Im Jagdrevier der Langeweile geht die Kreativität auf Pirsch

von in Arbeitsleben am Montag, 22. September 2014 um 10:41

Wer seine Phantasie beflügeln möchte, sollte sich des öfteren langweilen. Ein fader Job ist allerdings nicht die Lösung, denn die Kreativität stellt sich nur bei einer besonderen Art der Langeweile ein. Warum man die Phasen des Leerlaufs so dringend braucht und wie man sie richtig nutzt, weiß Psychologin Christa Schirl.

Wer sich fadisiert, beflügelt seine Phantasie

Christa Schirl

Christa Schirl

Langeweile hat einen schlechten Ruf, aber zu Unrecht. „In unserer Leistungsgesellschaft gilt es, immer beschäftigt zu sein oder zumindest beschäftigt auszusehen. Das zieht sich durch das ganze Leben: Nach der Arbeit noch schnell einkaufen gehen, dann weiter ins Training… Es wird sehr viel Wert darauf gelegt, möglichst viel zu tun“, erklärt Psychologin Christa Schirl. Dabei wäre es für die Phantasie und die Kreativität sehr wichtig, sich zu fadisieren. Allerdings gibt es zwei Qualitäten von Langeweile. Während die eine beflügelt, kostet die andere viel Energie.

Kleine Anleitung zur Langeweile

Job KreativitätEs liegt nichts am Schreibtisch, das Telefon läutet nicht, alles abgearbeitet. Höchste Zeit, sich etwas zu langweilen. Der erste Schritt zur gepflegten Fadesse benötigt etwas Selbstdisziplin. „Man muss lernen, die Leere auszuhalten. Es beginnt im Kopf, man sollte für sich einfach feststellen: Mir darf auch fad sein“, sagt Schirl. Ein Fehler wäre es, sich krampfhaft Tätigkeiten zu suchen. Nur leichte Routineaufgaben sollte man erledigen, wenn man die Leerlaufphase nützen möchte: Post sortieren oder Schreibtisch aufräumen sind Dinge, die man erledigen kann, ohne die Langeweile zu stören.

„Wenn ich Leere aushalte, bin ich noch nicht im Burn-out“

Die Psychologin weiß: „Aus der Leere heraus kann entstehen, was echtes Interesse oder Leidenschaft ist. In dieser leeren Situation beginnt die Phantasie zu jagen, weil wir diesen Zustand nur schwer aushalten können. Es ist ein großer Unterschied, ob ich etwas mache, das mich wirklich interessiert oder ob ich etwas nur tue, um mich zu zerstreuen. „Das Aushalten der Langeweile teilt auch mit, wie es um das eigene Energielevel steht: „Wenn ich ein bisschen Leere aushalte und feststelle, dass mir auch fad sein kann, dann bin ich noch nicht im Burn-out. Es sagt mir, dass ich noch zu den gesunden Menschen gehöre, die auch einmal Ruhezeiten haben. Man sagt: Die nächste Welle kommt bestimmt. Aber in der Leere dazwischen kann man wieder neue Ideen entwickeln“, so Schirl.

„Was mich nicht interessiert, kostet unglaublich viel Kraft“

Job LangeweileDie gute Form der Langeweile darf jedoch nicht mit ihrem bösen Zwilling verwechselt werden. Die negative Form der Langeweile bringt Trägheit, kostet Energie und macht antriebslos. „Das ist dauerhaft keine gute Erfahrung. Ich bemerke dann, dass mich nichts mehr interessiert und dass das, was ich erlebe, keine Qualität hat. Das gibt es natürlich auch im Arbeitsleben, wenn ich etwas tue, was mit mir nur wenig zu tun hat oder was mich nur ganz wenig interessiert – das kostet unglaublich viel Kraft“, sagt die Psychologin. Durch diese Art von Langeweile entsteht, was man Boreout nennt: Der Arbeitstag zieht sich unendlich hin, die Langeweile lähmt uns und es kann sich sogar anfühlen, wie eine Depression. „Das können wir für kurze Zeit schon machen, aber auf Dauer nicht. Denn etwas zu tun, das uns nicht entspricht, benötigt ganz viel Selbstkontrolle, sonst mache ich es nicht. Wenn Personal falsch eingesetzt ist und die Mitarbeiter müssen etwas tun, wobei ihnen fad ist, dann kann das auf Dauer nicht aufgehen“, erklärt Schirl.

„Bei einfachen Tätigkeiten kommen oft geniale Ideen“

Um Langeweile optimal zu nutzen, rät Christa Schirl zu einem kleinen Hilfsmittel: „Wenn ich merke, dass mir fad ist, rate ich dazu, sich ein kleines Schatzkästchen zu bauen um der Frage auf den Grund zu gehen: Was ist es, das ich gerne mache – z.B. Laufen gehen. Für viele Kreative gehört Sport zum Job einfach dazu, weil dann die besten Ideen kommen. Oft hilft es auch, Rasen zu mähen oder aufzuräumen. Bei einfachen Tätigkeiten kommen oft geniale Ideen.“ Es kommt natürlich stark darauf an, welche Tätigkeiten sich in den beruflichen Alltag integrieren lassen. „Vielleicht bietet es sich einmal an, nach intensiven Arbeitsphasen früher aus dem Büro zu gehen. Es kommt darauf an, das nutzen und nicht auszusitzen – vorausgesetzt, im Unternehmen ist vorgesehen, dass man das darf“, so Schirl.

Bildnachweis: Ollyy /Shutterstock; Sergey Nivens /Shutterstock; NinaMalyna /Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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