wurden im Juli im Rahmen einer Stichprobenanalyse 100 Online- und Printanzeigen ausgewertet. Das Ergebnis: Langsam zeichnet sich mehr Transparenz ab – und Unternehmen erkennen den Marketingwert einer realistischen Gehaltsangabe.

Gehalt nach Kollektivvertrag – oder darf’s ein bisschen mehr sein?

„Bezahlung laut Kollektivvertrag, Bereitschaft zur Überzahlung.“ Diese Formulierung findet sich in vielen Stelleninseraten wieder, wie groß der Verhandlungsspielraum dann tatsächlich ist, darüber sagt das allerdings wenig aus.

„Top-Leute lockt man nicht mit der Nennung des Mindestgehalts laut Kollektivvertrag.“

Stefan Siedler

Stefan Siedler

2013, ein Jahr nach Einführung der Verwaltungsstrafe bei Nichtangabe des Mindestgehalts, fand sich die Angabe des KV-Gehaltes plus Überzahlungsbereitschaft noch in mehr als jedem dritten Inserat, das von Xenagos analysiert wurde. Mittlerweile ist dieser Wert auf 20 Prozent gesunken. Haben Arbeitgeber realisiert, dass diese Angabe bei Jobsuchenden wenig Begeisterung hervorruft? „Unternehmen haben erkannt, dass sie Top-Leute durch reine Nennung des KV-Mindestgehalts nicht locken können. Ganz im Gegenteil, sie verschrecken sie damit. Im Besonderen bei hochqualifizierten Stellen, denn da ist die Kluft zwischen KV Mindestlohn und marktüblichem Gehalt besonders groß“, meint Xenagos-Geschäftsführer Stefan Siedler.

Gehaltsangaben gesamt

Gehaltsangabe: Keine Bürde, sondern Marketingchance

Bereits im Jobinserat ein möglichst realistisches Gehalt zu nennen, rührt für den Arbeitgeber also die Werbetrommel. Auch wenn das Gehalt bei der Entscheidung für oder wider einen Arbeitgeber nicht immer oberste Priorität hat: Ein attraktives Einkommen in der Stellenanzeige ist ein starkes Personalmarketinginstrument. „Wir nehmen dies  als eindeutigen Trend wahr. Gute Mitarbeiter zu finden, wird immer schwieriger. Deshalb haben auch immer mehr Unternehmen erkannt, dass sie aus dem vermeintlichen Übel der Gehaltsangabe auch eine Tugend machen können“, erklärt Siedler.

Führungskräfte rekrutieren

Der Trend zur realistischen Gehaltsangabe macht sich daher auch besonders bei der Suche nach Führungskräften bezahlt. 2013 wurde bei Ausschreibungen für Jobs mit Führungsverantwortung noch zu 38 Prozent auf die Angabe des kollektivvertraglichen Mindestgehalts zurückgegriffen. 2015 sieht die Sache schon anders aus. Auf dem Vormarsch ist die Angabe eines fixen Gehalts, kombiniert mit der Bereitschaft, auch mehr zu bezahlen.

Gehaltsangabe mit Führungsverantwortung

Auch bei der Rekrutierung von Mitarbeitern, die keine Führungsaufgaben übernehmen, setzt sich der konkrete Gehaltswert gegen das KV-Gehalt allmählich durch. Auf einen einzigen, fixen Wert legen sich Arbeitgeber aber nicht fest. „Aus praktischer Sicht ist das nachvollziehbar, denn das exakte Gehaltsangebot wird auf die individuelle Qualifikation des neuen Mitarbeiters letztendlich angepasst“, sagt Siedler.

Gehalt ohne Fuehrungsverantwortung

Angabe einer Gehaltsbandbreite für Arbeitgeber uninteressant

Was sich viele Jobsuchende wünschen würden, stößt bei Arbeitgebern offensichtlich auf wenig Gegenliebe: Die Angabe einer Gehaltsbandbreite um schon vor der Bewerbung zu sehen, wo man sich zwischen Mindestgehalt und höchster Forderung bewegen kann. „Bei der Bandbreite haben Firmen wohl Angst, sich für Gehaltsverhandlungen zu sehr in die Karten schauen zu lassen. Die Bandbreite wäre aber der noch deutlichere Schritt in Richtung Transparenz. Wenn man sich die Studienergebnisse der letzten Jahre ansieht, dürfte dieser aber in absehbarer Zeit nicht kommen. Wir werden das aber weiter beobachten“, sagt Studienautor Siedler.

Positives Detail am Rande: 92 Prozent der Unternehmen halten sich an die gesetzliche Vorgabe und nennen im Inserat ein Mindestgehalt. Bei den übrigen 8 Prozent handelt es sich in der vorliegenden Stichprobenanalyse überwiegend um ausländische Unternehmen, die in Österreich ausschreiben.

Das wünschen sich Bewerber vom Jobinserat

Dass sich Bewerber Infos zum Gehalt wünschen, ging auch aus der im Frühjahr durchgeführten Studie von karriere.at und Marketagent.com hervor. Neben der genauen Tätigkeitsbeschreibung schätzen sie auch Infos zum Einkommen.

Gehalt im Stelleninserat Das Gehalt findet sich laut Studie auch im Ranking der Gründe, die Interessierte von einer Bewerbung bei einem speziellen Arbeitgeber abhalten würden: 29 Prozent der Jobsuchenden nehmen von einer Bewerbung Abstand, wenn das angegebene Gehalt nicht ihren Vorstellungen entspricht. Ein guter Grund, realistische Gehaltsmöglichkeiten bereits im Inserat zu kommunizieren.

Weiterführende Informationen

Bildnachweis: Dooder / Shutterstock, Xenagos (Grafiken)

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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