Land der Pendler: „Es braucht eine vernetzte Mobilität“

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 6. Juni 2012 um 11:31

Aktuelle Studien zeigen: Der Pendlerverkehr steigt und steigt, hat sich in den vergangenen 40 Jahren etwa in Oberösterreich sogar verdoppelt. Der Grund: Unternehmen konzentrieren sich um die Ballungsräume, zwingen die Menschen zum Pendeln. Dass dies auch in den kommenden Jahren so weitergehen wird, weiß der deutsche Mobilitätsforscher Andreas Knie. Das Problem, so der Experte, sind jedoch nicht die Unternehmen, sondern die Menschen.

„Wir müssen uns entscheiden, wie wir grundsätzlich leben wollen“

Mobilitätsforscher Andreas Knie

Mobilitätsforscher Andreas Knie

„Es gibt überall mehr Pendler, da die Urbanisierung zunimmt und ländliche Räume immer stärker an wirtschaftlichen Möglichkeiten verlieren. Die Produktionen sind nicht mehr ortsgebunden und konzentrieren sich“, erklärt Andreas Knie, dass auch große Konzerne in Zukunft keinen Hauptdienstort mehr haben werden und deshalb ebenfalls mehr Pendler produzieren werden. „Die Leute wollen am Land wohnen und die Stadt jedoch nicht missen“, ortet der Forscher das größte Problem bei den Menschen selbst. „Wir müssen uns grundsätzlich einmal entscheiden, wie wir leben wollen.“ In hohen und höheren Spritpreisen sieht Knie den einzig gangbaren politischen Weg, das „Auto-im-Kopf-denken“, wie er es nennt, zu verändern. „Pendler sind ein Zeichen eines enorm hohen Wohlstandsniveaus, welches nur mit dramatisch hohen Preisen der Autonutzung einzudämmen ist.“

Mit dem Alter sinkt die Flexibilität und steigt die Abhängigkeit

Grundsätzlich, so der Sozialwissenschafter, haben es junge und ungebundene Arbeitnehmer sehr viel leichter. Sie sind meist nicht durch ein Haus oder (schulpflichtige) Kinder an einen Ort gebunden und einfach flexibler – kommt der Job nicht zu ihnen, kommen sie zum Job. „Das Studium, die erste Arbeitsstelle – für Junge sind es meist nur temporäre Wohnsitze, die nach Ende eines Abschnittes leicht gewechselt werden können.“ Für einen älteren Arbeitnehmer, der womöglich mit einem Kredit an ein Haus gebunden ist, bleibt, wenn etwa die Firma übersiedelt oder gar zusperrt, meist kein Ausweg. Wie Knie und sein Team durch Untersuchungen erheben konnten, liegt bei 90 Minuten Dauer pro Weg das Maximum, „alles darüber hinaus ist schwer ertragbar“.

Homeoffice als Ausweg?

Einen möglichen Ausweg aus dem Pendlertrott liefert allerdings das Homeoffice. Dieses, so Knie, werde jedoch das normale Office nie 1:1 ersetzen können. „Homeoffice wird einen immer größeren Stellenwert bekommen, ermöglicht durch die größer werdende Ortsungebundenheit  und die zunehmenden Möglichkeiten der Telematik. Da es jedoch auch immer den persönlichen Kontakt geben wird müssen, sind Modelle, die Homeoffice und Office mischen, wohl die besten.“ Wie schon an anderer Stelle im karriere.at-blog berichtet, wird durch Homeoffice besonders dem Wunsch vieler Arbeitnehmer, im Notfall (Krankheitsfall eines Kindes, Betreuung eines älteren Familienmitgliedes) zu Hause bleiben zu können, Rechnung getragen.

Die Mobilität der Zukunft – „Es braucht eine vernetzte Mobilität“

Zusätzlich zu den strukturellen Veränderungen, die aus Sicht des Zukunftsforschers notwendig sind, gibt es freilich auch die technische Entwicklung, die in Bezug auf die Energie- und Verkehrswende eine große Rolle spielt. „Die Bedeutung des Autos wird generell zurückgehen, der Anteil der Elektrofahrzeuge hingegen steigen. Es muss eine neue Denkweise kommen, weg vom Auto als Alleinverkehrsmittel hin zu einer vernetzten Mobilität“, erklärt Knie, der selbst kein Hauptverkehrsmittel hat sondern immer mit dem Verkehrsmittel unterwegs ist, welches „gerade am besten passt.“ Für Elektroautos generell sei der Weg geebnet – „wir Menschen sind bereit und die Technik ist da.“ Nachholbedarf gibt es jedoch, so Knie, bei der passenden Infrastruktur für Elektrofahrzeuge – sprich Parkplätze und vor allem Tankplätze.

„Land wird wieder Land, Stadt wieder Stadt“

Das Fazit des Forschers ist, dass sich die Menschen in Zeiten der Energie- und Verkehrswende bewusst werden müssen, dass „Land wieder Land und Stadt wieder Stadt“ wird. Der Luxus, am Land zu leben und in der Stadt zu arbeitet, der kostet: Ressourcen, Geld und Zeit.

Zur Person: Andreas Knie

Andreas Knie, 1960 im deutschen Siegen geboren, ist ein deutscher Sozialwissenschafter und Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin sowie Professor für Soziologie an der dortigen Technischen Universität. Er ist seit 2010 Mitglied der Arbeitsgruppe „Rahmenbedingungen“ der Nationalen Plattform Elektromobilität.

Fotonachweis: Colourbox, innoz

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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