Expertenforum Karenzmanagement: „Generation der aufgeschobenen Kinderwünsche“

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt, HR am Donnerstag, 10. Mai 2012 um 13:14

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Kraftakt, den unzählige Arbeitnehmer täglich meistern (müssen). Dabei bleiben meist die Karrieren der Frauen auf der Strecke und somit ein großes Potential unerschöpft. Über Lösungswege für die Zukunft sowie die Tatsache, dass es auch für Unternehmen nicht mehr leistbar sein wird, auf die Frauen zu verzichten, referierten gestern  Personalstrategen beim Expertenforum des K3, Kompetenzzentrum für Karenz und Karriere in Linz.

Ende der Entweder-Oder-Entscheidungen gefordert

„Das persönliche Lebensglück von Frauen und Familien ist derzeit einem starken Kulturwandel unterworfen. Fakt ist, dass Frauen derzeit Entweder-Oder-Entscheidungen treffen. Entweder Kind oder Karriere. Berufliche Entscheidungen werden aufgrund der Vereinbarkeit mit der Familie getroffen, dadurch gehen viele Talente verloren“, hob Frauenlandesrätin Doris Hummer die große Bedeutung von einem besseren Karenzmanagement hervor. „Wir sind die Generation der aufgeschobenen Kinderwünsche, doch schon jetzt merken wir anhand der demografischen Entwicklung, wie gefährlich es für eine Gesellschaft ist, wenn nie der richtige Zeitpunkt für Kinder da ist.“

Hummer: Frauen sollen ihre Talente ausleben können

Frauen-LR Doris Hummer

Deshalb brauche es, so Hummer, ein gelebtes Diversity Management in Unternehmen. Das langfristige Ziel des K3, welches im Vorjahr auf Initiative von Hummer ins Leben gerufen wurde, ist es, dass Frauen sich in Zukunft entsprechend ihrer Talente, und nicht ihres Kinderwunsches entscheiden können. „Frauenpolitik heißt für mich Politik der gleichen Chancen“, fordert Hummer ein System, welches Gleichberechtigung der Partner hinsichtlich Teilzeitarbeit fordert. Denn derzeit bleibe die Kinderbetreuung meist an den Frauen hängen.

Blätterbinder: „Es braucht eine Strategie“

Michael Blätterbinder, Energie AG

„Sorge dich nicht um die Ernte, sondern um die richtige Bestellung der Felder.“ Mit diesem Zitat von Konfuzius hob der erste Vortragende,  Johannes Blätterbinder, Personalstratege der Energie AG OÖ, die Notwendigkeit einer Strategie für ein funktionierendes Karenzmanagement in einem Unternehmen hervor. Diese müsse auch, so Blätterbinder, von den Führungskräften vorgelebt werden. Die größte zukünftige Herausforderung auf einem Arbeitsmarkt, der immer stärker von Frauen geprägt sein wird, liegt am Funktionieren der Work-Leasure-Balance – also des „Sowohl-Als-Auch“. Die Arbeitnehmer werden dies immer stärker fordern und um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, kann sich kein Unternehmen Nachlässigkeit leisten. „Auf die Zukunft vorbereitet zu sein bedeutet, die Zukunft vorzubereiten“, so Blätterbinder.

Unternehmen sollten möglichst viele verschiedene Zeitmodelle anbieten

Es gibt jedoch, so der HR-Experte, keine universalgültige und richtige Strategie, die auf alle Unternehmen anwendbar ist. „Ein Unternehmen muss die jeweils zielführendste und passendste Strategie entwickeln und viele mögliche Varianten der Umsetzung anbieten. Die Mitarbeiter entscheiden dann, ob eine dieser Varianten für sie passt. Es wird hingegen strategisch nicht möglich sein, für jeden Mitarbeiter individuell nach Lösungen zu suchen.“ Die hohe Rückkehrquote nach einer Karenz in der Energie AG führt der Personalstratege auf mehrere Angebote, wie etwa einem Home Office-Modell, zurück. „Am wesentlichsten sind, das zeigt sich ganz deutlich, flexible Arbeitszeitmodelle.“

Brau Union: Traditionelle Männerkultur trifft Zukunft

Barbara Walter-Leisch, Brau Union

Barbara Walter-Leisch, Brau Union

„Es gärt in uns.“ Mit diesem kleinen Wortspiel startete Barbara Walter-Leisch, Organisationsentwicklerin der Brau Union Österreich, in ihren Vortrag. Fast wie die Jungfrau zum Kinde sei das Traditionsunternehmen im Vorjahr dazu gekommen, ein Projekt zum Thema „Work Life Balance“ zu starten. Bei einem Ideen-Contest unter Mitarbeitern hat ein Vorschlag zur Verbesserung der Work-Life-Balance gewonnen. „Wir haben uns zum ersten Mal mit dem Thema Karenz auseinandergesetzt und schnell erkannt, dass wir in einem Dilemma stecken. Denn, die Brau Union ist eine traditionelle Männerkultur, es gibt nur 18 Prozent Frauen unter den Mitarbeitern dafür jedoch viele Alleinverdiener. 17 Prozent der Frauen scheiden derzeit nach einer Karenz aus dem Unternehmen aus.“ so Walter-Leisch. „Wir arbeiten derzeit an der Entwicklung eines standardisierten Karenzmanagements, das Hauptthema, das sehen wir schon jetzt, wird dabei die Flexibilisierung der Arbeitszeit sein.“

Kontaktpflege auch während der Karenz wichtig

„Die Mitarbeiter sind das wichtigste Kapital unseres Forschungsunternehmens, deshalb schauen wir darauf, dass es ihnen besonders gut geht“, erklärte Walter Haslinger, Area Manager von bioenergy2020+. Das Unternehmen mit Sitz in Graz hat derzeit eine Rückkehrquote nach der Karenz von 100 Prozent, auch haben alle Väter die Elternteilzeit in Anspruch genommen. „Für uns ist es sehr wichtig, auch während der Karenz Kontakt zu den Mitarbeitern zu halten. Auch gibt es geregelt Rückkehrgespräche, die Übergabe von Verantwortungen sowie die automatische Erstellung eines Arbeitszeugnisses.“ Auch mit Teilzeit sowie Home Office wurden sehr gute Erfahrungen gemacht. „Das hohe Maß an Flexibilisierung und Eigenverantwortung in unserem Unternehmen ist nur durch das große Vertrauen möglich“, schildert Haslinger, dass bei bioenergy2020+ Mitarbeiter, die von zu Hause aus arbeiten, eher vor zu viel Arbeit geschützt werden müssten. Zusammenfassendes Fazit auch von Haslinger: Flexible Arbeitsbedingungen sowie Chancengleichheit – und dies von den Führungskräften vorgelebt – sind das Um und Auf.

Erfolg von Vereinbarkeit lässt sich messen

Dass der Erfolg von gelebter Vereinbarkeit auch in betriebswirtschaftlichen Zahlen gemessen werden kann, zeigte Martina Pecher, GF von Pecher Consulting. Eine Umfrage unter 105 Unternehmen, die bereits familienfreundliche Maßnahmen umgesetzt haben, identifiziert die drei wichtigsten Motive für die Maßnahmen: 1. Motivation der Mitarbeiter, 2. Mitarbeiterbindung und 3. ein hoher Frauenanteil. Als wichtigste umgesetzte Maßnahmen nannten die befragten Firmen flexible Arbeitszeitmodelle, Eingliederungsmaßnahmen während bzw. nach der Karenz sowie Kinderbetreuung für Notfälle sowie besonders kleine Kinder. Die Erfolge sprechen für sich: In den Unternehmen gibt es deutlich weniger Krankenstandstage, geringere Fluktuation, eine hohe Rückkehrrate nach der Karenz sowie ein überdurchschnittlich positives Image als familienfreundliches Unternehmen. Für Unternehmen, so Pecher, zahlt sich Familienfreundlichkeit demnach mehrfach aus.

KTM: Mit Vollgas zur Krabbelstube

Ein Best-Practice-Beispiel, welches erst im Februar 2012 in Betrieb ging, hatte Viktor Sigl, Vorstand der KTM-Motorcycle AG, im Gepäck: die betriebseigene Krabbelstube. Der Zugang zu dem Thema „Wir nehmen einen Raum, packen Spielsachen rein und los geht es“ sei naiv gewesen, umso erfreulicher, dass die Kinderbetreuung in Mattighofen sechs Monate nach Projektstart nun gegeben ist. Die Motivation für KTM war klar: Zum einen gibt es auch im Schichtbetrieb einen hohen Frauenanteil, zum anderen ist Mattighofen als Dienstort weniger attraktiv als die Ballungszentren – das Halten der Mitarbeiter daher umso wichtiger. „Für uns war die Errichtung der Krabbelstube, gerade was die rechtlichen und baulichen Vorschriften betrifft, nicht selten ein Spießrutenlauf. Zum Glück wurde mit K3 nun eine zentrale Anlaufstelle für Unternehmen geschaffen“, bedankte sich Sigl bei den Projektverantwortlichen sowie dem Land OÖ. Die Auslastung ist voll gegeben, derzeit werde überlegt, eine zweite Gruppe für weitere zehn Kinder zu öffnen.

V. l.: Haslinger, K3-Projektmanagerin Romana Steinmetz, Pecher, Walter-Leisch, Hummer, Sigl, Blätterbinder und Andreas Geiblinger vom Netzwerk HR



Bildnachweis: Colourbox.com, Land OÖ/Lindschinger

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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