Migranten am Arbeitsmarkt: „Weg von den Defiziten, hin zu Potenzialen“

von in Arbeitsmarkt, HR, Jobsuche am Montag, 8. April 2013 um 09:51

Taxifahrer mit Doktortitel oder Chemiker, die über Jahre hinweg als Reinigungskräfte arbeiten (müssen): Dass in Österreich viele Migranten für ihre Jobs überqualifiziert sind und für die heimische Wirtschaft somit ein enormes Potenzial an qualifizierten Fachkräften verloren geht, hat Expertin Rotija Dumpelnik vergangene Woche erklärt. Im zweiten Teil  des Interviews spricht die Mentorin über unterschiedliche Chancen, Informationsstellen und über Kanada als Positivbeispiel.

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Für manche sind die Hürden höher

Gibt es, was die Problematik von ungenutztem Potenzial von Migrantinnen betrifft, große Unterschiede, aus welchem Land sie kommen bzw. ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt?

Rotija Dumpelnik

Rotija Dumpelnik: Ja, da bestehen Unterschiede. Der Anteil der weiblichen MigrantInnen, die unter Ihren Qualifikationen arbeiten, ist größer als jener der männlichen. Hier hängt es auch davon ab, aus welchen Land jemand zuwandert. Mein Eindruck ist, dass Menschen die aus afrikanischen Ländern zuwandern, vor den größten Hürden stehen. Für sie scheint es in Österreich besonders schwer zu sein, beruflich Fuß zu fassen, unabhängig davon wie viele Sprachen sie sprechen und wie hoch sie qualifiziert sind.

Wenn Menschen aus anderen Staaten der EU, des EWR sowie der Schweiz nach Österreich zuwandern, ist bei einer Reihe von akademischen Berufen der Zugang durch eigene Richtlinien geregelt oder gleichgestellt und somit in vielen Fällen eine Nostrifizierung nicht notwendig. Drittstaatsangehörige müssen ihre akademischen Ausbildungen in Österreich nostrifizieren. Dafür hat vergangenes Jahr das Wissenschaftsministerium zusammen mit dem Staatssekretär für Integration Sebastian Kurz die Informationsstelle NARIC (National Academic Recognition Information Centre) für umfassendere Information für Nostrifizierungen von akademischen Abschlüssen ausgebaut. Da findet nun eine raschere Bewertung und Nostrifizierung von Abschlüssen von AkademikerInnen aus Drittstaaten mit einem 5 Punkte-Programm statt. Auch der Österreichische Integrationsfonds hat eine übersichtliche Homepage zur Fragen über Berufsanerkennungen ins Internet gestellt (www.berufsanerkennung.at), ebenso bieten die Arbeiterkammer, die Wirtschaftskammer und das Beratungszentrum für MigrantInnen umfassende Informationen und Beratungen zu im Ausland erworbenen Qualifizierungen an. Derzeit verändert sich in der qualitativen Überprüfung von im Ausland erworbenen Abschlüssen vieles zum Positiven und trotz allem arbeiten noch sehr viele MigrantInnen hier in Österreich unter ihren erworbenen Qualifikationen.

Welche Rolle spielt das AMS?

Rotija Dumpelnik: Das AMS unterstützt Arbeitssuchende dabei, beruflich wieder Fuß zu fassen. AMS-BeraterInnen stehen täglich unter enormen Druck, den Andrang von Jobsuchenden zu bewältigen. So kann es auch passieren, dass einzelne BeraterInnen manchmal mit der Vielfalt Ihrer Kundinnen überfordert sind und es zu spannungsgeladenen Begegnungen kommt. AMS-BeraterInnen werden derzeit intensiv in Diversity Management und interkultureller Kommunikation geschult. Doch sollten sie auch mehr Zeit für die Gespräche mit ihren KundInnen erhalten. Es braucht eine gewisse Zeit, KundInnen kennen zu lernen, um zu erfahren, welche Qualifikationen und Kompetenzen sie mitbringen, damit der Weg zum adäquaten neuen Job möglich wird. Das wäre im übrigen nicht nur für MigrantInnen, die Arbeit suchen, ein Vorteil.

Das Thema Unterforderung im Job kennen vielleicht einige. Wie darf man sich vorstellen, dass es den Betroffenen psychisch geht?

Rotija Dumpelnik: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein ausgebildeter Chemiker oder eine ausgebildete Lehrerin und arbeiten als Reinigungskraft. Sie verdienen so viel, dass Sie Ihre Familie erhalten können. Für mehr geht es sich nicht aus. Das Geld für einen Deutschkurs können sie bedauerlicherweise nicht zur Seite legen und so arbeiten Sie einige Jahre dahin, Ihr Wissen aus dem erlernten Beruf ist nicht mehr am letzten Stand. Sie sind verunsichert und irgendeinmal fügen Sie sich den Gegebenheiten und arbeiten weiter als Reinigungskraft, obwohl Sie andere Pläne hatten. Mich wundert es nicht, wenn Menschen mit solchen Berufsbiographien depressiv werden. Unterforderung ist genauso krankmachend wie Überforderung.

Wo steht Österreich dieses Thema betreffend im internationalen Vergleich? Von welchem Land könnten wir dabei viel lernen?

Rotija Dumpelnik: Das oft genannte Land im Zusammenhang mit gelungener Zuwanderung ist Kanada. Dort werden qualifizierte MigrantInnen mit offenen Armen empfangen, mit Willkommenspaketen, sofortigen Sprachschulungen bis zu klaren Nostrifizierungsverfahren.

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Rotija Dumpelnik: Ich wünsche mir in Österreich weniger Integration und mehr Inklusion. Integration wird sehr oft als Assimilation verstanden. MigrantInnen sollen sich schnell anpassen, schnell in Vorhandenes integrieren, nur nicht auffallen und für alles dankbar sein. Nach meiner Überzeugung kann ein gutes Miteinander nur in Form von Inklusion funktionieren. Das bedeutet Teilhabe und das gemeinsamen Aufbauen einer vielfältigen, stabilen Gesellschaft und Wirtschaft. Ich wünsche mir, dass der Fokus weg von den sogenannten „Defiziten“ hin zu den Potenzialen der ZuwanderInnen geht. Viele MigrantInnen bringen enormes Wissen auf der Ebene der Ausbildungen, der beruflichen Erfahrungen sowie der sprachlichen und persönlichen Kompetenzen mit. Das gilt es ins Rampenlicht zu stellen und daraus kann ein konstruktives Miteinander entstehen.

Bildnachweis: ollyy / Quelle Shutterstock

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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