Hilfe Präsentation! – Last Minute Notfallplan für Redner

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 17. Oktober 2012 um 10:27

„Ich kann nicht vor anderen sprechen. Mach Du bitte die Präsentation.“ Ganz ehrlich – haben Sie diesen oder einen ähnlichen Satz schon einmal zu einem Kollegen gesagt – oder zumindest gedacht? Falls ja, sind Sie damit nicht allein. Denn die Angst, vor Menschen zu sprechen, teilen Sie mit vielen Menschen. Im Ängste-Ranking liegt die so genannte Logophobie auf Platz drei hinter Spinnen und Schlangen. Doch gerade im beruflichen Kontext ist das Nicht-Reden ein großer Stolperstein. Die gute Nachricht zum Thema kommt von Daniela Zeller, Kommunikationsexpertin, Moderatorin und Autorin. Sie lautet: „Jeder kann reden“. Im Interview erklärt Zeller alltagstaugliche Sprechübungen und gibt zudem einen Notfallplan für nervöse Redner.

Der frühe Grundstein der Redeangst

Woher kommt die Angt, vor Menschen zu sprechen?

Daniela Zeller: Vor Menschen sprechen heißt, dass man sich zeigen muss. Und wenn man vor Menschen spricht und sich zeigt, kann es natürlich theoretisch passieren, dass Fragen gestellt werden, die man nicht beantworten kann. Dass man auf Reaktionen stößt, die man nicht erwartet hat und kurz, dass man auch auf Ablehnung stößt. Nicht ankommt. Und ich denke, dass das so eine große Grundangst ist. Nicht gemocht zu werden, nicht akzeptiert zu werden. Die Gefahr dafür ist natürlich größer, wenn man sich nach vorne stellt.

Wird dafür der Grundstein schon sehr früh, in der Kindheit, gelegt?

Daniela Zeller: Definitiv, ja. Es kommen oft Menschen zu mir, die mir Erlebnisse wie etwa einen Hänger im Schultheaterstück berichten. Oder einmal war eine Frau bei mir, die nicht in den Volksschulchor aufgenommen wurde, weil sie angeblich keine schöne Stimme hat. Und das ist geblieben, dieses: „Ich habe keine schöne Stimme und sollte meine Stimme nicht anderen Menschen zumuten.“

Ist ein Problem mit der Sprache auch ein beruflicher Stolperstein? Wenn man zum Beispiel immer jemand anderes in Präsentationen vorschickt?

„Es werden diejenigen befördert, die sichtbar sind“

Daniela Zeller: Es ist ein extremer Stolperstein. Es fallen diejenigen auf, die sich zeigen, die was sagen, die sichtbar sind. Und diejenigen, die zwar fleißig alles vorbereiten und tun und machen, aber dann nicht sichtbar sind, fallen nicht auf, werden nicht gehört, nicht wahrgenommen und nicht befördert.

Kann eine stilles Mäuschen auf einer Bühne wirklich wirken und überzeugt vor 200 Menschen sprechen?

Daniela Zeller: Ja. Ich hatte schon einige Male Fälle, wo Menschen, die wirklich still waren, guten Redner wurden. Die können das jetzt.  Es ist wirklich ein Skill, zu reden. Eine Fertigkeit, und nicht nur ein Geschenk. Klar gibt es Menschen, denen das leichter fällt als anderen. Aber so wie jeder gesunde Mensch im Grunde gehen und Joggen kann, kann auch jeder Mensch vor anderen reden. Man kann das lernen.

„Die meisten Stimmen sind nicht befreit“

Wie viel Training braucht es?

Daniela Zeller: Das ist ganz individuell. Manche meiner Kunden sind vier oder fünf Stunden da und verändern in dieser kurzen Zeit schon einiges. Wichtig ist zu wissen, wie die eigene Stimme funktioniert, wie man am besten wo stehen sollte, und wo man seine Hände hingeben kann. Wenn man dieses Basiswissen hat, fühlt man sich schon selbstsicherer.

Kann man sagen, viele Menschen nutzen ihre Stimme falsch?

Daniela Zeller: Die meisten Stimmen sind nicht befreit. Wir alle hätten ja im Grunde, wenn wir gesund sind, alles, das die Stimme für ihren Ausdruck braucht. Nur durch Verspannungen im Körper wird die Stimme eingeschränkt. Indem wir die Verspannungen lösen, befreien wir die Stimme. Das kann jeder Mensch lernen.

„Idealerweise sollte Sprechen nicht anstrengend sein“

Viele Menschen können ihre Stimme gar nicht hören. Weshalb?

Daniela Zeller: Dies kommt daher, weil man die Stimme über zwei Leitungen hört. Wenn man aktiv spricht, hört man die Stimme über die Knochenleitung. Und in dem Moment, indem man sich selbst zuhört, hört man die eigene Stimme auch über die Luftleitung. Das klingt für viele befremdlich. Meine Erfahrung ist aber, dass, je mehr Menschen an ihrer Stimme arbeiten, umso besser können sie diese auch wahrnehmen und hören. Man kann auch körperlich spüren, wie die Stimme klingt. Wo sich was im Körper tut, wo man Vibrationen spürt und ob einen das Sprechen anstrengt. Idealerweise strengt es nicht an, dies ist auch ein Zeichen dafür, dass die Stimme befreit ist.

So übt man Hochdeutsch

Was ist besser: Mundart oder Hochdeutsch?

Daniela Zeller: Perfekt ist, wenn man beides kann: Dialekt und Hochdeutsch. Dann kann man wechseln. Die Faustregel lautet: Je offizieller der Anlass ist, umso mehr sollte man Hochdeutsch sprechen. Aber wenn alle Mundart sprechen, ist es natürlich toll, wenn man selbst auch diesen Dialekt spricht. Und wenn man nicht Hochdeutsch sprechen kann, soll man es bitte lassen. Weil da kommen oft so Kunst-Hochdeutsch-Wörter raus, das wird dann eher peinlich. Übrigens Hochdeutsch sprechen üben kann man, indem man sich laut vorliest.

„Nur wer gedanklich in der Gegenwart ist, wird auch präsent wirken“

Was sind die häufigsten Fehler bei einer Präsentation?

Daniela Zeller: Häufige Fehlerquelle ist die Körperhaltung. Hände in der Hosentasche, Gewicht nicht gleichmäßig verlagert, leerer Blick. Viele tun so, als ob sie sehen würden, sehen aber nichts. Viele denken auch: „Augen zu und durch“. Gut ist es aber, wenn man komplett da ist, wenn man wach ist, die Präsentation von Moment zu Moment erlebt. Sich darauf einlässt. Mit allen Sinnen da ist. Daraus entsteht auch Präsenz. Und nur wer mit dem Blick und gedanklich in der Gegenwart ist, wird auch präsent wirken.

Ihr aktuelles Buch „Reden. Bewegen. Wirken“ beinhaltet Sprechübungen „für unterwegs und zwischendurch“. Wie kam es zu dieser Idee?

Daniela Zeller: Die Menschen, mit denen ich arbeite, haben nach der Stunde oft einen sehr tollen Effekt gespürt, das geht schnell. Sie haben mir jedoch auch oft gesagt, dass sie einfach nicht zum Üben kommen und keine Zeit haben, dran zu bleiben. Daher war ich auf der Suche nach einer Möglichkeit, wie man das Üben in den Alltag integrieren kann. Es braucht dazu keinen eigenen Raum und keine Stunde Zeit. Sprechübungen kann man quasi überall und jederzeit machen: Im Zug, im Auto, im Bett und sogar in der Badewanne.

 Illustrationen aus „Reden. Bewegen. Wirken.“

 

Sie beschreiben die vier großen Redetypen „dominant“, „lebendig“, „empathisch“ und „sachlich“. Welcher Redetyp sind Sie?

Daniela Zeller: Ich bin der lebendige Redetyp. Ich brauche viel Bewegung, habe eine melodische Sprache und gestalte gerne frei. Außerdem kann ich ganz gut spontan sein und habe das auch gerne.

Notfallplan vor der Präsentation

  1. Redeziel definieren: Zuallererst sollte man sich die Frage stellen: Wer ist mein Publikum und was ist mein Redeziel? Da ein Redner nur zu sieben Prozent über den Inhalt wirkt, ist es ganz wichtig, dass dieser Inhalt klar aufbereitet ist. Ein klarer Gedanke ist Voraussetzung für eine klare Sprache.
  2. Genug schlafen: Besser ausgeschlafen sein, und vielleicht nicht so ganz perfekt vorbereitet, als man sitzt bis tief in die Nacht und kommt völlig fertig zu seinem Vortrag.
  3. Auf das Timing achten: Rechtzeitig wegfahren und rechtzeitig an Ort und Stelle sein. Wenn man zu spät kommt, ist man meist atemlos und gehetzt – und sonst nichts.
  4. Entspannung: Bevor es losgeht, hilft eine kleine Entspannungsübung. Dazu die Bauchdecke locker lassen, die Schultern lockern, die Hand auf den Bauch legen und die Atmung in den Bauch fließen lassen.
  5. Sicher stehen: Dann wäre es ganz gut, wenn man weiß, wie man sich hinstellt. Die Füße hüftbreit und parallel, Bauchdecke und Knie locker, den Brustkorb offen, die Schultern locker, den Kopf gerade, lockere Hände, Blick nach vorne. Sicher stehen.
  6. Pausen machen: Beim Sprechen selber sollte man versuchen nicht daran zu denken, was man nicht machen sollte. Also statt: „Ich darf nicht zu schnell reden“ sollte man sich sagen: „Ich mache Pausen“. Denn das Nicht-Denken behindert uns und sollte vermieden werden. Übrigens: Die Pausen haben dann die richtige Länge, wenn man sich selbst denkt: „Die Pause war jetzt aber schon ganz schön lang“.
  7. Kleine Helfer: Stichwortkärtchen helfen immer weiter, wenn man einmal den Faden verliert.
  8. Menschen statt Masse sehen: Abschließend finde ich den Gedanken hilfreich, dass einzelne Menschen vor einem sitzen und keine Masse. Man sollte sich auch daran erinnern, dass man nicht auf dem Prüfstand steht, sondern anderen Menschen etwas erzählt – also in einer Kommunikationssituation mit ihnen steht.

Zur Person: Daniela Zeller

Daniela Zeller ist Kommunikationsexpertin, Speaker, Moderatorin, Autorin, international ausgebildete Stimm- und Sprechtrainerin und zertifizierter systemischer Coach. Bekannt geworden ist sie unter anderem durch den Ö3-Wecker, in dem sie von 2000 bis 2011 zu hören war. 2012 gründete sie FREIRAUM Kommunikation und trainiert Menschen aus Wirtschaft, Medien, Industrie, aus dem öffentlichen Dienst und Politik zu den Themen “Stimme”, “Sprechen”, “Präsentation” und “Rhetorik”. Ihr aktuelles Buch „Reden. Bewegen. Wirken. Rhetorik- und Stimmtraining für jeden Redetyp“ ist im September im Ecofit Verlag erschienen.

Bildnachweis: Freiraum Kommunikation

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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