Peitschenknaller sind out: Chefs müssen Trainer sein

von in HR am Dienstag, 11. Februar 2014 um 10:39

Der Peitschenknaller von früher funktioniert als Chef heute weder im Sport noch in der Arbeitswelt. Worauf es wirklich ankommt und wie man heterogene Teams zu funktionierenden Einheiten formt, weiß Michael Warm, Trainer des österreichischen Volleyball-Nationalteams. Bestseller-Autorin Sonja Radatz erklärt, warum gut gestellte Fragen mehr bringen können als Feedback. Sie gibt fünf Tipps für richtiges Coaching.

„Entscheidungen unter allerhöchstem Zeitdruck“

Wer beim Begriff Coaching eher an ein Sportteam als eine Belegschaft denkt, der irrt. Denn die Arbeitswelt hat mehr mit dem Spitzensport gemein, als man vielleicht denkt. Weshalb Trainer Führungskräfte sind und umgekehrt, erklärt Volleyball-Nationalteamtrainer Michael Warm:

Was  haben Führungskräfte und Trainer gemeinsam?

Michael Warm

Michael Warm

Michael Warm: Trainer sind Führungskräfte! Die Aufgabe lautet jeweils, Spitzenkräfte oder Fachleute zu einem schlagkräftigen und erfolgreichen Team zu formen. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Aufgaben für das Team fachlich unterschiedlich sind und daher auch die Spitzenkräfte ihre Potenziale in unterschiedlichen Bereichen haben. Bei uns im Volleyball sind eben Skills gefragt, die im Hochleistungssport wichtig sind. Da geht es um Entscheidungen und Handlungen unter allerhöchstem zeitlichen Druck.

„Bedingungen für Höchstleistungen“

Wie hat sich die Rolle der beiden in den vergangenen Jahren verändert?

Hoechstleistung im JobMichael Warm: Gerade die Entwicklung in der Forschung rund um das Gehirn zeigt uns mittlerweile viel tiefere Einblicke dahingehend, welche Voraussetzungen einerseits für Lernen und Entwicklung optimal sind und andererseits, unter welchen Bedingungen Menschen in der Lage sind, Höchstleistungen zu erzielen. Ich bin erst gestern im High-Performance-Center von Andy Walshe in Kalifornien gewesen, die unter anderem auch mit Felix Baumgartner und seinem Team zusammengearbeitet haben und habe wieder höchst spannende Dinge gesehen. Die innere Motivation für eine Idee, das eigenständige Einbringen in die Entwicklung, die Bedeutung von Emotionen bei diesen Prozessen. All dies sind Bedingungen, die wir als Coaches natürlich umsetzen müssen, wenn wir erfolgreich arbeiten wollen.

Kleine Erfolgserlebnisse und große Projekte

Worauf kommt es besonders an, wenn man Teams formt?

TeamgeistMichael Warm: Eine sehr wichtige Komponente liegt darin, dass alle Teammitglieder die Chance bekommen, zu spüren, dass sie gemeinsam Aufgaben erfolgreich bewältigen können. Das kann bei ganz kleinen Erfolgserlebnissen losgehen und entwickelt sich dann bestenfalls zu ganz großen Projekten. Dadurch entsteht untereinander Vertrauen, Bindung, aber auch Wertschätzung und eine Selbstverständlichkeit, sich gegenseitig optimal zu supporten. Auf diesem Weg können Teams unglaubliche Dinge gemeinsam bewegen, auch wenn wir noch lange nicht alle Grundlagen verstehen, welche Formen der Energie hier zusätzlich wirksam werden.

„Ein neuer Spieler ist zuerst einmal eine Herausforderung“

Wie meistert man die Herausforderung, wenn ein neuer Player hinzukommt?

Michael Warm: Ein neuer Spieler ist zuerst einmal eine neue Herausforderung. Sofort ändert sich das System im Team, das spüren alle. Räume werden durch den neuen Spieler eingenommen, andere verändern dadurch gleichzeitig ihre eigenen Wirkungskreise. In einer guten Teamkultur erkennen die Teammitglieder die Chancen, die in einem derartigen personellen Zugewinn stecken und entwickeln dabei eine neue Richtung, in die das ergänzte Team nun gehen kann. Jeder neue Spieler, der bei uns aus dem Nachwuchs kommt, hat ein anderes Spielerprofil, andere Qualitäten und wir sind gefordert, diese Bereicherung zur optimalen Wirkung für alle kommen zu lassen.

„Eigenen Erfolg selbst spüren und bewerten können“

Welche Fehler werden oft begangen – können Sie hier vielleicht drei Beispiele nennen?

ErfolgeMichael Warm: Ich bin eher nicht davon überzeugt, dass wir aus der Betrachtung von Fehlern lernen können. Daher will ich vielleicht lieber noch einige Tipps wiederholen, die mir wichtig erscheinen. Eine gute Teamkultur basiert auf Vertrauen und Bindung untereinander. Daher ist es wichtig, als Führungskraft der Entwicklung dieser Skills auch Chancen zu geben und einen Rahmen dafür zu bereiten. Außerdem entwickelt sich die Energie, Besonderes zu leisten, im Team selbst. Die sollte man nicht von außen abrufen wollen, sondern eher selbst vorleben und die Neugier auf spannende Aufgaben lenken. Zuletzt scheint mir wichtig, dass die Belohnung ebenso im Team passiert, dadurch dass die Teamplayer selbst ihren eigenen Erfolg spüren und bewerten können. Da ist eine zu stark von außen gerichtete Belohnungsstrategie von außen oft eher ablenkend. Und erst recht natürlich, wenn eine Führungskraft den Erfolg des Teams später als seinen eigenen Erfolg präsentiert. Das würde sicher nicht positiv auf das Potenzial des Teams wirken.

Wie Social Media auf die Bindungsfähigkeit wirkt

Welche künftigen Herausforderungen kommen Ihrer Meinung nach auf Führungskräfte und Trainer zu?

Social MediaMichael Warm: Die Vernetzung gerade durch Social Media erweitert einerseits den Blickwinkel aller Menschen ungemein, kann aber sicher auch Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit von Menschen haben und so an der Grundlage erfolgreicher Teamarbeit rütteln. Hier wird es spannend sein, zu sehen, wie die Entwicklungen verlaufen. Auch der weitergehende Wandel, dass Wissensmonopole kaum mehr in der Form möglich sind und damit viele bestehende Hierarchien völlig in Frage stehen, bringt weiteren Wandel und damit aber auch Räume für neue Entwicklungen. Die Aufmerksamkeit und Offenheit für all diese Prozesse scheinen mir ein wesentlicher Punkt zu sein, der Führungskräfte beschäftigen und auszeichnen wird.

„Zentrale Führungsaufgabe, über die sich niemand wegmogeln kann“

Konkrete Tipps zur Führungsarbeit von Führungskräften in der Wirtschaft gibt Sonja Radatz:

Dürfen Führungskräfte überhaupt coachen?

Sonja Radatz: Führungskräfte dürfen coachen – sie müssen aber nicht. Denn Coaching ist meiner Definition nach immer eine Unterstützung in den Themen des Mitarbeiters mit gezielten, wertvollen Fragestellungen bei Themen welcher Art auch immer: beruflich, privat, in anstehenden Konzepten. Da kann die Führungskraft auch der Ansicht sein, sie lässt dem Mitarbeiter den Freiraum, sich den eigenen Bereich selbst zu gestalten. Allerdings bringt es aus meiner Sicht große Vorteile, wenn die Führungskraft coacht: Denn wenn immer sie es schafft, den Mitarbeiter weiter zu bringen, ist der Kopf frei für den nächsten Schritt. Ganz anders in der Mitarbeiterbegleitung: Hier hat die Führungskraft meines Erachtens nicht die Wahl – denn es ist zwingend notwendig, dass sie laufend sichert, dass der Mitarbeiter seine Ergebnisse erzielt. Da sind wir dann bei der zentralen Führungsaufgabe, über die sich niemand „wegmogeln“ kann.

Fünf Tipps für richtiges Coachen

Sonja Radatz

Sonja Radatz

Coaching, so Radatz, kann immer und überall passieren. Egal ob im Meeting oder im Gespräch unter vier Augen. Hier fünf Tipps, wie auch ein Ungeübter coachen kann:

  1. Stellen Sie offene Fragen, die in die Zukunft gerichtet sind. Jeden Tag eine, z.B. „Was können Sie hier anders tun, um zu einem erfolgreichen Ergebnis zu gelangen?“
  2. Stellen Sie die Frage: „Was noch?“
  3. Oder die folgende: „Welche Frage soll ich Ihnen als nächstes stellen, damit Sie gut weiter kommen?“
  4. Lehnen Sie sich nach jeder Frage zurück und lassen Sie Ihren Mitarbeiter nachdenken und mit der Antwort kommen. In diesem Spiel gilt: Wenn Sie sich zuerst rühren, haben Sie verloren!
  5. Die einfachste Frage ist „Und?“ Probieren Sie es aus …

Coachen sich Mitarbeiter und Chef gegenseitig?

Sonja Radatz: Ja, sie würden einander coachen, wenn Sie begännen, einander Fragen zu stellen und das laufende Handeln – so es nicht funktioniert! – in Frage zu stellen.

Zu den Personen: Sonja Radatz und Michael Warm

Sonja Radatz ist Begründerin des Relationalen Ansatzes sowie Eigentümerin und Geschäftsführerin des Instituts für Relationale Beratung und Weiterbildung in Wien. Die Bestseller-Autorin ist seit ehr als 20 Jahren als Unternehmens- und Führungsbegleiterin sowie Coach und Gastdozentin im In- und Ausland tätig. Im September 2013 ist ihr jüngstes Buch „Relationales Mitarbeitercoaching und Mitarbeiterbegleitung“ erschienen.

Michael Warm ist seit April 2010 Trainer der österreichischen Volleyball-Nationalmannschaft. 1968 in Nürnberg geboren arbeitet er seit nunmehr 20 Jahren als Profitrainer, davon unter anderem beim Deutschen Verband, beim SCC Berlin in der Bundesliga, in Zalau in Rumänien und jetzt beim Österreichischen Verband.

Bildnachweis: privat, ollyy / Quelle Shutterstock, Andresr / Quelle Shutterstock, vlad09 / Shutterstock, Peshkova  / Quelle Shutterstock, mast3r /Quelle Shutterstock

 

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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