Freundschaft im Büro: „Quatscht ihr nur oder arbeitet ihr auch?“

von in Arbeitsleben am Dienstag, 22. Mai 2012 um 09:57

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste was es gibt auf der Welt!“ Die Lobeshymne auf die Freundschaft der Comedian Harmonists in den Ohren arbeitet es sich gleich viel leichter. Hat man noch dazu neben sich Kollegen sitzen, die man mehr als bloß gut riechen kann, fühlt man sich gleich doppelt glücklich. Freundschaften im Büro sind wunderbar, denn Freude machen das Leben leichter. Es gibt unzählige Beispiele dafür, dass Freunde gut zusammenarbeiten können – Freundschaften im Büro können aber auch zu Problemen führen. Wo man Grenzen ziehen sollte, weiß Expertin Jutta Boenig.

Führungskräfte haben Netzwerke, keine Freunde

Karriereexpertin Jutta Boenig

Karriereexpertin Jutta Boenig

„Freundschaften sind auch in der Arbeitswelt ein großes und komplexes Thema, das zudem auf der Führungsebene anderes gelebt wird als unter den Mitarbeitern“, wie Jutta Boenig, Inhaberin und Leiterin der Boenig Beratung in Überlingen am Bodensee und 1. Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung, erklärt. So sei es eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass Freundschaft in der Führungsetage in der Regel – Ausnahmen gibt es natürlich immer – wenig verloren hat, ein Stück weit sogar verboten ist. „Führungskräfte kennen einander, gehen vielleicht gemeinsam golfen oder laden sich zum Essen ein, sie verbindet jedoch im Regelfall keine Freundschaft“, beschreibt Boenig ein Netzwerken, das mit echter Freundschaft nicht zu verwechseln sei. „Beim Netzwerken will man sich keine Blöße geben, es geht immer um Macht und verliert jemand seine Position – durch Kündigung, Pensionierung oder was auch immer – sind die Netzwerk-Freundschaften schnell vergessen.“

Wenn der Freund zum Vorgesetzen wird

Noch schmerzhafter als die Erkenntnis, dass die Luft oben eben auch für echte Freundschaften dünn ist, beschreibt Boenig den Sonderfall, wenn der Kollege und Freund plötzlich zum Chef geworden ist. „Es liegt in der Natur der Sache, dass eine solche Freundschaft auf verschiedenen Ebenen oft zum Scheitern verurteilt ist. Natürlich gibt es Ausnahmen, meist enden Rettungsversuche jedoch in frustrierenden Erlebnissen.“ Besonders schwer sei dieser Wechsel vom Kollegen zum Vorgesetzten dann, wenn auch die Familien befreundet sind und es zu unangenehmen Situationen – im schlimmsten Fall muss der neue Vorgesetzte seinen ehemaligen Kollegen kündigen – kommt. „Ich hatte einen Fall, da hatte der Vorgesetzte schon ein Magengeschwür, so sehr hat ihn die Situation belastet“, schildert Boenig.

Steigende Mobilität macht Freundschaften immer wichtiger

Auf gleicher Ebene, sprich unter Kollegen, kommen echte Freundschaften am Arbeitsplatz häufig vor. In manchen Fällen sind sie sogar sehr wichtig für das Seelenheil eines Menschen. „Durch die steigende Mobilität arbeiten Menschen heute oft viele Kilometer vom Wohnort entfernt, immer mehr Arbeitnehmer pendeln sogar nur am Wochenende nach Hause zu ihren Familien. In diesem Fall ist es besonders wichtig, Freundschaften in der Arbeit zu schließen und auch einmal nach der Arbeit etwas gemeinsam zu unternehmen. Aber auch für Menschen, die Familie und Arbeit in der gleichen Stadt haben sind berufliche Freundschaften, die sich oft über Jahre hinweg festigen, sehr wichtig.“ Weshalb diese Freundschaften auf einer Ebene sein sollten, und weshalb eine kollegial-freundschaftliche Mann-Frau-Beziehung problematisch ist, erklärt die Karriereexpertin mit der Außenwirkung. „Ist ein Planer etwa mit einem Projektleiter befreundet, entsteht schnell Neid unter Kollegen. Dann heißt es etwa ‚der schleimt nur rum‘, handelt es sich bei den Freunden um einen Mann und eine Frau, wird nicht selten eine Liebesbeziehung vermutet“, weiß Boenig.

„Quatscht ihr nur oder arbeitet ihr auch?“

Bewegen sich beide auf gleicher Ebene, sieht Boenig kein Problem darin, wenn Kollegen sogar zu besten Freunden werden. Aufpassen sollte man jedoch auch hier, wie die Freundschaft auf andere wirkt. „Man sollte zum Beispiel darauf achten, dass private Erzählungen in der Teeküche nicht ausarten und man vergisst, in der Arbeit zu sein. Mit ernsten oder sehr intimen Gesprächen sollte man bis nach der Arbeit warten und darauf achten, dass der Arbeitsplatz nicht zu sehr durch die Freundschaft geprägt ist.“ Dies kommt auch dann zum Tragen, wenn es mal dunkle Wolken am Freundschaftshimmel gibt – die Rede ist von Streit. „Bei zerbrochenen Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz ist es meist so, dass einer am Ende die Firma oder Abteilung verlässt. Im Extremfall kann dies auch bei Freunden so sein, deshalb sollte man sich immer bewusst sein, dass ein großer Krach im Extremfall sogar soweit führen kann.“

Freunde nicht nur in der Arbeit suchen

Es gibt jedoch auch andere Situationen, die eine Bürofreundschaft an ihre Grenzen bringen können. Was ist, wenn jemand kündigt, wegzieht, die Karriereleiter erklimmt oder schlicht und einfach eine andere Arbeit annimmt? „In so einem Fall kriegen Freundschaften schnell Beziehungscharakter, der eine fühlt sich unter Umständen verlassen, im Stich gelassen, ist enttäuscht und reagiert mit Aussagen wie „Ich bin doch nur wegen Dir so lang geblieben'“, so Boenig. Deshalb rät sie unbedingt dazu, Freunde nicht nur in der Arbeit zu suchen. „Man sollte sich selbst vor Enttäuschungen schützen, indem man nicht seine ganze Herzensenergie in die Arbeit bzw. Arbeitskollegen steckt. Man unterscheidet ja auch im Privatleben zwischen engen Freunden, Freunden und Bekannten und streut so seine Bindungen.“

„Ich möchte nicht dein ganzes Leben mitkriegen“

Unter dem Motto „Freunde kann man sich aussuchen, Kollegen nicht„, sollte jeder trotzdem versuchen, in der Arbeit mit engen Kontakten sparsam umzugehen. Dies bedeutet, dass gegen wenige, ausgewählte engere Kontakte nichts einzuwenden ist, mit jedem kann und sollte man jedoch nicht „best friend“ sein wollen. Hat man einen Kollegen oder eine Kollegin, der oder die ungefragt zu viel Intimes preisgibt, sollte man dies ruhig auch sagen können. Gemäß dem Motto „Ich möchte nicht Dein ganzes Leben mitkriegen“ sollte man auch freundlich aber bestimmt darum bitten können, dass private Telefongespräche nicht im Großraumbüro geführt werden, so Boenig.

Nicht die beste Idee: Den besten Freund in die Firma zu holen

Ein weiteres Thema, welches nicht vergessen werden darf, ist das Rekrutieren von Freunden. „Ich rate davon ab, einen sehr engen Freund zu sich in die Firma zu holen. Es kann gut gehen jedoch auch scheitern – und die Freundschaft gleich dazu“, erklärt Boenig, dass Empfehlungen und Netzwerke im Berufsleben zwar ungemein wichtig sind, kommt jedoch eine enge Freundschaft ins Spiel, ist die emotionale Verantwortung hoch und das Risiko groß. „Gefällt dem Freund die vorgeschwärmte Stelle doch nicht oder stellt er sich als wenig geeignet heraus, kommt der Vermittler schnell unter Druck. Dann wird meist emotional gehandelt und nicht selten entsteht großer Stress.“ Wie schon erwähnt gilt auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel und freilich hängt es immer von den Menschen und der jeweiligen Situation ab, ob Freundschaften auch in einer gemeinsamen Arbeitswelt bestehen können.

Fotonachweis: Colourbox, cw-design / Quelle Photocase, Boenig

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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