Stichwort „Innere Kündigung“: Top-Herausforderung für Personaler

von in Arbeitsleben, HR am Dienstag, 8. Mai 2012 um 09:11

Fast jeder zweite Arbeitnehmer denkt über einen Jobwechsel nach – die Hauptgründe für die Wechsellust sind fehlende Karriereaussichten und unzureichende Bezahlung. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage des Personalberaters ManpowerGroup aus Deutschland. Paul Jiménez vom Berufsverband Österreichischer Psychologen stößt mit ersten Ergebnissen seiner aktuellen Untersuchung ins selbe Horn. Er erklärt, worauf es wirklich ankommt, wie man innere Kündigungen vermeiden und Motivation schaffen kann und weshalb Demotivation sich sogar in gestohlener Arbeitszeit äußern kann.

Knackpunkte: Herausforderung und Wertschätzung

Fast 69 Prozent der von Jiménez und seinem Team in einer eigenen Onlinestudie befragten Arbeitnehmer haben bereits mit dem Gedanken gespielt, sich um eine andere Arbeitsstelle umzusehen. „Die Zahl ist enorm“, so der Arbeitspsychologe. Dass so viele Arbeitnehmer den Wunsch zur Veränderung spüren, hängt laut Jiménez jedoch weniger vom Gehalt, als von der persönlichen Herausforderung sowie den Karrierechancen ab. „Am wichtigsten ist den Menschen, eine Herausforderung bei der Arbeit zu spüren sowie die Tatsache, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird. Ist dies nicht der Fall, kommt es sehr rasch zur inneren Kündigung.“ Auch Vera Calasan, Vorsitzende der Geschäftsführung der ManpowerGroup warnt im Hinblick auf den Fachkräftemangel und sinkende Mitarbeiterbindung davor, den Faktor Motivation zu vernachlässigen. „Unternehmen, die Mitarbeitern nicht klar und aktiv Karriereaspekte aufzeigen, gehen ein großes Risiko ein.“

Nur fünf Prozent der Arbeitnehmer schließen einen Jobwechsel aus

Die von Jiménez und der ManpowerGroup beobachtete Wechselbereitschaft belegen auch die von karriere.at im vergangenen Dezember in einer Onlineumfrage erhobenen Daten. Auf die Frage „Kommt für Sie 2012 ein Jobwechsel in Frage?“ antworteten nur fünf Prozent der Befragten mit: „Keinesfalls. Ich bin glücklich in meinem Job.“ Drei Prozent meinten immerhin „Eher nicht. Ich habe gerade gewechselt.“ Für 42 Prozent der Teilnehmer ist eine berufliche Veränderung vorstellbar, fast die Hälfte der Umfrage-Teilnehmer gab an, sicher wechseln zu wollen, da sie in ihrem aktuellen Job nichts mehr halte.

Unternehmen vorsichtig, aber weiter auf Personalsuche

Der Wechselwillen der Arbeitnehmer läuft, das zeigen die Zahlen, nicht ins Leere. Denn obwohl die Konjunktur- und Arbeitsmarktprognosen für das heurige Jahr tendenziell negativ ausfielen, sieht die Mehrheit der Unternehmer und HR-Manager einen gleichbleibenden Personalbedarf. Dies beweisen die Zahlen einer weiteren Online-Umfrage von karriere.at. Zwei von drei Befragten (65 Prozent) wollen demnach heuer genauso viele Stellen wie im vorigen Jahr besetzen, zehn Prozent planen für 2012 sogar einen Ausbau der Belegschaft. Lediglich Nachbesetzungen wollen nur zehn Prozent der Unternehmen vornehmen. Lediglich jeder sechste befragte Unternehmensvertreter gab an, heuer definitv keine Arbeitnehmer rekrutieren zu wollen.

Stimmung der Angestellten ist der Firma oft nicht bewusst

Paul Jiménez, Arbeitspsychologe

Paul Jiménez, Arbeitspsychologe

Zurück zur Studie: Darin hat Forscher Jiménez auch erhoben, wieviele Mitarbeiter man als innerlich gekündigt bzw. hochmotiviert ansehen kann. Das Ergebnis überrascht wohl nicht nur die Forscher. „Wir haben sowohl Firmen dabei, in denen es bis zu 70 Prozent hochengagierte Leute gibt , als auch welche, in denen mehr als die Hälfte (62 Prozent) der Arbeitnehmer bereits innerlich gekündigt hat. Das Problem ist, dass es den Unternehmen oft nicht bewusst ist, wie es um die Motiavtion bzw. Demotivation ihrer Mitarbeiter steht.“ Unter jenen Mitarbeitern, die innerlich gekündigt haben, gibt es zwei Gruppen, die Jiménez große Sorgen machen: Und zwar jene, die keine Lust haben zu gehen und jene, die nicht gehen können. „Wenn man das Gefühl hat, dass die eigene Arbeit nicht gut ist, senkt das den eigenen Selbstwert und man traut sich einen Wechsel nicht zu“, erklärt er. Destruktives Verhalten wie etwa das „Stehlen“ von Arbeitszeit für private Zwecke oder das Stehlen von Arbeitsmaterialien unter dem Motto „das steht mir zu“ sind mögliche Folgen, die auf ein mögliches Burnout hinweisen können.

Alte Werte zum Schutz vor Demotivation

Doch was schützt vor Demotivation, vor innerer Kündigung? Die Antwort, so Jiménez, findet man in alten Werten: Wertschätzung, Respekt, Anerkennung und Fairness sind jene vier Faktoren, die vor der unsichtbaren Gefahr schützen. „Nur wenn Mitarbeiter erleben, dass sie mit ihrer Arbeit etwas bewirken, dass ihre Arbeit etwas wert ist und sie nicht machtlos sind, können sie auf Dauer für ihre Tätigkeit motiviert werden.“

Gute Personalentwicklung als Prävention

Werden die oben genannten Werte in einem Unternehmen gelebt, sollte die Motivation bzw. deren möglicher Mangel kein Problem darstellen. „Man kann mit der Personalentwicklung sehr viel dazu beitragen, dass die Menschen aktiv sind, weder an Burnout noch an Unterforderung leiden und folglich mit ihrer Arbeitsstelle zufrieden sind.“ Denn wie die laufende Studie zeigt, ist neben den genannten Faktoren die Herausforderung am Arbeitsplatz, Karrieremöglichkeiten oder auch die Beziehung zu den oder dem direkten Vorgesetzten sowie die Organisation und Führung maßgeblich für die Arbeitszufriedenheit eines einzelnen.

„Hoher Akademikeranteil unter Wechselwilligen“

Sinkt hingegen die Arbeitszufriedenheit steigt als logische Konsequenz der Wunsch nach Veränderung. Neben jener Gruppe, die nicht wechseln kann oder will, gibt es auch jene (größere) Gruppe, die nur auf die nächste Chance wartet, den Arbeitsplatz zu wechseln. „Diese Gruppe informiert sich auch, hat die Jobs im Blick und ist aktiv.“ Und die Wechselbereitschaft ist, wie erwähnt, extrem hoch. Knapp 69 Prozent der befragten Akademiker haben schon mit dem Gedanken eines Jobwechsels gespielt, fast 40 Prozent bereits nach einer neuen Arbeit umgesehen. „Unter den Wechselwilligen ist der Akademikeranteil besonders hoch“, so Jiménez.

Stimmung positiver als erwartet

Was den Psychologen bei der Auswertung der Daten besonders überrascht hat, ist die Einstellung der Arbeitnehmer. „Trotz der Krise haben die Befragten eine äußerst positive Einschätzung der Wirtschaftslage – und zwar der allgemeinen, sowie der persönlichen.“ Diesen Optimismus führt der Psychologe auch darauf zurück, dass es heute viele Möglichkeiten und Jobs gibt und der Zugang zur Veränderung durch Jobbörsen einfacher geworden ist.

Aktive Arbeitnehmer: Fremdwort Stillstand

Den Optimismus und die Handlungsbereitschaft der Arbeitnehmer hat auch eine aktuelle IMAS-Studie, die im Auftrag von Seher und Partner durchgeführt wurde, bestätigt. Mehr als die Hälfte der Berufsumsteiger entscheidet sich demnach von sich aus für einen Jobwechsel, nur jeder Siebte wurde gekündigt oder wegen Konkurses entlassen, so das Ergebnis der Befragung. Die Häufigkeit des Jobwechsels sei jedoch auch eine Frage des Alters und der Bildung: Je jünger und höher gebildet, desto größer die Lust am Wechsel.

Fotonachweis: Colourbox, Jiménez

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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