Entrepre…was? – Welcome to the Fremdwort-Jungle

von in Bewerbung, HR, Jobsuche am Donnerstag, 1. September 2011 um 14:33

Alte Hasen und gut Informierte kennen sich aus, wenn proaktive aufstrebende Persönlichkeiten mit Entrepreneurship und Hands on-Mentalität gesucht werden. Berufseinsteiger hingegen fassen sich bei derartigen Stellenausschreibungen meist an den Kopf. Muss man erst den Duden herausholen, wenn man sich durch Stelleninserate klickt oder durch Karriereteile blättert? karriere.at-Gastautorin Michaela Ferschmann hat sich in den Fremdwort-Dschungel begeben.

Im Stellenangebot wird eine Persönlichkeit gesucht, die proaktiv ist. Was oder wer ist bitteschön „proaktiv“? Laut Online-Wörterbuch handelt es sich hier um einen Neolinguismus aus dem Lateinischen. Wörtlich übersetzt bedeutet es für-tätig. Proaktiv bedeutet im übertragenen Sinn initiatives Handeln. Was aber nun ist „initiativ“? Auch hier können Duden und Wikipedia weiterhelfen: Wer initiativ handelt, gibt Anstoß zu einer Handlung.

Aha. Warum sagt man dann nicht einfach: Gesucht wird eine Persönlichkeit, die stets Anstoß zu Handlungen gibt? Wahrscheinlich deshalb nicht, weil das negativ und eigenartig klingt.

Entrepreneure packen gerne an

Bei „qualified“ Stellenangeboten, wie man in der Branche zu den „besseren“ Angeboten für gut Ausgebildete sagt, wird oft verlangt, eine gewisse „Entrepreneurship“ mitzubringen. Meist wird das in einem Atemzug mit der „Hands on-Mentalität“ genannt. Wer französisch und englisch versteht, kann „Entrepreneurship“ leicht übersetzen: Unternehmer-Schaft. Also auf gut deutsch: Unternehmergeist. Hm. Eigentlich ein wunderschöner und verständlicher Begriff. Auch die „Hands on-Mentalität“ ließe sich einfach übersetzen: Hand-Anleg-Mentalität, oder Gerne-Zupack-Einstellung. Gut, das klingt nicht mehr so schön, aber man könnte es in einem schönen Nebensatz beschreiben: Persönlichkeiten, die gerne zupacken. Im Stellenangebot könnte man also nach Bewerbern suchen, die Unternehmergeist mitbringen und gerne zupacken. Geht doch!

Manager, soweit das Auge reicht

In den letzten Jahren ist es immer wichtiger geworden, im Job ein guter „Teamplayer“ zu sein. Einzelkämpfer sind unerwünscht. Teamplayer sind das Um und Auf in einer betriebswirtschaftlichen Umgebung. Egal ob in einer Bank, bei einer Zeitungsredaktion oder im großen Konzern: Abteilungen setzen sich aus Teams zusammen, die auch immer häufiger nur für bestimmte Projekte gebildet werden. Mitglieder können sich bei Bedarf gegenseitig vertreten. Der wörtlich übersetzte Mannschafts- oder Abteilungsspieler klingt auf deutsch einfach nicht schön.

Überhaupt haben sich in größeren Organisationen in den letzten Jahren immer mehr englische Begriffe für die einzelnen Berufe eingeschlichen. Die Gruppe oder Abteilung wurde zum Team. Man trifft sich nicht mehr zur Besprechung, sondern zum Meeting. Abteilungsleiter oder Mitarbeiter mit besonderer Verantwortung sind nur noch Manager. Back Office Manager unterstützen Teams oder höherrangige Manager, der Facility Manager ist für das Gebäude, die Technik und die Außenanlagen zuständig, der Quality Manager kümmert sich um die Einhaltung der Richtlinien und der Product Manager ist meist nichts anderes als eine Mischung aus Marketing Manager und Einkäufer.

Im Grunde kann man viele Begriffe bei den Stellenanzeigen in einem einfach verständlichen Deutsch ausdrücken. Ein paar wenige sind natürlich Modebegriffe, wie etwa das Wort „proaktiv“ – das lässt sich nur schwer auf deutsch übersetzen, da es dafür bis jetzt keine Entsprechung gibt.

Not Wanted: Beamtenmentalität

Was treibt Personalisten, Headhunter (noch so ein Begriff, der eigentlich aus der Kriminalistik stammt) und Konsorten zu solchem Vokabular? Ein klassischer Werbe-Schmäh: Etwas, das neu und trendy klingt, kommt beim Publikum oft besser an – und genau das erhält meist einen englischen Namen. Im Fall der englischen Berufsbezeichnungen sollen diese den Bewerbern symbolisieren: Unser Unternehmen ist auf keinen Fall verstaubt – Beamtenvokabular und -mentalität sind bei uns tabu. Employer Branding eben.

Hier noch eine auf den Punkt gebrachte gute Zusammenfassung, von Dr. Steve Gedeon of Ryerson University (Ontario/Canada) über den Begriff „Entrepreneurship“ (leider nur auf englisch).

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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