Kein Job im Alter? Eine Betroffene erzählt

von in Arbeitsleben am Donnerstag, 3. Juli 2014 um 10:53

Jobsuche im Alter – ein Horrorszenario? Für viele Arbeitnehmer leider ja. „Zu teuer“ heißt es schnell. Aber auch andere Vorurteile torpedieren die Chancen der Älteren – zu denen auch die Babyboomer „bald“ gehören werden. Von ihrer mittlerweile einjährigen, erfolglosen Jobsuche berichtet eine 55-jährige Arbeitnehmerin im Interview. „Überqualifiziert“ und „Zu wenig flexibel“ hat sie schon oft gehört und überlegt mittlerweile sogar, ihr Studium im Lebenslauf unerwähnt zu lassen.

„Nur freundliche Absagen“

Wie ist Ihre momentane Situation, wie ihr beruflicher Werdegang?

Frau B:  Ich bin seit einem Jahr auf Jobsuche, arbeite momentan Teilzeit im Betrieb meines Schwiegersohnes und möchte mich gerne beruflich verändern. Meine Berufserfahrungen: kaufmännische Ausbildung, Büro, Sachbearbeiterin, Veranstaltungsorganisation, Projektarbeit, Ausbildung zur Kunst- und Maltherapeutin, Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Kommunikationstrainerin in der Erwachsenenbildung, Projektkoordinatorin an einer Universität (befristet).

Bei wievielen Unternehmen in etwa haben Sie sich beworben?

Frau B: Ich habe 24 Bewerbungen abgeschickt, davon an manche Institutionen mehr als eine.

Erhalten Sie Reaktionen auf Ihre Bewerbung und wenn ja, welche?

Absage BewerbungFrau B: Ja, bis jetzt gab es immer eine schriftliche Reaktion, allesamt freundliche Absagen. Dreimal wurde ich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Die Ergebnisse: Einmal sagte man mir, die Stelle würde nun doch intern besetzt werden, einmal wurde ich zu Vorgesprächen ohne die Chefin eingeladen, dann die Absage: „Unsere Chefin hatte schon eine Favoritin“ und beim dritten Mal hatte eine andere Bewerberin „mehr Erfahrung im operativen Bereich“.

Was sagen Sie dazu, dass bei älteren Arbeitnehmern meist das Argument „zu teuer“ fällt bzw. im Raum steht?

„… befürchte ich, dass das Entgelt nicht Ihren Erwartungen entsprechen wird …“

Bewerber zu teuerFrau B: Dieses Argument habe ich nie in dieser Form gehört, mir wurde jedoch immer wieder gesagt, ich wäre für den Job „überqualifiziert“. Ich zitiere aus der letzten Absage:

„(…) befürchte ich, aufgrund Ihrer Überqualifikation, dass das Entgelt für diese Tätigkeit nicht Ihren Erwartungen entsprechen wird (…). Andererseits bedarf der Job auch einer gewisse Flexibilität, was eventuell mit Ihrer bestehenden Anstellung nicht konform geht.“

Meine Antwort war:

„(…) Zur Bezahlung: Die (…) Euro pro Stunde wären für mich in Ordnung. Kann ich überhaupt überqualifiziert sein, wenn ich eine Tätigkeit gerne machen würde? Darf ich Sie ganz offen fragen, ob es vielleicht noch einen anderen Grund gibt, der mich ausscheiden lässt? Der Anlass, dass ich überhaupt nachfrage, ist ein Interview das ich einer Journalistin als ältere Arbeitssuchende geben soll. Ich soll dabei beantworten, was meiner Meinung nach die Gründe dafür wären, dass ältere Frauen bei der Jobsuche so wenig erfolgreich sind. Meine bisherige Erfahrung ist, dass ich die wahren Gründe so gut wie nie erfahre. Deshalb packe ich diese Gelegenheit beim Schopf und versuche es einmal ganz direkt danach zu fragen.“

Darauf hin wurde ich zu einem Gespräch eingeladen.

„Habe schon überlegt, mein Studium zu verschweigen“

„Zu teuer“: Denken Sie, dass dies der Hauptgrund ist, weshalb Ältere es bei der Jobsuche schwerer haben?

Luecke im LebenslaufFrau B: Ich denke, es gibt nicht nur einen Hauptgrund, sondern viele Faktoren. Wäre ich zum Beispiel Chemikerin oder Technikerin, hätte ich wahrscheinlich trotz meiner 55 Lebensjahre längst einen Job. Ich bin schon einmal gefragt worden warum ich ausgerechnet Soziologie studiert habe. Ich vermute, dass es zu wenige Jobs in den Bereichen gibt, in denen die meisten Frauen arbeiten möchten. Es gibt Studien, die zeigen, dass nicht ausschließlich die höhere Bildung bessere Jobaussichten garantiert, weitere maßgebliche Faktoren sind: Zugang zu einflussreichen  Menschen und eine überzeugende Selbstdarstellung. Ältere Frauen aus den nicht-bürgerlichen Schichten, die jahrelang Familienarbeit verrichtet haben, verfügen meist über beides nicht. In meinem Fall ist mir meine gute Ausbildung eher hinderlich. An der Uni gibt es wenige Jobs in der Sozialforschung und in meinem angestammten Büroberuf kann ich nicht zurück, weil ich „überqualifiziert“, also zu teuer bin. Ich habe schon ernsthaft überlegt, mein Studium  zu verschweigen, aber was tun mit der Lücke im Lebenslauf?

Was denken Sie: Wären anonymisierte Bewerbungen (ohne Geschlecht und Alter), wie etwa im US-Raum, eine Lösung?

Anonyme BewerbungFrau B: Das weiß ich nicht. Einerseits finde ich es ganz wichtig, dass es Rechtsnormen gibt, die Diskriminierung angehen, andererseits trägt meiner Meinung nach auch unser derzeitiges Wirtschaftssystem die Verantwortung für gesellschaftliche Entwicklungen wie Entdemokratisierung und die Zerstörung des sozialen Zusammenhalts.

„Werde nicht aufgeben und weitersuchen“

Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile älterer Arbeitnehmer, die von Unternehmen oft nicht gesehen werden?

Frau B: Abgeschlossener Kinderwunsch sowie die so oft in den Jobangeboten gewünschte „soziale Kompetenz“. Ältere Arbeitnehmer können den Blickwinkel der älteren Generation einnehmen und auch diesen Kundenstandpunkt mitdenken.

Haben Sie Tipps für Gleichgesinnte, wo Sie sich zum Beispiel Hilfe geholt haben? Gibt es Stellen, die Ihnen persönlich weitergeholfen haben?

Frau B: Es gibt Karriereberatungsstellen an den Unis, die gut und umfassend beraten, es gibt Seminare und Workshops zu allen möglichen Themen. Ich habe das in Anspruch genommen und habe vor allem Uniport in Wien sehr hilfreich erlebt, trotzdem ist es mir bisher nicht gelungen, eine Stelle zu finden. Soviel ist sicher, ich werde mein Bestes tun, nicht aufgeben und weiter suchen.

Dass unsere Interviewpartnerin namentlich nicht genannt werden möchte, verstehen und respektieren wir. Daher heißt die  55-Jährige einfach „Frau B.“. Achja, was nicht fehlen darf: „Name der Redaktion bekannt“.

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Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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