Mehr Geld, mehr Zufriedenheit?

von in Arbeitsleben, Gehalt am Montag, 22. Februar 2016 um 11:27

Du kennst das sicher: Wird man gefragt, was man sich wünschen würde, hätte man einen Wunsch frei, lautet die Antwort meist „Viel Geld!“ Geld steht für viele Freiheiten und wird auch des Öfteren mit Glück gleichgesetzt. Aber ist das wirklich so? Ist man glücklicher und zufriedener mit erhöhten finanziellen Mitteln? Und auf die Arbeitswelt umgelegt: Macht ein höheres Gehalt den Job besser? Über die Beziehung zwischen dem, was wir verdienen und wie wir uns fühlen. Außerdem: Experten-Tipp für die Gehaltserhöhung!

Eine Gehaltserhöhung kann vieles bewirken: Glücksgefühle, eine Möglichkeit, um wieder einmal mit Freunden und Familie anzustoßen und vielleicht sogar mehr Motivation im Arbeitsalltag. Allzu sehr sollte man sich allerdings nicht mit den Vorteilen anfreunden, denn es kann sich sehr schnell ein Gewöhnungseffekt einstellen und das zusätzliche Geld am Konto fühlt sich plötzlich gar nicht mehr nach mehr an. Ähnlich verhält es sich mit der Motivation: Sie kehrt ebenfalls bald wieder an den Punkt vor der Gehaltssteigerung zurück.

Menschen mit höheren Einkommen sind generell glücklichere Menschen. Das wurde bereits mehrfach wissenschaftlich erwiesen, denn sie haben weniger Sorgen, ihr Leben zu finanzieren, genießen eine größere Auswahl in dem, wo sie leben und was sie arbeiten und können sich und ihren Lieben auch mehr gönnen. Zwar wurde in Studien größerer Wohlstand immer wieder in Verbindung gesetzt mit Zufriedenheit und Glücksempfinden, er steht aber auch in Zusammenhang mit erhöhter Angst und Sorge.
Wir haben mit Gehaltsexperte Conrad Pramböck und Finanzexperte Alexander Oberenzer über das paradoxe Verhältnis von Glück und Geld gesprochen.

 

Conrad Pramböck

Conrad Pramböck

Wie kann man das Phänomen erklären, dass uns eine Gehaltserhöhung nur bedingt zufriedener macht?

Conrad Pramböck: Ein Grundmuster unseres Lebens besteht in ständiger Weiterentwicklung und konstantem Wachstum. Außerdem ist der Mensch grundsätzlich sehr anpassungsfähig und stellt sich recht rasch auf neue Situationen ein. Beides führt dazu, dass Mitarbeiter über ein höheres Gehalt nur über äußerst kurze Zeit motiviert und zufriedengestellt werden können. Die meisten Mitarbeiter passen ihre Lebensgewohnheiten rasch an das neue Gehaltsniveau an.

Gilt das für alle Menschen?

Conrad Pramböck: Es sind zwei markante Schwellen erkennbar: Sobald das Gehalt ein Niveau erreicht hat, mit dem die wichtigsten Bedürfnisse des Lebens, wie Wohnen, Kleidung und Nahrung, befriedigt werden können, ist eine weitere Gehaltserhöhung viel geringer spürbar. Eine Gehaltssteigerung spielt daher vor allem bei Niedrigverdienern eine Rolle, die das Plus am Konto als Erleichterung erleben, nicht mehr dem täglichen finanziellen Druck ausgeliefert zu sein. Das betrifft insbesondere Singles mit einem Gehalt unter 20.000 Euro brutto pro Jahr und Familien mit weniger als 30.000 Euro.

Vor allem für gut ausgebildete, junge Mitarbeiter wirkt eine Gehaltserhöhung nur kurz positiv

Conrad Pramböck: Wer jedoch über diesen Grenzen verdient, passt mit einer Gehaltssteigerung häufig gleichzeitig seinen Lebensstil dem höheren Einkommen an. Vor allem gut ausgebildete, jüngere Mitarbeiter können sich Jahr für Jahr aus eigener Kraft über ihre Arbeit eine wirtschaftliche Existenz aufbauen. Die eigentliche Gehaltserhöhung wirkt zwar nur kurzfristig motivierend, aber es gibt für diese Mitarbeiter die Perspektive, dass es auch im nächsten Jahr aufwärts geht.

 Psychologische Grenze: ab € 100.000 Bruttojahresverdienst geht es um Spiel, Spaß und Ego

Generell bestätigen ja auch Studien, dass Besserverdiener glücklicher sind als Menschen mit weniger Einkommen. Stimmt das uneingeschränkt?

Conrad Pramböck: Es gibt eine psychologische Grenze, die bei den meisten Menschen um die 100.000 Euro brutto pro Jahr liegt, wo Geld in gewissem Rahmen keine Rolle mehr spielt und selbst ein Gehaltssprung von 150.000 auf 160.000 Euro kaum noch zu größerer Motivation oder Zufriedenheit im Job führt. Gehaltsverhandlungen werden eher unter den Aspekten Spiel, Spaß, Abenteuer und Befriedigung des Egos geführt, ohne nennenswerte Auswirkungen auf den Lebensstil zu haben.

Gehalt und Lebenserhaltungskosten: Wohlstand minimiert Gefühl der Verbesserung

Warum empfinden auch viele Besserverdiener ihre Finanzsituation als unbefriedigend?

Alexander Oberenzer

Alexander Oberenzer

Alexander Oberenzer: Lebensstandard und Wohlstand haben sich in den vergangenen 20 bis 30 Jahren hierzulande positiv entwickelt. Viele Produkte – vor allem im Technik- und IT-Bereich – sind für jedermann erschwinglich geworden. Da dieser Wohlstand fast alle betrifft, ist das subjektive Gefühl der Verbesserung nur sehr schwach ausgeprägt. Einen gegenläufigen Trend setzen jedoch die Lebenserhaltungskosten. So sind beispielsweise die Preise für Miete, vor allem in beliebten Ballungsräumen wie z. B. Wien seit 2007 um mehr als 30 Prozent gestiegen. Jeder zweite Berufseinsteiger äußert Bedenken, sich die hohen Mietkosten nicht mehr leisten zu können.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Alexander Oberenzer: Menschen müssen stärker auf die Erreichung von Zielen in der Zukunft sensibilisiert werden. In der Pension kommt es häufig zu einschneidenden Einkommenseinbußen und damit verbunden zu einem Prestige- und Statusverlust. Damit der gewohnte Lebensstandard auch weiterhin gehalten werden kann, ist es notwendig, mindestens ein Drittel des monatlichen Gehalts auf die Seite zu legen.

Sparen muss sein: ein Drittel des Monatsgehalts wäre empfehlenswert

Alexander Oberenzer: Zwei Drittel stehen zur Abdeckung der gesamten monatlichen Fixkosten für Wohnen, Auto, Versicherungen etc. zur Verfügung. In diese Aufteilung fällt außerdem die Finanzierung von Mode, Reisen und Hobbys. Bei Investitionen zahlt es sich aus, gezielt zu streuen und nicht nur auf eine Karte zu setzen. Neben Einnahmen aus dem Beruf ist es besonders effektiv, zusätzlich passive Einkommensströme aufzubauen.

Tipp zur Gehaltserhöhung:

Die Einschätzung, welcher Prozentsatz bei einer Gehaltserhöhung gerechtfertigt ist, bereitet vielen Mitarbeitern Kopfzerbrechen. Abhilfe schafft die grobe Aufstellung vom Gehaltsexperten Conrad Pramböck:

      • 3 % mehr am Gehaltszettel: Du liegst damit im unteren Bereich
      • 5 % höheres Gehalt: Du ordnest dich im soliden Mittelfeld ein
      • 7 % Gehaltssteigerung stellen den oberen Bereich dar
      • 10 % Gehaltserhöhung sind in vielen Unternehmen das Maximum

 

Zu den Personen

Alexander Oberenzer ist als Senior Financial Consultant im renommierten Finanzhaus FiNUM tätig und beantwortet alle Fragen rund um Versicherung, Veranlagung und Pensionsvorsorge. Für seine Kunden erarbeitet er ein strategisches Gesamtkonzept der Finanzierung. In seinem Blog behandelt der Betriebswirt Oberenzer aktuelle Finanzthemen und Entwicklungen.

Conrad Pramböck
Dr. Conrad Pramböck ist Gehaltsexperte, internationaler Speaker und Lektor für Universitäten, Fachhochschulen und Unternehmen. Er leitet beim Executive Search-Unternehmen Pedersen & Partners den Geschäftsbereich Compensation Consulting und berät Unternehmen weltweit zum Thema Gehälter. Pramböck ist Buchautor und Verfasser von wöchentlichen Kolumnen in den Tageszeitungen „Der Standard“ und „Die Presse“ zu den Themen Gehalt und Karriere. Hier geht´s zu unserer Gehaltsserie mit Conrad Pramböck.

Bildnachweis: gualtiero boffi / Shutterstock; Conrad Pramböck / Pedersen & Partners; Alexander Oberenzer / Bernhard Noll

Tanja Karlsböck

Tanja Karlsböck verfasst Blogposts rund umʼs Arbeitsleben, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.