Gedächtnis-Outsourcing – Digitale Demenz kann jeden treffen!

von in Social am Donnerstag, 10. November 2011 um 13:23

Schummeln verboten! Kennen Sie die Telefonnummer Ihres Partners auswendig? Wenn Sie jetzt denken: „Warum sollte ich die Nummer auswendig kennen? Ist ja eh in meinem Telefonverzeichnis gespeichert!“ haben Sie natürlich recht, aber diese Kleinigkeit zeigt nur zu deutlich: Um unser Gehirn und damit unser Gedächtnis zu entlasten, lagern wir immer mehr Informationen auf externe technische Speichergeräte aus. An sich nichts Verwerfliches. Problematisch wird es erst, wenn wir so sehr auf technische Geräte angewiesen sind, dass wir ohne sie komplett hilflos sind. Das ist es, was unter Wissenschaftlern neuerdings als „digitale Demenz“ bekannt ist.

Können Sie sich noch ein Leben ohne digitale Medien vorstellen? Der Arbeitsalltag wäre jedenfalls ohne die nützlichen Helferlein viel aufwendiger. Termine werden in digitalen Kalendern eingespeichert, E-Mails mobil am Handy empfangen. URLs von wichtigen Blogs? Sind alle in Online-Bookmarks gespeichert! Wir verlassen uns heutzutage bei fast jeder Aufgabe auf unsere technischen Freunde und sind froh, nicht immer alles im Kopf bewahren zu müssen. Tagtäglich werden wir mit tausenden Informationen bombardiert und sollten diese nach Möglichkeit auch alle im Gedächtnis behalten. Die Folge: Früher oder später kommt es zu einer kognitiven Überlastung!

Karriere trotz digitaler Demenz?

Was kann man also machen, um den eigenen Alltag zu erleichtern ohne Informationen zu vergessen? Sie werden gespeichert, aber eben extern. Dank moderner Technologie kostet uns das nur einen Klick. Die Schlussfolgerung daraus? Zwar wissen wir, wo die Informationen abgespeichert sind, können allerdings nicht aus dem Gedächtnis darauf zugreifen. Das geht von Telefonnummern, über Adressen bis hin zu Arbeitsdokumenten. Eine Art „digitale Alzheimerkrankheit“, die vor allem bei der jüngeren Generation weit verbreitet ist. karriere.at hat mit Gedächtnistrainerin Mag. Monika Puck über die Auswirkungen von digitaler Demenz im Arbeitsalltag gesprochen – und Tipps parat, wie Sie dem Gedächtnisverfall vorbeugen können.

Mag.Monika Puck, Gedächtniscoach

karriere.at: Was ist eigentlich digitale Demenz?
Puck: „Digitale Demenz“ ist ein neu kreiertes Wortkonstrukt – keine Erkrankung, wie es der Name vermuten lässt! Damit meint man die Abgabe der eigenen Gedächtniskompetenzen an digitale Hilfsmittel, wie beispielsweise PCs, Handys und Navigationsgeräte. Durch zu wenig Training des Gehirns kann es zu Abbauerscheinungen durch Nichtgebrauch bzw. Ungeübtheit in bestimmten Bereichen kommen. So kennt man die Telefonnummern der engsten Angehörigen oft nicht mehr, die man früher doch „im Kopf“ hatte! Wenn der Akku des Handys leer, oder das Handy nicht verfügbar ist, kann mancher nicht einmal zuhause anrufen!

karriere.at: Warum war dieses Phänomen vor fünf Jahren noch kaum bekannt?
Puck: Unser Gehirn wird anders gefordert und beansprucht als in früheren Zeiten. Die Nutzung der digitalen Hilfsmittel ist natürlich nicht als Nachteil zu sehen. In unserer modernen Welt müssen wir unser Gehirn entlasten. Ansonsten würde es zur Überforderung „cognitive overload“ kommen. Sehr oft ist es schon schwer zu wissen, wo die Information abzuholen ist! Wichtig ist dabei jedoch der kluge Umgang mit den technischen Möglichkeiten.

karriere.at: Wer ist davon betroffen?
Puck: Jeder kann betroffen sein, der sich nur mehr auf digitale Unterstützung verlässt und selber möglichst wenig bis gar keine Denk- und Merkarbeit leistet!

karriere.at: Wie wirkt sich digitale Demenz auf unseren Arbeitsalltag aus?
Puck: Ohne digitale Hilfsmittel (PC, Handy etc.) oder bei Ausfall der Technik ist man nahezu arbeitsunfähig.

karriere.at: Karriere und digitale Demenz – geht das? Sind erfolgreiche Menschen auch davon betroffen?
Puck: Ja, wer immer weiß, wo man nachschauen muss, kann natürlich auch sehr erfolgreich dabei sein. Schwierig und auffällig wird es für diese Personen erst, wenn ein digitaler Helfer wegfällt! Wer ohne seine vorbereitete Powerpoint-Präsentation seine Präsentation nicht im Stehgreif halten kann, hat dann mit Sicherheit ein Problem!

karriere.at: Was sind die „schädlichsten“ täglichen Helferlein?
Puck: Die digitalen Hilfsmittel sind selber gar nicht schädlich – sondern unser oftmals unkritischer Umgang damit. Wie bei allen Medien ist eine kluge Nutzung hilfreich. Der Arbeitsalltag wäre sonst sehr mühsam bzw. unser Gehirn auch bald überlastet!

karriere.at: Kann man digitaler Demenz im heutigen Büroalltag überhaupt noch entkommen?
Puck: Ja, durch den richtigen und kritischen Umgang beziehungsweise mit einer klugen Nutzung!

karriere.at: Was kann im schlimmsten Fall passieren?
Puck: Der Worst Case ist die digitale Demenz gepaart mit Dauerstress. Nicht nur die Burn-out Gefahr ist hier sehr groß – es kann sogar zum totalen Rückzug kommen. Dies kann bis hin zur Demenz im Alter führen.

So helfen Sie Ihrem Gehirn auf die Sprünge!

Digitale Demenz wird nur dann zum Problem wenn wir uns täglich nur auf technische Geräte verlassen. Folgende Tipps konnte Gesundheitspsychologin Monika Puck noch mit auf den Weg geben:

  • Tippen Sie die Telefonnummern, die Sie im Gedächtnis behalten möchten, immer ein. Wenn z.B. ihr Handy gestohlen, verloren oder der Akku nicht aufgeladen ist, können Sie von jedem verfügbaren Telefon aus telefonieren, denn die Nummer ist in Ihrem Gehirn abgespeichert. Natürlich haben Sie die Nummern weiterhin im Handy gespeichert, aber nutzen Sie durch das Eintippen der Nummer die Möglichkeit zur Wiederholung, wenn Sie Zeit dazu haben. Das Gehirn braucht Wiederholungen!
  • Navigationsgerät: Sich die Route auch auf der Landkarte anschauen und sich beim Fahren markante Punkte einprägen, damit man beim nächsten Mal auch zum Ziel findet, falls das „Navi“ ausfällt ist eine Möglichkeit! Es wäre schon sehr peinlich, die Ausrede benutzen zu müssen. „Leider ist das Navigationsgerät ausgefallen.“ – dabei ist es schon der 3. Besuch in der Firma oder an diesem Veranstaltungsort!
  • Präsentationen und Vorträge: Die wichtigsten Inhalte sollten auch im Kopf abgespeichert werden! Dazu gibt es einige tolle Merktechniken, die leicht zu erlernen sind! – z.B. die Methode der Ortsassoziation/Routentechnik.

Zur Expertin

Mag. Monika Puck ist eingetragene Arbeitspsychologin sowie Klinische und Gesundheitspsychologin. Zertifizierte Trainerin und Referentin für Lern-, Denk- und Gedächtnistraining und hat weiters die Leitung der Gedächtnistrainingsakademie inne. Sie ist Obfrau des österr. Bundesverbandes für Lern-, Denk- und Gedächtnistraining und 1. Vorsitzende des europäischen Dachverbandes für Gedächtnistraining.

Information im Internet:
www.gedaechtnistraining.at

Redaktion

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