Fünf Fragen an den Experten: Pflichttermin Mittagessen im Büro – sinnvolles Teambuilding oder vergeudete Zeit?

von in Arbeitsleben, HR am Donnerstag, 5. August 2010 um 06:00

„Mahlzeit“ – „Mahlzeit“. Der Lockruf des Mittagstisches in so gut wie jeder Firma, wenn der Tag auf High Noon zusteuert. Gerade in kleinen Firmen wird es oft erwartet, dass die gesamte Belegschaft ihre Mittagspause gemeinsam verbringt. Für viele, nämlich jene, die ihre tägliche Mittags-Auszeit brauchen, wird das tägliche Ritual aber zur lästigen, belastenden Pflicht. karriere.at sprach darüber mit dem Arbeitspsychologen Dr. Walter Schlögl vom Team für Angewandte Psychologie und Organisationsberatung (TAO). Mit dem Interview startet nun eine neue Serie: Die karriere.at-Blogger werden künftig immer wieder „Fünf Fragen an den Experten“ stellen – an unterschiedliche Spezialisten aus allen Bereichen der Jobwelt.

karriere.at: Ein gemeinsames Mittagessen im Büro ist in vielen Firmen Realität. Aus Sicht eines Arbeitspsychologen eine wichtige Teambuilding-Maßnahme oder vergeudete Arbeitszeit?

Dr. Walter Schlögl: Aus fachlicher Sicht muss ich antworten: Weder/Noch. Beim Mittagessen handelt es sich um eine arbeitsrechtlich abgesicherte Pause, die einem Arbeitnehmer zusteht. Generell ist zu sagen: Man sollte danach trachten, die Pausen nicht auch noch für die Unternehmensinteressen zu instrumentalisieren. Versuche, die Mittagspause in Richtung Teambuilding umzumünzen, halte ich für problematisch. Sollte dies der Fall sein, werden das die Arbeitnehmer auch mit großer Wahrscheinlichkeit durchschauen.

karriere.at: Steigert gemeinsames Essen die Produktivität am Arbeitsplatz?

Schlögl: Das hängt nur in sehr kleinem Ausmaß vom Mittagessen ab, es ist in dieser Hinsicht ein fast vernachlässigbarer Faktor. Weitaus wichtiger sind hier Betriebsklima, Organisationskultur oder die Frage „Wie geht man mit Leistung um?“. Das sind die Hauptschrauben, an denen ein Unternehmen drehen sollte, um die Produktivität zu steigern.

karriere.at: Manche Personen fühlen sich durch erwartete bzw. verordnete gemeinsame Mittagspausen in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt oder durch „Gruppenzwang“ genötigt. Kann dies auch negative Auswirkungen haben? Brauchen manche Arbeitnehmer ihre tägliche „Auszeit“?

Schlögl: Etwas zu verordnen oder stark nahezulegen sehe ich als problematisch. Es gibt immer einige Mitarbeiter pro Firma, die sagen: „Ich laufe nicht mit den Lämmern mit.“ Das sollte auch respektiert werden. Als Unternehmen tue ich gut daran, ein Angebot zu geben aber nicht darauf zu bestehen, dass es angenommen wird oder gar zu verfolgen, wenn jemand nicht darauf zurückgreift. Das wäre nicht nur dumm, sondern gefährlich. Wahlfreiheit ist in diesem Zusammenhang oberstes Gebot.

karriere.at: Gerade in kleinen, wachsenden Firmen nimmt man sich oft keine Zeit zur Mittagspause. Effekt: Arbeitnehmer essen am Schreibtisch, vor ihrem Computer. Schneiden sich die Dienstgeber damit ins eigene Fleisch?

Schlögl: Es kommt ganz generell darauf an, welchen Stellenwert Sozialleistungen im Betrieb haben. Jene Firmen, die ohnehin knausrig sind, schneiden sich damit ins eigene Fleisch. Dort, wo Sozialleistungen im üblichen Maße gegeben sind, sollte auch ein Mittagessen drin sein. Generell kann man sagen: Wenn die Arbeitnehmer das Gefühl haben, dass sie nicht einmal noch essen dürfen, kommt es auf lange Sicht nicht gut für den Arbeitgeber. Eine Pause ist eine Pause.

karriere.at: Worauf sollte geachtet werden, damit das Mittagessen einen gruppendynamisch positiven Wert hat?

Schlögl: Die Frage liegt nahe, ich sehe das aber wie gesagt nicht so, dass man das Mittagessen als Teambuilding-Maßnahme instrumentalisieren sollte, weil das durchschaut wird. Betriebe sollten danach trachten, Möglichkeiten anzubieten, wo ein so genannter „grauer Markt“ funktionieren kann – also Tratsch, der nicht nur die eigenen Abteilungen betrifft. Betriebe sollten solchen informellen Informationen Platz bieten und das kann unter anderem beim Mittagessen geschehen. Dieses braucht den Charakter der Auszeit unbedingt. Zwei Faktoren sind hier entscheidend, damit gemeinsames Mittagessen angenommen wird: Erstens das Preis-Leistungs-Verhältnis. Und zweites geeignete Räumlichkeiten, die einen gewissen Restaurantcharakter bieten.

Mittagssen am Drehsessel bietet keinen "Auszeit"-Charakter, bemängelt der Experte.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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