Gefühle und Arbeitswelt Teil 1: Wieviel Emotion darf sein?

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 22. August 2012 um 09:41

Wo Menschen sind, sind auch Gefühle. Und so verschieden die Menschen, so unterschiedlich auch der Umgang mit den Emotionen – den eigenen sowie jenen der Mitmenschen. Ein Sonderfall, wenn es um die Gefühlswelt geht, ist der Arbeitsplatz. Denn dieser ist alles andere als privat. Wie geht man also mit plötzlichen Gefühlsausbrüchen und dergleichen um? Wie kommt man am besten mit einem Choleriker als Chef aus? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gibt in der neuen Serie „Gefühle und Arbeitswelt“ Wirtschaftspsychologin, systemischer Coach und Autorin Helga Kernstock-Redl. Zum heutigen Auftakt der Serie erklärt die Expertin, warum die Gefühle mit in der Arbeit sitzen und dass Frau nicht gleich Frau und Mann nicht gleich Mann ist.

„Menschen haben Gefühle. Immer.“

Gefühle und Arbeitswelt: Wie passt das zusammen?

Helga Kernstock-Redl

Kernstock-Redl: Fest steht, es muss eine Passung gefunden werden, ob man das nun mag oder nicht. Denn Menschen haben Gefühle. Immer. Jeder Gedanke ist davon begleitet und „nimmt den Körper mit“, auch wenn wir so manches Gefühl samt der zugehörigen Körperreaktion nicht bewusst wahrnehmen, weil es unter der Wahrnehmungsschwelle bleibt. „Lügendetektoren“ zeigen das. Deshalb können Emotionen nicht einfach beim Firmentor abgelegt oder ausgeschaltet werden. Außerdem entstehen viele davon auch am Arbeitsplatz, gute und schlechte. Zu viel Druck oder zu wenig Gefühlsmanagement macht die Menschen krank, verhindert gute Arbeitsleistung oder lässt eine Firma nicht gut funktionieren: Destruktive Konfliktlösungen, ein grundsätzlich unguter Umgang mit Fehlern bzw. Beschwerden oder keine Trauerarbeit, wenn ein wichtiges Projekt scheitert, können den Erfolg nachhaltig beeinträchtigen.

Wer wirkt gerne kindisch, weich oder schwach?

Wie viel Gefühl darf in der Arbeitswelt vorkommen?

Kernstock-Redl: Grundsätzlich gilt auch heute noch in den allermeisten beruflichen Beziehungen: Gefühle sind etwas sehr Persönliches. Außerhalb von privaten Beziehungen werden sie daher immer nur „dosiert“ gezeigt. Am Arbeitsplatz absolut tabu ist in der Regel das ungehemmte Ausleben: Unkontrolliert gezeigte Begeisterung kann dann als „kindisch“ disqualifiziert werden, der Tränenausbruch als „weich“ oder hysterisch und der Wutausbruch als „Schwäche“ eines unreifen Cholerikers.

Was sagen Sie zu dem Klischee, dass Gefühle eher weiblich sind?

Kernstock-Redl: Forschungsergebnisse zeigen, dass Frauen und Männer IM DURCHSCHNITT etwas unterschiedlich gestrickt sind. Das bringt jedoch für den konkreten EINZELFALL, also genau bei der Person, die vor Ihnen steht oder in Ihrem Team sitzt, wenig Information. Denn es gibt Männer, die wesentlich empathischer sind also so manche Frau, oder Frauen, die den Zahlen und Fakten mehr Bedeutung geben als dem emotionalen Klima in der Firma – auch wenn es im Durchschnitt anders rum ist. Als Arbeitspsychologin und Coach habe ich beruflich immer mit individuellen Persönlichkeiten zu tun, daher hüte ich mich vor Verallgemeinerungen. Wichtig ist: Was braucht eine bestimmte Person, ein Team oder ein Betrieb, damit das gemeinsame Ziel erreicht werden kann, wo liegen nutzbare Stärken, welche Fertigkeiten können trainiert werden?

Tränen im Büro fordern immer eine Erklärung

Tränen im Büro – ob aus Wut oder Frust – was tun? Verstecken oder ansprechen?

Kernstock-Redl: Grundsätzlich empfehle ich, den emotionalen Kontrollverlust, den Tränen oft zum Ausdruck bringen, im beruflichen Kontext zu vermeiden. Das gelingt, wenn man die dahinter stehenden Gefühle und die dazugehörigen Ursachen und Ziele (Ärger z.B. will oft unsere Grenzen schützen und rüstet uns daher für den Kampf) früh genug erkennt und energisch darauf reagiert. Aber manchmal kommt es eben trotzdem zum Ausbruch. Hier ist am nächsten Tag eine wohlüberlegte Erklärung zu den persönlichen Ursachen günstig, denn wenn Sie diese nicht selbst liefern, dann macht sich jeder, der dabei war, seine eigenen und vielleicht irrigen Gedanken dazu. Ein Beispiel: „Mein emotionaler Zusammenbruch gestern hat mir und vielleicht auch Ihnen gezeigt: So kann es nicht weitergehen. Diese Belastung ist unzumutbar. Ich fordere deshalb…“

Weinenden einen Ausweg bieten

Wer vor Ihren Augen in Tränen (oder in eine andere extreme Emotion) ausbricht, wird überaus dankbar sein, wenn Sie ihm auf respektvolle Weise aus dieser Situation heraushelfen: „Ich sehe, Sie sind im Moment überlastet. Nachdem ich Sie als engagierten Kollegen kenne, gibt es dafür sicher total verständliche Gründe, auch wenn ich das jetzt natürlich nicht wissen kann. Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten? Wollen Sie sich kurz zurückziehen? Wir reden später weiter.“

Zur Person: Helga Kernstock-Redl

Helga Kernstock-Redl arbeitet und lebt als Wirtschaftspsychologin, systemischer Coach und Autorin in Wien. Sie ist Autorin mehrere Sachbücher, darunter auch „Zoff, Zank und Zores“.

Fotonachweis: flo-flash / Quelle Photocase, Kernstock-Redl

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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