Tabuthema Gehalt: Soll ich es meinen Kollegen sagen?

von in Gehalt am Donnerstag, 30. Januar 2014 um 11:45

„Wie viel verdienst du eigentlich?“ Eine äußerst unbeliebte Frage unter Kollegen, oder? Im Gegensatz zu anderen Ländern wie etwa den USA oder Schweden ist das Gehalt im deutschsprachigen Raum nach wie vor ein Tabuthema. Dem Kollegen sagen, wie viel man verdient? Die Furcht vor Neidern steht meist der Angst, sich mit zu geringem Einkommen zu blamieren, gegenüber. Woher diese Schweigsamkeit kommt und wie die Rechtslage aussieht, erklären Experten im Interview.

„Was bin ich eigentlich wert?“

Alfred Lackner

Alfred Lackner

Warum ist das Thema Gehalt ein so sensibles? „Weil es keine absolute Gerechtigkeit gibt“, meint Personal- und Organisationspsychologe Alfred Lackner. „Denn Marktgerechtigkeit und Gerechtigkeit beißen sich immer.“ Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die ökonomisch denken müssen. Auf der anderen Seite sind Mitarbeiter, die sich besser oder schlechter verkaufen können und daher unterschiedliche Gehälter beziehen. Die Problematik: „Unternehmen kennen die Zahlen, Daten und Fakten. Sie haben die Infos und kennen auch den Marktpreis von einzelnen Postitionen. Arbeitnehmer wiederum wissen dies meist nicht und tun sich daher schwer einzuschätzen: ,Was bin ich eigentlich wert?´“, erklärt Lackner. Dies erklärt auch den Wunsch vieler Arbeitnehmer, Gehälter zu vergleichen, und motiviert immer wieder, Kollegen und Freunden die eingangs erwähnte, unbeliebte Frage nach dem Einkommen zu stellen.

Die Not der Rechtfertigung

RechtfertigungGehälter als Tabuthema sind definitiv kulturell bedingt, es gibt jedoch auch eine logische persönliche Motivation für die Zurückhaltung: Die Rechtfertigung. Dies erklärt Lackner wie folgt: „Die Gehälter werden nicht zuletzt durch den Marktwert bestimmt. Wird ein Vielverdiener nach seinem Gehalt gefragt, wird der Betrag im persönlichen Gespräch automatisch auf die Person herunter gebrochen. Es heißt dann nicht mehr: Der Job XY bringt so viel Geld ein, sondern Person A erhält richtig viel Geld. Dadurch entsteht für den Gefragten schnell das Gefühl, sich für das gute Einkommen rechtfertigen zu müssen.“

Wie sagt man am besten, dass man nichts sagen will?

Wer hingegen das Gefühl hat, sich unter Wert verkauft zu haben, wird ebenfalls ungern über den Endbetrag am Gehaltszettel sprechen. Einzig jene, die wissentlich im guten Mittelfeld liegen, antworten eher locker auf die Gehaltsfrage. Wie aber kann man sich verhalten, wenn man keine Antwort geben möchte? „Die kürzeste Antwort auf die Frage nach dem Gehalt ist: genug. So lässt man sich auf keine Diskussion ein und schafft es meist, das Thema abzudrehen“, erklärt Lackner. Generell wünscht sich der Psychologe jedoch mehr Offenheit bei diesem Thema – nicht was die Gehälter Einzelner betrifft sondern zum Beispiel in der Bekanntgabe von Bandbreiten, die den Menschen helfen, sich einzuschätzen. „Gesund ist alles, was möglichst angemessen kommuniziert werden kann. Dies gilt für das Familiengeheimnis genauso wie für das Gehaltsthema.“

„Spannungen im Team sind vorprogrammiert“

Gehalt den Kollegen sagen kein UrteilDas Tabuthema Gehalt hat, wie fast alles im Leben, ebenfalls zwei Seiten: Jene der Arbeitnehmer und jene der Arbeitgeber. Dass diese meist wenig gegen das Schweigen haben, ist klar: „Kommen gehaltsmäßige Ungleichheiten ans Licht, sind Spannungen im Team meist vorprogrammiert“, so Lackner. Die Frage liegt daher nahe, ob ein Stillschweigen über das eigene Gehalt im Dienstvertrag vereinbart werden kann? Bis dato gibt es dazu in Österreich keine Gerichtsentscheidung, so die Experten der AK und WK Oberösterreich. „Arbeitnehmer müssen sich mit Kollegen austauschen können und auch die Möglichkeit haben, Rechtsauskünfte bei Dritten einzuholen“, meint dazu AK-Präsident Johann Kalliauer. Silvia Weigl, Leiterin des Rechtsservice der Wirtschaftskammer meint: „Eine Vereinbarung im Dienstvertrag ist theoretisch möglich, die spannende Frage ist jedoch, welche Konsequenzen es bei einem Verstoß gäbe.“ Diesbezügliche Anfrage hat es bei der WK noch keine gegeben, das Nicht-Sprechen über Gehälter sei, so Weigl, jedoch meist im Interesse von beiden Seiten.

Zusammenfassend lässt sich das Tabuthema Gehalt auf drei Eckpunkte herunterbrechen:

  • Das Thema Geld schürt Emotionen, für das eigene Einkommen muss sich aber niemand rechtfertigen – auch nicht vor den Kollegen.
  • Wer sich bei Diskussionen um das Thema Geld nicht wohlfühlt, darf ruhig ausweichend antworten.
  • Glücklich sind jene, deren Unternehmenskultur Gehälter möglichst transparent gestaltet und eine offene Diskussion darüber auch ermöglicht.

Zur Person

Alfred Lackner, Geschäftsführer von Lackner & Kabas ist seit 23 Jahren Jahren als Personal- und Organisationspsychologe in Österreich, Deutschland und der Schweiz tätig. Er ist Leiter des Leiter des Curriculums „Personalpsychologie“ an der österreichischen Akademie für Psychologie (ÖAP).

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Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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