Arbeit statt Krankenstand: Psychische Leiden sind immer noch Tabuthema

von in Arbeitsleben, HR am Mittwoch, 22. Juni 2016 um 10:26

Gegenüber Verletzungen oder einer Grippe haben psychische Beschwerden einen Nachteil: Sie sind im Erwerbsleben häufig nicht „salonfähig“. Sich wegen körperlicher Gebrechen krankschreiben zu lassen ist eine Sache – aber aufgrund von Erschöpfung, Depression oder Schlaflosigkeit daheim zu bleiben? Eine aktuelle Studie hat erfragt, wie die Österreicher über psychische Beschwerden denken und wie damit im Job umgegangen wird.

Klingt in der Theorie so einfach: Wer sich nicht fit und gesund fühlt, erholt sich im Krankenstand. Schwierig wirds, wenn der eigentlich verdiente Krankenstand gar nicht erst angetreten wird. Besonders oft ist das der Fall, wenn Arbeitnehmer unter psychischen Beschwerden leiden. Zum Thema „Psychische Belastung am Arbeitsplatz“ hat die Online-Beratungsplattform instahelp gemeinsam mit karriere.at und Marketagent.com eine repräsentative Studie durchgeführt. Befragt wurden mehr als 1.017 Arbeitnehmer und 218 Unternehmensvertreter, präsentiert wurden die Studienergebnisse heute in Wien.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Unter Gesundheitsproblemen aufgrund ihres Berufes leiden bereits mehr als eine Million Menschen in Österreich. Dabei sind psychische Erkrankungen immer mehr auf dem Vormarsch. Termindruck, Stress, Überstunden – für viele Erwerbstätige stehen diese Herausforderungen an der Tagesordnung. Oft wird die Arbeitsleistung davon stark beeinflusst – im schlimmsten Fall drohen Burnout, Depression oder andere Erkrankungen.

Dass dem Wunsch, in Krankenstand zu gehen, nicht immer nachgegeben wird, bestätigt auch die vorliegende Studie. 17 Prozent der berufstätigen Österreicher hat einmal monatlich das Bedürfnis, aufgrund körperlicher Beschwerden eine Pause einzulegen – nur vier Prozent bleiben dann tatsächlich zu Hause. Aufgrund eines psychischen Leidens würden 13 Prozent gerne einmal zu Hause bleiben, drei Prozent tun das auch.

Tabuthema Psyche

Abgefragt wurde im Rahmen der Studie auch, welche Krankenstandsgründe auf hohe bzw. niedrige Akzeptanz stoßen.

  • Arbeitnehmer akzeptieren Knochenbrüche, Fieber  und Magen-Darm-Probleme am häufigsten als Grund, zu Hause zu bleiben – bei den Arbeitgebern findet sich die selbe „Top 3“ der am häufigsten akzeptierten Krankenstandsgründe.
  • Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen und familiäre Probleme sind für die Mehrheit der Arbeitnehmer und Arbeitgeber kein Grund für Fehlzeiten.

Die Grippe als Notlüge

Kein Wunder, dass psychische Leiden im beruflichen Umfeld nach wie vor als Tabuthema gehandelt werden. Nur jeder dritte Österreicher würde im Fall eines Krankenstandes psychische Probleme als Grund offen anführen. Fast die Hälfte (42 Prozent) würde auf eine Notlüge zurückgreifen und körperliche Beschwerden vorschieben. Mit Chef oder Kollegen darüber sprechen? Lieber nicht! Nur knapp ein Fünftel denkt, dass sie dafür Verständnis hätten.

Beratung: Arbeitgeber hinken nach

Der Bedarf an psychologischer Beratung und professioneller Hilfestellung ist also groß. Dieser Nachfrage werden Österreichs Arbeitgeber aber noch nicht gerecht. Während Sozialleistungen wie Teambuilding, Fitnesskurse oder gesunde Verpflegung in vielen Unternehmen an der Tagesordnung stehen, lässt das Angebot an psychologischer Beratung noch zu wünschen übrig. Im innerbetrieblichen Angebot nimmt psychologische Hilfestellung den allerletzten Platz ein.

  • Fast doppelt so viele Arbeitnehmer als Vorgesetzte sagen, dass sie Vorträge über psychische Gesundheit (32 Prozent) oder psychologische Beratung (26 Prozent) in Anspruch nehmen würden. Vor allem weibliche Mitarbeiter interessieren sich für diese Angebote.
  • Beinahe die Hälfte der befragten Berufstätigen befand sich schon einmal in einer Situation, in der psychologische Beratung oder eine Therapie hilfreich gewesen wäre. Nicht alle ringen sich zu diesem Schritt durch. Die Gründe dafür: es sei unangenehm oder finanziell nicht drin. Mit ein Grund ist auch die Angst, dass die Kollegen von Beratung oder einer Therapie erfahren könnten.

Bildnachweis: igor.stevanovic/Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

Durch die Nutzung unserer Angebote erklärst du dich mit dem Setzen von Cookies einverstanden. Mehr erfahren