Krank! Auf ins Büro oder doch im Bett bleiben?

von in Arbeitsleben, Arbeitsrecht am Freitag, 4. Oktober 2013 um 09:18

Die Augen brennen von der ungewohnten Heizungsluft nach der Sommerfrische, der Kopf dröhnt wegen der ersten Erkältung nach dem Temperatursturz. „Mir geht’s fürchterlich“, denkt sich die Angestellte, wirft eine Tablette ein – und schleppt sich zur Arbeit. Die eine handelt so aus Angst den Job zu verlieren, der andere aus Pflichtgefühl. Nur: Der Firma nützt das nicht wirklich. Im Gegenteil: Es schadet ihr. Dieser Artikel forscht nach.

Ein Gastartikel von Rita Obergeschwandner

Laut einer aktuellen Online-Umfrage der Arbeiterkammer sind fast zwei Drittel der ArbeitnehmerInnen schon mindestens einmal wegen Personalmangels oder aus Angst um den Arbeitsplatz krank arbeiten gegangen. Die Rechtsberatungsabteilung der AK spricht über „schlechte Behandlung von ArbeitnehmerInnen im Krankenstand„. Neun von zehn ArbeitnehmerInnen sind schon einmal krank in die Arbeit gegangen, weil sie ihre Kollegen nicht im Stich lassen wollten oder ganz einfach Angst um ihren Job hatten. Oft würden auch Arbeitnehmer im Krankenstand zur einvernehmlichen Lösung des Dienstvertrages gedrängt, sogar gekündigt bzw. entlassen, so die Arbeiterkammer.

Krankenstand dauert im Schnitt zehn Tage

Die Zahlen des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger zeigen: 2012 nahm jede/r Erwerbstätige im Schnitt 12,8 Krankenstandstage – 2011 waren es noch 13,2. Das bedeutet: Von 2011 auf 2012 ist die Gesamtzahl der Krankenstandstage zurückgegangen – in absoluten Zahlen von 39.977.321 auf 39.671.833 Tage (bei gleichzeitiger Zunahme der Beschäftigtenzahl von 3,036 Millionen auf 3,089 Millionen im Jahresschnitt). Die durchschnittliche Abwesenheitsdauer pro Krankenstand beträgt 10,5 Tage. Laut Statistik gibt es aber Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Frauen sind länger krank als Männer, sie beanspruchen im Schnitt 13,2 Tage, während Männer 12,5 Tage im Jahr nicht an ihrem Arbeitsplatz sitzen. Was viele aber nicht wissen: Kranke Angestellte am Arbeitsplatz kosten eine Firma im Schnitt 2.400 Euro pro Jahr – doppelt so viel wie jene, die daheim bleiben.

Präsentismus: „Eine Verleugnung von sich selbst“

„Krank arbeiten zu gehen ist eine extreme Verleugnung von sich selbst und seinen eigenen Bedürfnissen. Man sollte sich fragen, welcher Druck auf einem lastet und wo dieser Druck herkommt. Gibt es (explizite oder implizite) Weisungen von „oben“, krank ins Büro zu kommen, oder denkt man selbst, man sei unentbehrlich,“ so Silke Pfeifer, Klinische und Gesundheitspsychologin.

ExpertInnen nennen dieses Phänomen Präsentismus: die Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Auch etwa unsere deutschen Nachbarn sind davor nicht gefeit. Laut der Bertelsmannstiftung gehen drei von vier Deutschen mindestens einmal im Jahr richtig krank zur Arbeit (Gesundheitsmonitor 2007). Dennoch findet das Problem bislang wenig Beachtung.

Krank zu sein ist einfach unpopulär

Jugendlich, schlank, fit und gesund sind die Werte in der heutigen Zeit, nach denen man sich misst, und gemessen wird. Krank zu sein passt da nicht ins Bild. Diesem Ideal nachzueifern kann aber krank machen, etwa zu Burn Out führen.

Nur: „Wenn ich Angst habe, jemanden zu ,enttäuschen´, heißt das, ich habe vorher jemanden getäuscht, etwa dass ich immer funktioniere und „perfekt“ bin?“, hinterfragt Silke Pfeifer den fatalen Hang zum Perfektionismus. „Es lohnt sich, die Frage zu stellen: Was sind meine Werte? Will ich mit 80 Jahren sagen können: Ich habe ein glückliches Leben geführt oder ich war sehr fleißig und produktiv?“ Grundsätzlich sollte die eigene Gesundheit als Basis und Voraussetzung für Kreativität und Produktivität an erster Stelle stehen.

Wege aus der Selbstverleugnung

Die erste Erkältungswelle hat nicht lange auf sich warten lassen. Rund 3000 SteirerInnen haben sich letzte Woche wegen grippalen Infekten bei der Gebietskrankenkasse krank gemeldet. In anderen Bundesländern schaut die Krankheitsstatistik ähnlich aus. Bei dem beginnenden feuchtkalten Wetter haben Erkältungsviren leichtes Spiel. Damit stellt sich für viele die eingangs erwähnte Frage: Schleppe ich mich zur Arbeit oder bleibe ich daheim? Silke Pfeifer empfiehlt hierfür eine gründliche Innenschau: „Wem auffällt, dass sie/er dazu neigt, im Krankheitsfall das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung der Firma zuliebe hintanzustellen, könnte sich fragen, welche „Antreiber“ sie/ihn dazu motivieren. Sehr oft sind es „innere Antreiber“ wie etwa Perfektionismus, der Wunsch, es jeder/m recht zu machen, der Wunsch, durch besonderen Einsatz positiv aufzufallen, die Idee, dass nur man selbst die Arbeit „richtig“ macht…

Des weiteren stellt sich die Frage, welchen Preis man bereit ist, für die Erfüllung dieser Bedürfnisse zu zahlen. Um eine solche „Innenschau“ zu betreiben, ist Ruhe und Zeit notwendig: ein Krankenstand, in der der Körper nach eben diesen Dingen verlangt, könnte gut auch dafür genutzt werden …

Wie schaut’s bei Ihnen aus? Sind sie gut zu sich selbst und hüten bei Krankheit das Bett oder versorgen Sie Ihre KollegInnen im Büro mit Viren oder Bakterien?

Die Online Umfrage der AK im Detail, befragt wurden 5500 ArbeitnehmerInnen:

  • 39,7 % waren im Laufe des Jahres 2012 das letzte Mal in Krankenstand, 25,4 % 2011 und 30,5 % vor dem Jahr 2011.
  • Durchschnittlich hat der letzte Krankenstand 10,1 Tage gedauert, nur 2,2 % dauerten einen Tag.
  • 63,4 % gaben an, schon mindestens einmal krank arbeiten gegangen zu sein (Vergleichswert 2007 55,7 %). Als Begründung gaben rund 15 % Angst um den Arbeitsplatz bzw. Druck des Arbeitgebers an, Hauptgrund war, dass die Arbeit aufgrund mangelnder personeller Ressourcen liegen bleibe oder von den KollegInnen mit erledigt werden müsse.
  • 45,2 % haben aus den gleichen Gründen schon mindestens einmal einen Krankenstand vorzeitig beendet.
  • Von der Forderung der Wirtschaft, den ersten Krankenstandstag nicht mehr zu bezahlen, haben 43 % bereits gehört. 58,4 % davon glauben, dass längere Krankenstände die Konsequenz daraus wären.
  • Betriebliche Gesundheitsförderung bleibt trotz Fortschritten ein Minderheitenprogramm: 37,2 % der Befragten gaben an, in einem Betrieb zu arbeiten, der solche Programme anbieten. Das sind zwar deutlich mehr als vor fünf Jahren (26,5 %), damit scheint aber der Plafond erreicht. Nur 1,9 % jener ArbeitnehmerInnen, in deren Betrieb es noch keine Gesundheitsförderung gibt, glauben, dass es in Zukunft ein Angebot geben wird.
  • Gleichzeitig sagen fast 70 %, dass der Druck auf dem Arbeitsplatz in den vergangenen 5 Jahren gestiegen sei.

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Bildnachweis: baranq / Quelle Shutterstock

Redaktion

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