Tatsächlich krank oder heimlicher Urlaub?

von in Arbeitsmarkt, Arbeitsrecht am Freitag, 21. Januar 2011 um 14:08

Geht es um Krankenstände sind die Fronten zwischen Wirtschafts- und Arbeiterkammer derzeit hart: Wegen vorgetäuschter Krankheiten würden den heimischen Betrieben Zusatzkosten von 15,3 Millionen Euro entstehen, rechnet die Wirtschaftskammer Oberösterreich (WKO) und fordert wirksamere Maßnahmen gegen das „Blaumachen“. „Stimmt nicht“  kontert hingegen die Arbeiterkammer OÖ (AK): 41 Prozent der Arbeitnehmer würden sogar krank im Job erscheinen.

Oberösterreichs Wirtschaftskammer-Präsident Rudolf Trauner schlägt Alarm: Obwohl die Anzahl der Krankensandstage in den vergangen 40 Jahren grundsätzlich sinke, falle auf, dass seit dem Jahr 2006 die Krankmeldungen bei heimischen Arbeitnehmern um insgesamt 17 Prozent gestiegen seien. Dies bedeute nicht nur eine große Belastung für die Betriebe, sondern auch für die Krankenkassen. So sei die Summe des ausbezahlten Krankengelds seit 2006 um mindestens 39 Prozent gestiegen, rechnet die Arbeitgebervertretung vor. 90 Millionen Euro seien den oberösterreichischen Betrieben durch den Anstieg der Krankmeldungen in den vergangenen vier Jahren entstanden. Vor allem das „Blaumachen“ werde zu einem immer größeren Problem, zitiert WKO-Präsident Trauner aus einer europaweiten Studie der AON Consulting, nach der 120 Millionen Krankenstandstage missbräuchlich genommen würden.

„237.000 Tage blau“

Auf Oberösterreich (1,4 Millionen Einwohner) gerechnet, käme man demnach auf einen Wert von 237.000 Arbeitstagen, die sich Arbeitnehmer in Eigenregie freinähmen. „Aus diesem Missbrauch resultieren für die oö Arbeitgeberbetriebe allein aus dem Titel der Entgeltforzahlung 15,3 Millionen Euro jährliche Zusatzkosten“, rechnet Trauner.

Dass Krankenstandstage von einem Teil der Arbeitnehmer durchaus aus persönlichen Gründen wie verlängerten Wochenenden, schulfreien Tagen der Kinder oder der persönlichen Urlaubsplanung bewusst eingeschoben würden, sieht Trauner durch Fakten belegt: In den Ferien verzeichne die Gebietskrankenkasse um 36 Prozent weniger beginnende Krankenstände als vier Wochen vor- und nachher. Die Wochen mit den wenigsten Krankenständen sind neben dem Sommer die Oster- und Weihnachtsferien. Vor Wochenenden wird fast nie Krankenstand beantragt. Laut WKO waren im Jahr 2009 insgesamt 46 Freitage jene Tage, an denen am wenigsten Krankenstände gemeldet wurden. Besonders krankheitsanfällig seien Bundesbeamte, so Trauner: Diese seien um 33 Prozent öfter und neun Prozent länger im Krankenstand als ASVG-Angestellte.

Der Wirtschaftskammerpräsident sieht Untersuchungs- und Handlungsbedarf: „Das ist man nicht nur den Betrieben, sondern auch den vielen Mitarbeitern schuldig, die sich korrekt verhalten.“ Trauner fordert neben besseren Präventionsmaßnahmen vor allem auch, nachgewiesenen Krankenstandsmissbrauch dem Gesetzestext nach als Betrug zu ahnden und nicht mehr als Kavaliersdelikt anzusehen. Ärzte, die wider besseren Wissens „krankschreiben“, seien als Beitragstäter zu behandeln.

„Druck auf Kranke ist kontraproduktiv“

Kritik, die Arbeiterkammer-Präsident Johann Kalliauer auf die Palme bringt: „In Wahrheit ist es umgekehrt. Immer mehr Menschen gehen krank zur Arbeit, weil sie Angst vor Konsequenzen haben.“ Dies gehe aus dem Arbeitsgesundheitsmonitor klar hervor, so der AK-Chef: „Erschreckende 41 Prozent“ der Beschäftigten gaben demnach an, auch krank zum Dienst zu erscheinen. Vor allem Arbeitnehmer, die sich durch ihren Chef belastet fühlten, würden sich signifikant häufiger trotz gesundheitlicher Probleme an den Arbeitsplatz quälen. „Druck auf Kranke auszuüben, sodass sie krank zur Arbeit gehen, ist völlig kontraproduktiv“, kontert die AK per Aussendung: „Denn das bedeutet, dass die Krankheit dann meist schlimmer oder gar chronisch wird.“ Mit den aktuellen „Unterstellungen“ bewirke die Wirtschaftskammer lediglich den gegenteiligen Effekt: Letztendlich längere Krankenstände wegen weniger gesunder Arbeitnehmer.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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