Wirtschaftsprüfer: „Es gibt momentan großen Bedarf an Berufseinsteigern“

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 23. März 2016 um 11:41

Absolventen, die eine hohe Affinität zu Zahlen, eine große Portion Neugierde und Liebe zum Detail mitbringen, sollten sich den Beruf des Wirtschaftsprüfers genauer ansehen. Warum Kommunikationsstärke und ein Hang zu langen Sommerurlauben der Karriere ebenfalls nicht schaden, erzählt Wirtschaftsprüfer Peter Pessenlehner von PwC.

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Peter Pessenlehner

Peter Pessenlehner

Karriere als Wirtschaftsprüfer

Wirtschaftsprüfer – das klingt nach Zahlen wälzen im stillen Kämmerlein, der Beruf ist aber viel abwechslungsreicher als das Klischee vermuten lässt. Die Lage am Stellenmarkt ist außerdem gut, die Nachfrage nach Wirtschaftsprüfern groß. Wir haben uns mit Peter Pessenlehner von PwC Österreich über Karrierechancen in der Wirtschaftsprüfung unterhalten.

Welche Ausbildung, welches Studium bringen Berufseinsteiger typischerweise mit und wie gestalten sich die ersten Jahre?

Pessenlehner: Die meisten unserer Mitarbeiter in der Wirtschaftsprüfung haben BWL studiert, manche auch Wirtschaftsrecht. Bei uns kann man mit Bachelor- oder Masterabschluss beginnen. Wer als Bachelor einsteigt und berufsbegleitend den Masterabschluss machen möchte, wird von uns unterstützt. Selten haben wir Juristen, die sind mehr in der Steuerberatung und in den Fachabteilungen für Spezialbereiche gefragt. Intern investieren wir viel in die Fortbildungen unserer Mitarbeiter, ein Neueinsteiger erhält im Lauf seines ersten Berufsjahres rund 200 Stunden Weiterbildung. Dabei handelt es sich um fachspezifische Trainings wie z.B. Vertiefungen in der Rechnungslegung oder Prüfungstechniken und um Fortbildungen im Bereich der Soft Skills.

Interessiert sich jemand längerfristig für eine Karriere im Bereich der Wirtschaftsprüfung, ist es erforderlich, die Berufsberechtigung dazu zu erwerben. Es gibt dazu einen vorgeschriebenen Ausbildungsweg: Wer in Österreich Wirtschaftsprüfer werden möchte, muss davor die Berufsbefugnis des Steuerberaters erwerben. Man benötigt nach dem Berufseinstieg circa drei Jahre, um Steuerberater zu werden und danach noch einmal rund zwei Jahre, um die Befugnis zum Wirtschaftsprüfer zu erlangen. In Zukunft soll das aber noch schneller gehen, eine Novelle dazu ist in Ausarbeitung. Die Berufe des Steuerberaters und der des Wirtschaftsprüfers würden dann voneinander getrennt. Das bedeutet, dass sich angehende Wirtschaftsprüfer den Umweg über die Befugnis des Steuerberaters sparen – alles geht dann schneller.

Welche Eigenschaften bringt ein guter Wirtschaftsprüfer mit?

Pessenlehner: Man benötigt neben fachlichen Eigenschaften auch soziale Kompetenzen. Zu den fachlichen Anforderungen zählen exaktes Arbeiten, gutes Zahlenverständnis, gute Kenntnisse in den Rechnungslegungsstandards, gute Buchhaltungskenntnisse und der Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen. Nachzuforschen, warum etwas so ist, wie es ist – für Wirtschaftsprüfer eine sehr wichtige Eigenschaft. Darüber hinaus sollte man auch über entsprechende Social Skills verfügen, denn es ist ein Beruf, in dem man sehr viel mit Menschen zu tun hat.

„Jemand, der nur fachlich stark ist, ist aus meiner Sicht kein guter Wirtschaftsprüfer.“

Die meiste Zeit ist man vor Ort beim Kunden und agiert mit dem Rechnungswesen. Erfahrene Wirtschaftsprüfer haben auch Termine mit der Geschäftsführung und dem Vorstand, später vielleicht sogar mit dem Aufsichtsrat. Es geht in unserem Beruf stark um zwischenmenschliche, kommunikative Aspekte. Jemand, der nur fachlich stark ist, ist aus meiner Sicht kein guter Wirtschaftsprüfer.

Beruf Wirtschaftsprüfer

Wie sieht die Arbeit eines Wirtschaftsprüfers in der Praxis aus?

Pessenlehner: Ein Einsteiger in den ersten fünf Jahren ist mit dem Prüfungsteam meistens vor Ort bei Kunden, wo geprüft wird. Dort gibt es eigene Prüferzimmer, in denen das Team arbeitet. Bei großen, internationalen Mandaten ist man bis zu sechs Monate vor Ort, bei kleinen Unternehmen vielleicht nur eine Woche. Das Interessante ist, dass man im Rahmen dieser Arbeit viele verschiedene Unternehmen, Unternehmenskulturen und Branchen kennenlernt. Von der Tochtergesellschaft eines riesigen, internationalen Konzerns bis hin zur mittelgroßen, österreichischen Kapitalgesellschaft, die gerade prüfungspflichtig wurde und vielleicht aus einem Familienbetrieb heraus entstand. Man hat die gesamte Bandbreite vor sich, das macht den Beruf unheimlich schön. Das hat mich als Berufsanfänger damals so fasziniert: wir sind regelmäßig bei neuen Kunden, haben neue Problemstellungen, es ist ein unheimlich abwechslungsreicher Beruf.

Was ich auch sehr schön finde an diesem Beruf ist die Möglichkeit, seine Karriere selbst in die Hand nehmen zu können. Es kommt sehr stark auf die eigene Leistung, den Fleiß und das Engagement an – vielleicht viel mehr als in anderen Branchen. Wenn man diesen Ehrgeiz hat, dann benötigt man keine Seilschaften oder Parteibücher, um vorwärtszukommen. Um einen Vergleich zu ziehen: Wir haben bei PwC Österreich 950 Mitarbeiter, davon sind 40 Partner. Verglichen mit einem Industrieunternehmen gleicher Größe haben Sie dort drei Vorstände oder Geschäftsführer. Die Möglichkeit, in die Führungsebene aufzusteigen, ist in der Wirtschaftsprüfung also sehr viel höher – sofern man das möchte.

Es gibt in der Wirtschaftsprüfung die „Busy Season“. Wie wirken sich die saisonalen Schwankungen auf die Arbeit aus?

Pessenlehner: Es ist ein Faktum, dass viele Unternehmen den Regelbilanzstichtag am 31.12. haben. Für uns bedeutet das, dass wir rund um den Jahreswechsel am meisten zu tun haben. Das beginnt im Oktober, im November ist dann bereits viel zu tun und diese sogenannte Peak Season oder Busy Season geht bis circa März. Das muss man natürlich auch mögen, in den Wintermonaten zu arbeiten – teilweise mehr als 40 Wochenstunden und auch sehr intensive Tage. Dafür ist es in den Sommermonaten möglich, auch längere Zeit auf Urlaub zu gehen. Über unser Jahresarbeitszeitmodell funktioniert das sehr gut.

Wohin kann die Karriere noch führen, außer zu einer Partnerschaft in der Kanzlei?

Pessenlehner: Ich denke, dass die Wirtschaftsprüfung derzeit sehr gute Karrierechancen bietet. Es gibt momentan großen Bedarf an Berufseinsteigern – in der ganzen Branche, es gibt viele offene Stellenangebote. Es ist möglich, in einer Gesellschaft Karriere zu machen – bis hin zur Partnerschaft – oder nach einigen Jahren Berufserfahrung den Sprung in einen Industriebetrieb, zu einer Bank oder Versicherung zu machen. Die Ausbildung in der Wirtschaftsprüfung, die vielen Unternehmen, die man kennenlernt, die Bilanzierungskenntnisse, die man erwirbt, das alles ist ein wunderbares Fundament für eine Karriere.

Zum Abschluss noch das Thema Gehalt, was können Berufseinsteiger erwarten?

Pessenlehner:  Das Jahresbrutto für Berufseinsteiger liegt in unserer Gesellschaft bei 30.000 bis 34.000 Euro – nicht pauschaliert, die Überstunden werden monetär oder über Zeitausgleich abgegolten. Das genaue Gehalt hängt dabei von der Ausbildung ab, Masterabsolventen erhalten etwas mehr als Bachelorabsolventen. Dazu kommt noch das Investment in Form der Weiterbildungsmaßnahmen.

Zur Person

Peter Pessenlehner ist Absolvent der Wirtschaftsuniversität Wien und seit 2000 bei PwC. Er leitet seit 2015 den Bereich Wirtschaftsprüfung mit rund 250 Mitarbeitern und hat sich auf die Prüfung von international tätigen Konzernen spezialisiert.

Bildnachweis: Zeynur Babayev / Shutterstock; Nonwarit/Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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