Handicap, Unfall, Alter: Arbeit statt Langzeit-Krankenstand

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt, HR, Jobsuche am Dienstag, 26. Juni 2012 um 10:39

Betriebliches Eingliederungsmanagement, kurz BEM, ist in Deutschland seit April 2004 durch das Gesetz zur Förderung der Ausbildung und Beschäftigung behinderter Menschen verpflichtend. In Österreich gibt es zwar keine gesetzliche Regelung zum BEM, dafür aber großes Interesse, wie Walter Pohl vom Betriebsservice OÖ berichtet. Seit 2008 ist der ehemalige Leiter des Integrationsamtes Hessen auch in Österreich für den Betriebsservice tätig. Dieser berät Unternehmen speziell zu allen Fragen zum Thema „Arbeit und Behinderung“ und wird vom Bundessozialamt OÖ finanziert. Ziel ist es, dass die Bewerbungen von Menschen mit Handicap nicht gleich zur Seite gelegt werden bzw. dass auch Menschen, die nicht perfekt „funktionieren“, ihren Platz in der Arbeitswelt finden und behalten können.

Der Weg aus dem Defizitdenken

Walter Pohl

„Wenn ein Unternehmen Leistungsträger behalten will, muss es etwas tun. Was Menschen mit Handicap aber auch ältere Menschen im Arbeitsleben betrifft, herrscht in der Gesellschaft leider noch ein Defizitdenken“, findet Pohl klare Worte. „Jeder fragt, was kann man nicht oder nicht mehr, dabei sollte man eher fragen, was kann er?“ Ziel des BEM ist es, Arbeitsunfähigkeit möglichst zu überwinden, erneuter Arbeitsunfähigkeit vorzubeugen und den Arbeitsplatz der betroffenen Person zu erhalten. Es ist die Aufgabe des Arbeitsgebers, das BEM einzuführen und auf die Durchführung der Maßnahmen zu achten.

Auffangnetz nach längerer Arbeitsunfähigkeit

Das Prinzip des BEM ist schnell erklärt: Fällt ein Arbeitnehmer eine gewisse Zeit aus – laut deutschem Gesetz innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen – beginnt ein strukturiertes System zu greifen, welches, sobald der Mitarbeiter zurück ist, darauf schaut, wie der Person geholfen werden kann. Es ist dabei egal, weshalb ein Arbeitnehmer ausfällt – ob durch eine Erkrankung, ein psychisches Problem, eine Behinderung oder ein geriatrisches Leiden. „Meist ist es der HR-Manager, der das Gespräch mit dem betroffenen Mitarbeiter sucht. Darin soll geklärt werden, was los ist, wie dem Mitarbeiter geholfen werden kann bzw. ob es einen Weg gibt, ihm die Arbeit wieder möglich zu machen“, so Pohl.

Die Rückkehr nach einer Krankheit wird nicht dem Zufall überlassen

Das Betriebsservice sieht auch Chancen für den Erfolg von Eingliederungsmanagement in Österreich, freilich werden dabei Anleihen aus Deutschland, wo das System bereits erfolgreich umgesetzt wurde, genommen. „Größere Firmen wie Fraport oder Opel haben ein BEM bereits integriert und äußerst gute Erfahrungen damit gemacht“, wünscht sich Pohl, dass sich ein solches flächendeckend durchsetzt. Wie die Erfahrung zeigt, ist es besonders bei größeren Firmen erforderlich, einen strukturierten Weg anzubieten, um Arbeitsunfähigkeit zu vermeiden. „Das System funktioniert, moderne Personalpolitik wäre jedoch, nicht die gesetzlich vorgeschriebene Frist abzuwarten, sondern schon frühzeitig das Gespräch mit den betroffenen Mitarbeitern zu suchen“, so der Experte. Ein Ziel des Eingliederungsmanagements ist es, die Rückkehr nach einer Krankheit nicht dem Zufall zu überlassen. Und betroffen, so Pohl, kann jeder im Laufe seines Arbeitslebens einmal sein. „Ein Unfall, Krankheit oder einfach das Altern kann es notwendig machen, die Arbeitssituation, die Belastung oder die bauliche Umgebung des Arbeitsplatzes zu adaptieren.“

„Fragen der Zukunft löst man nicht mit einer Beschäftigungsquote“

Gerade in Hinblick auf die demografische Entwicklung sind sich immer mehr Firmen der Tatsache bewusst, dass sie für die Zukunft gerüstet sein müssen, berichtet Pohl von einer veränderten Wahrnehmung. „Einzig der Mut, etwas auszuprobieren, der fehlt noch in vielen Unternehmen. Kreativität und Ideen sind gefragt, so können etwa nach Alter durchmischte Teams dafür sorgen, dass die Erfahrung von Mitarbeitern nicht verloren geht und dass auch die älteren von den jüngeren Mitarbeitern lernen.“ Eine offene, wertschätzende unde fordernde Unternehmenskultur ist die Voraussetzung dafür, dass alle Menschen, so verschieden sie auch sein mögen, sich mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten in einer sinnvollen und für beide Seiten gewinnbringenden Weise ins Arbeitsleben einbringen können. Denn „Fragen der Zukunft löst man nicht mit einer Beschäftigungsquote, sondern in Einzelfällen“, erklärt Pohl, dass vom Betriebsservice bereits über 5000 Betriebe informiert und 600 konkret über Förderungsmöglichkeiten etc. in Oberösterreich beraten wurden. „Wir sind keine Wundertypen aber wir geben den Firmen Anregungen für neue Chancen und Impulse für die erfolgreiche Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen.“ Im Herbst startet zudem mit „Chance2“ eine Kooperation mit dem AMS.

Fotonachweis: Colourbox

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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