Als Freelancer im Silicon Valley arbeiten – Oder: Wie du die Stadt zu deinem Büro machst

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt, Social am Donnerstag, 24. Juli 2014 um 09:46

Wie baut man sich ohne festen Arbeitsplatz und Kollegen ein berufliches Netzwerk auf? Dieser Herausforderung hat sich Elisabeth Oberndorfer, Wiener Journalistin mit oberösterreichischen Wurzeln, in den vergangegen Monaten gestellt. Sie hat sich ihren Traum verwirklicht und ist im März 2013 nach San Francisco gezogen. Nach ihrer Rückkehr zieht sie Bilanz und gibt ab heute hier im Blog immer wieder Einblicke in eine unabhängige Karriere in der Tech-Metropole.

Ein Gastartikel von Elisabeth Oberndorfer

Spielplatz-Büros, Schlaraffenland-Kantinen und Schlafecken

Elisabeth Oberndorfer

Elisabeth Oberndorfer

Großraumbüros, die aussehen wie Spielplätze, ein Schlaraffenland als Kantine und Schlafecken zum Entspannen: Über die Einrichtungen von Silicon Valley-Startups wird viel erzählt – und das meiste davon stimmt. Die großen Tech-Firmen stecken einen großen Teil der Investorengelder in die Optik und Mitarbeiterzufriedenheit. Doch die Arbeitswelt der Digital-Branche in der San Francisco Bay Area teilt sich in zwei Teile: das glamouröse Angestelltendasein in den Startup-Büros und das bodenständigere Leben als Freelancer in der Tech-Metropole.

„Auf Dauer kann das Leben ohne Kollegen einsam werden“

Zu letzterer Gruppe stieß ich, als ich im März 2013 als freie Journalistin nach San Francisco zog. Ohne festen Auftraggeber und ohne durchgeplanten Arbeitstag musste ich mir erst meinen Arbeitsplatz einrichten. Wer einmal in einem Coffeeshop in der nordkalifornischen Region war, hat die Büros der Freien bereits entdeckt. Die Tische sind voll mit Macbooks, oft sitzen die gleichen Personen den ganzen Tag, wahrscheinlich sogar die ganze Woche am gleichen Platz, bestellen alle paar Stunden einen Kaffee und tippen vor sich hin. So begann auch ich mein Leben als Freelancer in der Stadt. Das leichte Hintergrundrauschen und gelegentlich den Blick in die Ferne schweifen lassen, schaffen gerade für Berufsschreiber eine angenehme Atmosphäre. Doch auf Dauer kann das Leben als Selbständige ohne Kollegen in einer neuen Stadt einsam werden.

Die Auffangbecken für Einzelunternehmen

Elisaebth Obernorfer KaffeeWas also tun? Sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen ist im Silicon Valley simpel – allerdings nur dann, wenn man IT-Professional ist und gerade ein Startup gründet. Für andere Disziplinen ist es schwerer, hier Anschluss zu finden. Sogenannte Meetups – Treffen zu unterschiedlichen Themen – gibt es für alle Interessen und Branchen. Alle, die zu solchen Veranstaltungen gehen, suchen das gleiche: Austausch und Kontakte. Und so steht man bei einem Meetup selbst ohne große Networking-Kenntnisse keine Minute allein und wird schnell angesprochen. Ein weiteres Auffangbecken für Einzelunternehmer sind Co-Working-Spaces. Von denen gibt es in San Francisco und im Valley mittlerweile unzählig viele. Unterschiede gibt es hier beim Ambiente: Die einen sind ruhiger, während in anderen Startup-Partys gefeiert werden. Manche haben sich auf bestimmte Disziplinen wie Kreativberufe spezialisiert, andere fördern den Austausch unter den Mietern.

Goldgräberstimmung in der Technologie-Branche

Mein Arbeitsplatz in San Francisco setzte sich aus all diesen Konzepten zusammen. Auf Events lernte ich meine „Kollegen“ – andere freie Journalisten – kennen, mit denen ich später Bürogemeinschaften gründete. In Co-Working-Spaces suchte ich nach Ideen und interessanten Persönlichkeiten für Reportagen und Interviews. Und wenn ich dann die eigentliche Arbeit erledigen musste und Artikel fertig stellen musste, versteckte ich mich tagelang in den Coffeeshops meiner Nachbarschaft. In Unternehmen ist es definitv einfacher, Anschluss zu finden und sich ein berufliches und privates Netzwerk aufzubauen – besonders bei all den außerordentlichen Aktivitäten, die US-Firmen für ihre Mitarbeiter organisieren. Auf freier Basis ist das mit etwas mehr Aufwand jedoch ebenso schaffbar. Denn in der Technologie-Branche herrscht Goldgräberstimmung und Menschen aus aller Welt mit den unterschiedlichsten Hintergründen kommen hierher, um Erfolg zu finden. Durch den Zusammenschluss mit anderen Einzelunternehmern und Neulingen entstehen neue Projekte, manchmal sogar millionenschwere Ideen. Diese „Serependity“, der Zufall, ist im Silicon Valley einer der Treiber des Systems, das von Innovation und Offenheit lebt.

 „Die Stadt ist mein Büro“

Elisabeth Oberndorfer San FranciscoFür mich ist die Stadt San Francisco und die Wirtschaftsregion des Valleys nach einem Jahr zum Büro geworden. Mein Headquarter sind die vielen Coffeeshops, mein Team sind andere Auslandskorrespondenten, mit denen ich gemeinsam Themen suche und Feedback austausche. Und das Okösystem der Startupszene ist mein Berufsalltag: Milliarden-Finanzierungen, neue Produktlaunches, Unternehmensschließungen liefern Stoff für Geschichten und bestimmen meinen Arbeitstag. Dass die Stadt mein Büro ist, zeigt mittlerweile auch ein Blick auf mein MacBook. Beinahe jeder freie Wlan-Zugang San Franciscos ist auf meinem Arbeitsgerät gespeichert, einloggen muss ich mich fast nirgendwo mehr. Und solange Internetzugang verfügbar ist, bleiben öffentliche Plätze und Lokale die „Spielplätze“ der Freiberufler im Valley.

Zur Person: Elisabeth Oberndorfer

Elisabeth Oberndorfer zog im Winter 2013 nach San Francisco, um als freie Korrespondentin für deutschsprachige Medien über Silicon Valley zu berichten. Seit Juli 2014 splittet sie ihr Berufsleben zwischen Wien, Gmunden und San Francisco auf und arbeitet derzeit an ihrem eigenen Onlinemagazin, fillmore.at.

Bildnachweis: Retrospect Images

Redaktion

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