Mindestgehalt im Stelleninserat: Unrealistische Angaben schrecken Bewerber ab

von in Gehalt, HR am Montag, 11. August 2014 um 12:12

Egal ob stundenweiser Aushilfsjob oder Vollzeitstelle – wie viel man in einem Job mindestens verdient müssen Arbeitgeber in Stelleninseraten angeben. Die Personalberatung Xenagos hat wie im Vorjahr österreichische Jobinserate unter die Lupe genommen und stellt dabei fest: Arbeitgeber bleiben pflichtbewusst, 97 Prozent aller Anzeigen verraten das Mindestgehalt. Für echte Gehaltstransparenz sind die Angaben aber immer noch nicht präzise genug. Langsam erkennen Unternehmen aber, dass Jobinserate auch Marketinginstrumente sind.

Mindestgehalt im Inserat: Wirklich aussagekräftig?

Welches Gehalt man im Job mindestens erwarten darf, darüber müssen Stelleninserate Auskunft geben. Wenn das Mindestentgelt nicht durch Kollektivvertrag, Satzung oder Tarif festgelegt ist, muss der Arbeitgeber angeben, welche Summe bei Gehaltsverhandlungen die Ausgangsbasis darstellt. Die verpflichtende Gehaltsangabe im Jobinserat kann bei der Karriereplanung hilfreich sein, einen Überblick über branchenübliche Bezahlung geben und als erster Anhaltspunkte für die Gehaltsverhandlung dienen. Klar ist aber auch, dass der finanzielle Spielraum bei Formulierungen wie „Bereitschaft zur Überzahlung“ mehr oder weniger groß sein kann. Die Gehaltsangaben helfen deshalb nur bedingt, die Verdienstmöglichkeiten schon vor der Bewerbung realistisch einzuschätzen.

360 Euro Strafe drohen, wenn die Gehaltsangabe fehlt

Stefan Siedler

Stefan Siedler, Xenagos

Wie heimische Unternehmen die verpflichtende Richtlinie aktuell handhaben, hat die auf Vertriebspositionen spezialisierte Personalberatung Xenagos wieder analysiert. Dafür wurden im Juli stichprobenartig 100 Print- und Online-Stelleninserate auf Gehaltsangaben untersucht. „Wie im Vorjahr ist eindeutig festzuhalten, dass Unternehmen die Angabenverpflichtung sehr ernst nehmen – trotz der vergleichsweise geringen Strafdrohung von 360 Euro. Das ist positiv zu bewerten. Sie bleiben aber weiterhin vage. Wirklich eindeutige Angaben gab es im Vorjahr bereits selten und trotz dieses niedrigen Wertes hat dieser sich sogar nochmals verschlechtert. Die Firmen wollen sich also nicht in die Karten schauen lassen. Unabhängig davon erkennen wir aber einen leichten Trend zu mehr Transparenz“, fasst Stefan Siedler, Studienautor und Xenagos-Geschäftsführer die Studienergebnisse zusammen.

„Top-Leute bewerben sich vielleicht nicht“

gehaltsangabe-in-stellenanzeigenIm Vergleich zur Studie von 2013 zeigt sich: Auf die Angabe des kollektivvertraglichen Mindestlohns greifen immer weniger Arbeitgeber zurück. 38 Prozent der Unternehmer haben im Vorjahr diesen Mindestlohn sowie die Bereitschaft zur Überzahlung angegeben. Heuer waren es nur noch 29 Prozent. „Unternehmen haben scheinbar erkannt, dass sie sich durch die Nennung eines unrealistischen Gehalts auch selbst schaden. Top-Leute bewerben sich vielleicht nicht, wenn sie nur den KV-Wert lesen, der weit von ihren eigenen Vorstellungen (und auch dem, was die Firma bereit ist zu zahlen) entfernt ist, auch wenn der Vermerk ‚Bereitschaft zur Überzahlung‘ verdeutlicht, dass mehr möglich ist“, sagt  Siedler.

„Von Transparenz kann noch nicht die Rede sein“

Auf dem Vormarsch ist dafür die Angabe eines fixen Gehaltes, kombiniert mit der Bereitschaft zur Überzahlung. 65 Prozent der Arbeitgeber legen sich mit dieser Variante in Stellenangeboten fest. Im Vorjahr war es nur knapp die Hälfte. „Damit kriegt der Bewerber schon mal ein Gefühl, in welche Richtung es geht. Von Transparenz kann aber noch nicht die Rede sein. Und im Sinne des Gleichbehandlungsgrundsatzes ‚Gleicher Lohn für gleiche Arbeit‘, hilft es auch nicht. Die spannende Frage ist vor allem, wie nah der genannte konkrete Gehaltswert an dem dran ist, was das Unternehmen bereit ist zu zahlen. Aus der vorliegenden Studie können wir dazu allerdings keine Aussage treffen. Wenn ich mir Anzeigen ansehe oder Schaltungen mit Kunden bespreche ist mein Gefühl, dass es auch hier den Trend zu mehr Transparenz gibt. Vor einem Jahr waren die konkreten Gehaltswerte noch weiter weg von den realen Gehältern als dieses Jahr. Dennoch ist hier noch viel Luft nach oben. Spannend wird sein, ob sich das Thema so weiter entwickelt. Denn es scheint, dass die Angaben schrittweise realistischer werden. So könnte eine Eigendynamik entstehen, die selbstregulierend wirkt“, meint Studienautor Siedler.

Unrealistische Gehaltsangaben schrecken potenzielle Bewerber ab

gehaltsangabe-in-stellenanzeigen_mit-fuehrungsverantwortungSehr auskunftfreudig ist man laut Studie bei der Suche nach Mitarbeitern mit Führungsverantwortung: In 70 Prozent der Jobinserate informiert ein konkreter Wert über das zu erwartende Gehalt und die Bereitschaft zur Überzahlung – ein Plus von 18 Prozent im Vergleich zum Studienergebnis des Vorjahres. Der kollektivvertragliche Mindestlohn wird bei der Suche nach Führungskräften in nur 22 Prozent der Fälle als Ausgangspunkt genannt. Bei Positionen ohne Führungsverantwortung sind es noch 36 Prozent. Die Schlussfolgerung daraus: Arbeitgeber haben erkannt, dass unrealistische Gehaltsangaben potenuielle Bewerber abschrecken können. Top-Mitarbeiter lassen sich nicht zur Bewerbung motivieren, wenn sich das angegebene Gehalt weit unterhalb ihrer Gehaltsvorstellungen bewegt.

Gehälter als Marketinginstrument

„Gerade bei Führungspositionen in anspruchsvollen Branchen ist der Fachkräftemangel besonders stark zu spüren und der ‚war for talents‘ enorm hoch. Den Gesetzen des Marktes folgend, steigen bei knappem Angebot und starker Nachfrage die Preise, in dem Fall die Gehälter. Diese sind meist weit über dem Kollektivvertrag. Diesen als Gehaltsbasis zu benennen, ist absurd und hat eine abschreckende Wirkung. Das ist aber das genaue Gegenteil davon, was eine Stellenanzeige erreichen soll, nämlich Interesse zu wecken. Immer mehr Firmen dürften das erkannt haben. Wenn sich Top-Kandidaten nur mehr auf Ausschreibungen mit eindeutigen Gehaltsangaben bewerben, werden die Unternehmen es sich nicht entgehen lassen die Gehaltsangabe als Marketinginstrument einzusetzen“, erläutert Siedler.

Fixe Gehaltsbandbreite auf dem Rückzug

gehaltsangabe-in-stellenanzeigen_ohne-fuehrungsverantwortungDie Angabe einer fixen Gehaltsbandbreite (ohne Überzahlung) scheint sich bei Unternehmen nicht bewährt zu haben. In nur drei Prozent der Inserate fanden sich heuer fixe Angaben darüber, was man im Job verdienen wird. 2013 gaben noch zehn Prozent der Arbeitgeber gleich im Stelleninserat bekannt, in welchem Rahmen sich die Bezahlung bewegen wird. Besonders auffällig: Die fixe Gehaltsbandbreite fand sich im Vorjahr besonders in Inseraten für Stellen ohne Führungsverantwortung wieder (14 Prozent), laut aktueller Studie ist sie aus diesen Stellenangeboten fast gänzlich verschwunden.

Die Art der Publikation hat laut Studie übrigens wenig Einfluss auf die Gehaltsangaben, zwischen Print und Online gibt es kaum Unterschiede.

Zur Studie:
Die Studie wurde im Untersuchungszeitraum 1. bis 15. Juli 2014 von der auf Vertriebspositionen spezialisierten Personalberatung Xenagos durchgeführt. Analysiert wurden dabei insgesamt 100 einschlägige Stellenanzeigen aus Print- und Onlinemedien.

Bildnachweis: Dooder/Quelle Shutterstock, Xenagos Gehaltsstudie Österreich 2014

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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