Hygiene-Horror Arbeitsplatz? „Es findet sich, was der Mensch mit sich trägt“

von in Arbeitsleben am Montag, 14. April 2014 um 10:41

Keime, Bakterien, Viren. Spätestens seit es die Möglichkeit der millionenfachen Vergrößerung gibt, bleiben dabei die wenigsten Menschen völlig cool. Vor allem Tastatur, Maus & Co. werden gerne als krank machende Bakterienschleuder beschuldigt. Doch was ist wirklich dran, an Titeln wie: „Hygiene-Horror Arbeitsplatz“? Thomas Hofmann, Dozent für Chemie, Hygiene und Sicherheit, klärt auf. Aber Vorsicht: Wer sich gerne ekelt, könnte enttäuscht werden.

„Weder da noch dort ein Problem“

Wie steht es allgemein um das Thema Hygiene am Arbeitsplatz? Wird es vernachlässigt – zu Recht, zu unrecht?

thomas hofmann

Thomas Hofmann

Thomas Hofmann: Der heutige Arbeitsplatz der Dienstleistungsgesellschaft birgt von mikrobiologischer Seite heute kaum große Risiken. Natürlich ist man auf dem Arbeitsweg, dem Lift und beim Essen verschiedensten Keimen ausgesetzt: Diese finden sich aber überall in unserer Umwelt. Häufig wird über zu trockene Luft geklagt, ein Mangel an Einfluss beim Raumklima des Großraumbüros wird beanstandet.

Welche Bakterien oder Keime sind es, die auf Tastatur, Maus & Co. zu finden sind?

Thomas Hofmann: Auf den Arbeitsutensilien findet sich, was der Mensch mit sich trägt: Bakterien und Pilze welche z. B. mangels Händewaschen auch aus der Toilette nun auf der Tastatur hausen. Weder da noch dort führen sie aber beim gesunden Menschen zu einem Problem.

„Bakterien leben dort, wo sie sich wohlfühlen“

Sind diese für uns gefährlich bzw. brauchen wir sie nicht auch?

Tastatur Bakterien HygieneThomas Hofmann: Wir haben selbst Milliarden von Bakterien in uns: Am richtigen Ort sind sie lebenswichtig. Werden sie aber von kranken Menschen, etwa über Wasserspender oder die Klimaanlage aufgenommen, können sie sich vermehren und die Gesundheit beeinträchtigen.

An welchen Plätzen ist besondere Vorsicht geboten bzw. wo tummeln sich die meisten Bakterien?

Thomas Hofmann: Bakterien leben dort, wo sie sich wohlfühlen: Nahrung, Feuchtigkeit, Wärme sind wichtig. Dies findet sich am Menschen, auf der Tastatur aber auch auf den Türgriffen, der Krawatte (wie häufig waschen Sie Ihre Krawatte?), etc. Vorsicht ist dort geboten, wo falsch gearbeitet oder zu viel gespart wurde: im Wellnessbereich etwa oder im überheizten Büro mit der trockenen Luft.

„Tastaturen sind eine Oase der Artenvielfalt“

Ihrer Erfahrung nach: Was sind die ungewöhnlichsten bzw. von den Menschen am wenigsten erwarteten Stellen für Bakterien?

Thomas Hofmann: Wir emittieren tausende von Partikeln mit Bakterien pro Sekunde. Bevor wir uns küssen, haben sich unsere Bakterien schon besucht.

Wie kann sich der einzelne Arbeitnehmer schützen? Bringt es zum Beispiel etwas, seine Tastatur regelmäßig zu reinigen?

Thomas Hofmann: Tastaturen sind eine Oase der Artenvielfalt, welche wir durch unsere Lebens- und Arbeitsgewohnheiten am Leben erhalten. Wir essen und trinken am Bildschirm, dabei fällt auch für die Tastaturbewohner etwas an. Desinfektionen sind wie Fotos mit Blitz: Kunstgerecht ausgeführt, ist die Oberfläche für kurze Zeit sauber. Danach ist aber der Ursprungszustand wieder erreicht. Auch hier ist das alte Händewaschen vor- und nachher unschlagbar.

Was wirklich gesund macht und hält

Was kann der Arbeitgeber tun, um für eine Mitarbeiter eine gesunde Arbeitsumgebung zu schaffen?

Gluecklich im JobThomas Hofmann: Vielfach sind Beanstandungen am Raumklima und Lärm Indikatoren für Probleme von Mitarbeitern untereinander oder von Führungsmängeln. Dennoch ist ein optimaler Arbeitsplatz mit einer gesunden Umgebung nahe bei einem Fenster mit Tageslicht, weit weg vom Kopierer und der Kaffeemaschine (das gibt Bewegung) und beinhaltet spannende Arbeitspakete, welche in hoher Autonomie abgearbeitet werden können. Eine ehrliche und offene Kommunikation sowie eine nicht zu homöopathische Verteilung von Wertschätzung bringt die Krankheitstage auf ein tiefes Sockelniveau.

Wo orten Sie aktuell die größten Versäumnisse?

Thomas Hofmann: Arbeitsplätze sind zum Arbeiten da: Die zelebrierte Büro-Ausstattung von IT-Unternehmungen täuscht darüber hinweg, dass nur der alle 50 Meter im Gebäude eine Verpflegungsmöglichkeit braucht, welcher ansonsten die Freiheit verloren hat, nach Draussen ins Café zu gehen und sich dort zu erholen. Wir sind gerade dabei zu lernen, wie wir in Zukunft mit unserer permanenten Erreichbarkeit und Leistungsbereitschaft umgehen sollen. Der Mensch ist aber sicherlich nicht in der Lage, über ein ganzes Berufsleben „unter Strom“ zu sein. Das Erlernen der Pause wird vielleicht bald ein Managerthema werden …

Übertriebene Hygiene ist nur gut für das Geschäft

Macht übertriebene Hygiene (z. B. Desinfektionssalbe auf der Toilette) krank?

Hygiene Haende WaschenThomas Hofmann: Gesundheit beginnt mit der Händehygiene und endet zwischen den Ohren: Übertriebene Hygiene erhöht nur Umsatzzahlen von fragwürdigen Produkten mit kreativer Auslobung. Es ist auch die Relation zu wahren. Solange nach der Toilette ein großer Teil der Besucher seine Hände nicht wäscht, muss man nicht von Desinfektion reden. Die Wäsche mit Seife und Wasser ist übrigens fast gleich effizient wie eine gute Händedesinfektion. Dennoch ist festzuhalten, dass gepflegte Haut, z. B. mit Lotions, immer im Vorteil gegenüber einer rissigen, durch Desinfektionsmittel ausgetrockneten Haut ist.

Zur Person: Thomas Hofmann

Thomas Hofmann ist Dozent für Chemie und Hygiene, Arbeit und Gesundheit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er lehrt und forscht am Institut Facility Management in Wädenswil. Hofmann ist Chemiker, Wirtschaftsingenieur und Arbeitshygieniker und beschäftigt sich mit folgenden Fragen: Arbeit und Gesundheit im Nichtindustriellen Umfeld, Wasch- und Reinigungstechnologie, Hygienemanagement, Dekontamination nach Nuklearen Ereignissen und „Emergency Preparedness & Business Continuity Management“ von FM-Organisationen. Hofmann ist verheiratet mit einer freiberuflich tätigen Hebamme und hat vier Kinder.

Bildnachweis: nobeastsofierce /Quelle Shutterstock, ollyy /Quelle Shutterstock, Shots Studio /Quelle Shutterstock, ZHAW

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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