Migranten am Arbeitsmarkt oder: Wenn Potenzial brach liegt

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt, Jobsuche am Freitag, 29. März 2013 um 10:25

Das Thema Diversity ist ein wichtiges, existiert in vielen Unternehmen jedoch nur am Papier oder im Genderkontext. Wenn überhaupt. Wie Studien belegen, mangelt es meist an einer konkreten Diversity Strategie. Dabei ist der drohende Fachkräftemangel Realität. Trotzdem wird nach wie vor auf eine Gruppe, nämlich jene, deren Stimme nicht so laut ist, vergessen: die Gruppe der hochqualifizierten Migranten. Deren Potenzial bleibt nämlich oft ungenutzt. Die Wiener Expertin Rotija Dumpelnik berichtet im Interview unter anderem über den Wahrheitsgehalt des Klischees der Putzfrau mit Doktortitel.

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Die polnische Philologin als Haushälterin

Wie viel Wahrheit steckt in dem oft zitierten Bild der studierten Juristin, die als Migrantin Böden wischt?

Rotija Dumpelnik

Rotija Dumpelnik: Bedauerlicherweise noch sehr viel. Als ehrenamtliche Mentorin für MigrantInnen, aber auch in meiner Arbeit als Coach, Trainerin, Supervisorin und Mediatorin begegne ich leider viel zu häufig hochqualifizierten MigrantInnen, die in Hilfsjobs arbeiten. Nur einige Beispiele aus der momentanen Beratungspraxis: albanische Diplomingenieurin des Maschinenbaues arbeitet seit Jahren als Reinigungskraft, polnische Philologin hat einen Job als Haushälterin angenommen, damit sie für ihre Lebenskosten aufkommen kann, kroatische Betriebswirtin putzte bereits viele Jahre eine Ordination.

Rund 240.000 Talente liegen auf der Straße

Gibt es Ihnen bekannte Schätzungen, wie viele Migranten in Österreich um die Anerkennung ihrer Ausbildung kämpfen?

Rotija Dumpelnik: Laut einer Studie bzw. Arbeitskräfteerhebung des Statistischen Zentralamtes aus dem Jahr 2009 ist jede/r vierte/r MigrantIn bei der Ausübung seiner/ihrer Arbeit überqualifiziert. Derzeit leben in Österreich ca. 970.000 Menschen mit einen ausländischen Reisepass. Das wären dann geschätzte 240.000 MigrantInnen, deren Potenziale brach liegen und weder der österreichischen Wirtschaft noch der Gesellschaft zu Gute kommen. Darunter fallen AkademikerInnen und bestens qualifizierte Fachkräfte mit berufsbildenden höheren und mittleren Abschlüssen.

Rasche Anerkennung der Qualifizierungen

An welchen Schrauben müsste man Ihrer Meinung nach drehen, um die Situation rasch und merklich zu verbessern?

Rotija Dumpelnik: Die positiven Anstrengungen der letzten Zeit seitens Interessensvertretungen der Wirtschaft und verschiedener Ministerien für raschere Anerkennung der im Ausland erworbenen Qualifizierungen sind vielen MigrantInnen noch nicht bekannt. Da braucht es in meinen Augen noch viel Öffentlichkeitsarbeit, nicht nur damit ZuwanderInnen informiert sind sondern auch, damit sich die Bilder in den Köpfen so mancher ÖsterreicherInnen verändern. Ich begegne immer wieder MitbürgerInnen, die eine Frau mit Kopftuch sofort in die Schublade „wenig Bildung, viele Kinder, zu Hause kochend und putzend“ stecken. Die Bearbeitung und Nostrifizierung von im Ausland erworbenen Abschlüssen sind mit Kosten verbunden. Viele hochqualifizierte MigrantInnen arbeiten in schlecht bezahlten Jobs und können sich somit den finanziellen Aufwand für die Anerkennungsverfahren nicht leisten. Da braucht es in meinen Augen gestaffelte Kostenbeiträge.

Uneinigkeit bei der Anerkennung

Im Nostrifizierungsverfahren wird festgestellt, ob die im Ausland erworbene Ausbildung österreichischen Kriterien entspricht. Da erkenne ich noch keine einheitliche Vorgangsweise. Ich darf Ihnen dazu ein Beispiel erzählen: Ich engagiere mich als Mentorin im Programm „Mentoring für MigrantInnen“ von der Wirtschaftskammer, dem Arbeitsmarktservice und dem Österreichischen Integrationsfonds. Eine meiner Mentees kam aus Guatamala. Sie ist Allgemeinmedizinerin, hat eine Zusatzausbildung zur Gynäkologin erfolgreich abgeschlossen und einen Lehrgang zum Gesundheitsmanagement in den USA absolviert. Sie war in verschiedenen Ländern als Ärztin tätig und hat bei internationalen Hilfseinsätzen mitgearbeitet. In Österreich hätte sie im Rahmen der Nostrifizierung ihrer Abschlüsse in Wien 11 Prüfungen auf der Uni Wien absolvieren sollen, in Tirol auf der Uni Innsbrucker 5 Prüfungen.

„Es braucht passende individuelle Lösungen“

Da gibt es offensichtlich noch keine einheitlichen Kriterien und ich finde beide Vorgaben nicht angemessen. Eine fast 50-jährige bestens qualifizierte Ärztin kann ihre Qualifikationen auch anders nachweisen, zum Beispiel anhand von zusätzlichen Referenzschreiben, Dienstzeugnissen, Praktika/beaufsichtigte Mitarbeit in einem Krankenhaus und dann sind noch zwei oder drei Prüfungen über österreichisches Medizinrecht oder Sozialrecht zu absolvieren. In solchen Fällen braucht es noch Nachjustierungen bzw. passende individuelle Lösungen.

Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie unter anderem über die Rolle des AMS und von welchem Land Österreich sich so einiges abschauen könnte.

Zur Person: Rotija Dumpelnik

Rotija Dumpelnik ist Geschäftsführerin von kompetenzkreis, Mediatorin, Supervisorin, Dipl. Lebens- und Sozialberaterin und Expertin unter anderem auf dem Gebiet des Diversity Managements.

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Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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