Jugend 2.0 – Zwischen Wirtschaftskrise und der richtigen Berufswahl

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt am Montag, 17. Dezember 2012 um 11:31

„Das größte Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man nicht mehr dazu gehört.“ So meinte zumindest Salvador Dali. Doch will man wirklich ein Teil von der heutigen Jugend sein? Kann diese Generation mit Zuversicht in die Zukunft blicken? Was wollen heutige Teenager einmal arbeiten und welchen Stellenwert hat Arbeit überhaupt, für eine Generation, die in einer von Wirtschaftskrisen geprägten Zeit aufwächst? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es von Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. Er meint übrigens auch, dass die Jugend sich viel zu bald Gedanken über den späteren Beruf macht. Überrascht?

Bernhard Heinzlmaier

Selbstverwirklichung ist nur ein Teil des Puzzles

Wie will die Jugend von heute arbeiten und warum?

Bernhard Heinzlmaier: Wir können auf diese Frage keine eindeutige Antwort geben, die für die gesamte Jugend gültig ist. Grob gesprochen kann man aber sagen, dass das Verhältnis zur Arbeit stark von der Ausstattung mit kulturellem Kapital, d.h. Bildungskapital und der sozialen Herkunft abhängt. Wer über viel kulturelles Kapital, also über einen hohen Bildungsstandard verfügt, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er in der Arbeit auch Selbstverwirklichung sucht. In bildungsfernen Gruppen steht die materielle Vergütung der Arbeit im Mittelpunkt des Interesses. Im Unterschied zu den bildungsnahen Schichten, die ihre Identität über die Arbeit bilden, bilden bildungsferne Gruppen eher Freizeitidentitäten aus, d.h. Statusgewinne erwirbt man hier nicht über die Stellung in der Berufshierarchie sondern über die Aktivitäten in der Freizeit.

„Generation Y ist ein Konstrukt“

Was sagen Sie zur Aussagen über eine  „Generation Y“, die Spaß und Freizeit will und ganz andere Anforderungen an die Arbeit habe, wie die Generationen davor?

Bernhard Heinzlmaier: Die Generation Y ist ein unwissenschaftliches Konstrukt der Marketingindustrie, ein Artefakt, eine kunstvolle aber wirklichkeitsferne Konstruktion, mehr eine ideologische Offenbarung als ein realitätsbezogener Idealtypus. Besonders verwerflich an der Ideologie der Generation Y ist der Versuch, einen erwünschten, marktangepassten Typus als etwas Allgemeines darzustellen. Wenn es die Generation Y gibt, dann ist sie bestenfalls eine Teilzielgruppe der jugendlichen Gesamtpopulation. In ihrem Verhältnis zur Arbeit können wir zumindest zehn verschiedene Lifestylegruppen unterscheiden. Postmoderne Jugendliche sind, was die Arbeit betrifft, egozentrische Karrieristen, die sich in ihrer Freizeit gerne mit Statussymbolen zeigen, die traditionellen Mittelschichten sind verlässliche MitarbeiterInnen, stellen aber nur einen Teil ihres Lebens der Arbeit zur Verfügung, der Rest gehört der Familie, hedonistische Unterschichten arbeiten des Geldes wegen und leben in der Freizeit. Ihnen geht es nur ums Geld, nicht um die Arbeit. Und die Postmaterialisten wollen auch in der Arbeit etwas Sinnvolles tun und die Gesellschaft besser machen. Wer sich heute, in der Zeit der Milieuforschung, noch immer traut, mit einem einheitlichen Generationstypus durch die Welt zu rennen, dem fehlt es mindestens an sozialwissenschaftlicher Orientierung. Mein Kommentar dazu: Die Generation Y gibt es nicht. Sie hat weder einen heuristischen noch einen Praxiswert. Sie hat ihren Ort irgendwo zwischen Fantasie und Ideologie.

Der Weg zur Rücksichtslosigkeit

Wie wird sich die Arbeitswelt Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren entwickeln?

Bernhard Heinzlmaier: Leider in die falsche Richtung. Es werden sich neoliberale Verhältnisse ausbreiten, d.h. die Theorie wird sich weiter verallgemeinern, dass Wettbewerb und Konkurrenz die wichtigsten Voraussetzungen für wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt sind. Kooperative Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens werden weiter ins Hintertreffen geraten. Die Verallgemeinerung des Wettbewerbs wird weite Teile der Gemeinschaften und der Gesellschaft zersetzen. Am Ende wird eine Welt stehen, in der der Mensch des Menschen Wolf (Hobbes) sein wird, rücksichtslos und ohne Selbstbeschränkung.

Werden die Jugendlichen heute schneller erwachsen?

Bernhard Heinzlmaier: Vor allem den Kindern wird die Kindheit geraubt, den Jugendlichen dann auch die Jugend. Von frühester Kindheit werden den Kindern die Realitäten der Erwachsenenwelt über die Medien zugänglich gemacht. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Die tägliche Dosis Mord und Totschlag ersetzt das Christkind und den Osterhasen. Schon in den Kindergärten werden die Kinder auf Leistung getrimmt. Auch hier tritt die Vermittlung von nützlichem Wissen an die Stelle von Bildung. Die Kinder werden nach dem Idealbild des Konsum- und Leistungsbürgers dressiert. Der Ausweg aus der Bildungssackgasse steht nur humanistisch gebildeten Eltern mit Geld offen, die ihre Kinder aus dem Regelschulsystem quasi herauskaufen, indem sie sie auf humane alternative Schulen schicken.

„Sie wollen einfach nur Geld verdienen und in Ruhe gelassen werden“

Hat das Aufwachsen in Zeiten der Wirtschaftskrise(n) Auswirkungen auf die Berufswahl?

Bernhard Heinzlmaier: Auf jeden Fall. Das Denken wird pragmatischer, auch in den bildungsnahen Schichten. Die bildungsfernen Schichten sind weniger denn je an den Arbeitsinhalten interessiert. Sie sind froh darüber, dass sie überhaupt irgend eine Arbeit bekommen. Sie wollen einfach nur Geld verdienen, um vom Staat und seiner autoritären Arbeitsmarkt- und Armutspolitik in Ruhe gelassen zu werden. Denn das Schlimmste für jene, die noch nicht den letzten Rest an Selbstachtung verloren haben, ist es, sich vor einem Mitarbeiter des AMS oder anderer Sozialhilfeeinrichtungen für sein Leben verantworten zu müssen.

Wie gehen wir mit den Talenten der Kinder um? Zu viel gefördert, zu viel unter Druck gesetzt?

Bernhard Heinzlmaier: Die Talente der Kinder interessieren uns nicht. Uns interessieren Arbeitskräfte mit einer wachstumskompatiblen Ausbildung. Es ist uns wurscht, ob jemand sich für Literatur, Musik, Malerei, Philosophie, Geschichte etc. interessiert. Wir drängen alle diese Leute in technische und wirtschaftliche Berufe. Wir haben einen inhumanen Arbeitsmarkt entstehen lassen, in dem nur mehr instrumentelles Wissen produktiv ist. Soziale und kulturelle Produktivität ist uninteressant geworden. Aus diesem Grund brauchen wir auch keine Literaturwissenschafter, Künstler, Philosophen mehr. Was wir brauchen, und diese produzieren wir auch fleißig, sind Fachmenschen ohne Geist und Genußmenschen ohne Herz (Max Weber), also den PISA-Typus, und den produzieren wir fleißig.

„Viel wichtiger ist, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie man ein besserer Mensch werden kann“

Bemerken Sie eine zunehmende Orientierungslosigkeit, was die Berufswahl bzw. den Berufswunsch betrifft?

Bernhard Heinzlmaier: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Sie denken viel zu früh und zu viel über einen Beruf und zu wenig über ihre Berufung nach. Ich würde den Rat geben, so spät wie möglich über den Beruf nachzudenken. In der Volksschule sollte das Reden über Beruf und Berufswahl absolutes Tabu sein. Es genügt, wenn man so mit 13 Jahren ganz sachte damit anfängt. Für die, die in die Oberstufen weitergehender Schulen gehen, genügt es überhaupt, erst so mit 16 oder 17 Jahren anzufangen über einen Beruf nachzudenken, StudentInnen sollten nicht vor dem 23. Lebensjahr damit beginnen. Viel wichtiger ist es, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie man ein besserer Mensch werden kann. Dafür ist die Kindheit und die Jugend da. Mit dem Beruf werden die jungen Leute in ihrem späteren Leben noch genug Zeit vergeuden.

Bildnachweis: pollography / Quelle photocase

 

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.