Fünf Mythen zu Facebook-Karrierepages. Und fünf Erkenntnisse.

von in HR, Social am Dienstag, 10. Mai 2011 um 12:01

Eine Karrierepage auf Facebook – wozu? Relativ zurückhaltend agieren Österreichs Personalabteilungen derzeit noch, wenn es darum geht, Präsenzen im größten aller Social Networks einzurichten. Das karriere.blog sprach mit drei „HR-Pionieren“ im Neuland Facebook, über ihre Erfahrungen beim Aufbau der Seite, das Potenzial beim Recruiting und den dafür nötigen Aufwand. Ergebnis: Nicht jeder Mythos hält dem Praxistest stand.

Woran denken Sie, wenn Sie an Online-Jobsuche denken? Hoffentlich an karriere.at! Fakt ist aber auch, dass immer mehr Jobsuchende mittlerweile auch an Social Media denken, wenn sie sich beruflich neu orientieren möchten. Zwar nicht ausschließlich, um hier das Inserat mit dem perfekten Traumjob aufzustöbern, sondern, um Informationen über das betreffende Unternehmen zu sammeln.

So belegt das aktuelle Randstad Arbeitsbarometer 2011 (rechts) relativ eindrucksvoll: Zwei von drei Bewerbern (67 Prozent) glauben, dass ihnen Social Media bei der Jobsuche hilft, ein Viertel würde ausschließlich im „Web 2.0“ (wie es früher einmal hieß) nach einem Job schauen. Und sechs von zehn wollen im Social Web über das künftige Unternehmen nach Infos suchen (61 Prozent). „Weniger als die Hälfte der Befragten vertrauen allerdings den Angaben, die sie bei Facebook, Xing und Co finden. In puncto Unternehmenskultur hingegen halten ganze 59 Prozent der Befragen die Social Media Kanäle für eine geeignete Quelle“, analysiert Petra Timm, Sprecherin von Randstad Deutschland die Studie.

Wenngleich der Siegeszug von Facebook, Twitter und Konsorten voranschreitet (siehe dazu die hervorragende Grafik von Thomas Hutter), so herrscht vor allem Facebook gegenüber noch relativ breite Skepsis in den heimischen Personalabteilungen. Personalmarketing2null zählt in der Gruppe „Karriere-Fanpages auf Facebook“ insgesamt 111 Karriere- und Ausbildungsseiten, davon keine zehn von österreichischen Unternehmen. Warum die Skepsis? Existiert in den Köpfen der heimischen Personalisten nach wie vor die Trennung Facebook=Privat, Xing=“Business“?

Fest steht, dass Facebook-Karrierepages sowohl in Österreich als auch Deutschland (trotz der weitaus höheren Dichte an Headquarters und Großunternehmen) erst relativ am Anfang stehen. Dass der Zug allerdings voll in Fahrt ist, belegt nicht nur die Tatsache, dass immer mehr Personalisten ankündigen, in Kürze auf Facebook „etwas machen zu wollen“. Auch folgende Wachstumszahlen aus Deutschland, erhoben von personalmarketing2null, sprechen eine eindeutige Sprache:

 

In Österreich haben sich, wie erwähnt, erst einige wenige Unternehmen ins „HR-Neuland Facebook“ gewagt. Vor rund einem Jahr startete die Allianz Karriere in Österreich als Pionier durch. Im März dieses Jahres wurde die T-Mobile Austria Karriere gelauncht. Ebenfalls relativ neu am Markt ist die Seite PwC Austria Careers. Als weitere österreichische Pages sind A1Karriere und Career@KPMG Austria zu nennen.

karriere.at sprach mit den Machern der Karriereseiten, Michael Bilina (Human Resources Allianz Österreich), Liz Hull (Human Capital Leader PwC Österreich) und mit Joachim Burger (Geschäftsführer Personal T-Mobile Austria) über Chancen, Nutzen und Risiken von Facebook-Karrierepages.

Fünf Mythen über Facebook-Karrierepages

Mythos 1: Eine Facebook Karrierepage macht uns cool
Erkenntnis: Eine Seite auf Facebook ist immer nur so cool wie ihre Inhalte.

Natürlich ist auf Facebook thematisch vieles möglich, was auf der Unternehmensseite nicht gehen würde (bis hin zur Unterhaltung). Doch wobei sich Experten einig sind: Ohne Ziel vor Augen geht auch auf Facebook nichts. „Vor dem Start sollten Zielsetzung, Zielgruppe und Inhalte gut überlegt sein. Es macht keinen Sinn, einfach drauflos zu starten“, betont PwC-Personalmanagerin Liz Hull.

Konzeptlosigkeit werde vom User negativ aufgenommen, ist auch Michael Bilina sicher: „Als wir vor rund einem Jahr mit der Page gestartet sind, haben sich zwei Dinge rasch herausgestellt: Erstens, dass wir unterschiedliche Zielgruppen zu betreuen haben. Und zweitens, dass diese unterschiedlichen Zielgruppen auch unterschiedliche Bedürfnisse haben: Informationen, Diskussionen, Veranstaltungshinweise bis hin zur Unterhaltung. Daher hat sich schnell herauskristallisiert, dass wir einen Kommunikationsplan brauchen, eine vorgegebene Richtung, an die wir uns halten.“ Fazit: Solange ein Konzept vorhanden ist, und man weiß, wer seine User sind, kann auf Karriere-Fanpages thematisch viel gemacht werden: Von der Royal Wedding (T-Mobile) bis hin zur Veranstaltung, zu der man mit Gratis-Eis lockt (PwC).

Das Um und Auf – hier sind sich die Experten einig: Der Mehrwert für den User muss gegeben sein. „Zum Beispiel durch Informationen, die nicht auf der Homepage oder in einem anderen Medium zu finden sind“, erklärt Hull.

Joachim Burger, Personal-Geschäftsführer von T-Mobile Austria, sieht einen weiteren positiven Aspekt: „Facebook ermöglicht uns eine direkte Interaktion mit potenziellen Mitarbeitern. Bisher konnte man mit T-Mobile als Arbeitgeber nur über eine Bewerbung in Kontakt treten. Damit war die Gruppe potenzieller Mitarbeiter, mit denen wir in Kontakt standen, sehr beschränkt. Das brechen wir durch Social Media Aktivitäten auf.“

Mythos 2: Eine Facebook-Karrierepage bringt jede Menge Bewerber.
Erkenntnis: Eine Facebook-Page kann Bewerber bringen, bringt Sie Bewerbern aber sicher näher.

Logisch ist, dass User, die sich auf Facebook-Karrierepages herumtreiben, natürlich ein Interesse an interessanten Jobangeboten haben. Daher dürfen diese auch auf der Karriere-Fanpage nicht fehlen. Was am Sinn von Facebook allerdings vorbeiginge, ist eine bloße Auflistung von vakanten Stellen, die Interessenten ja ohnehin auf der Unternehmenswebsite finden.

„Natürlich hatten wir bereits Erfolge beim Rekrutieren, vor allem bei Ausschreibungen von Praktika. Für offene Stellen gibt es bei uns einen eigenen Reiter“, berichtet Allianz-HR-Manager Bilina. Denn nicht der schnelle Zug zum Tor sei die Intention der Facebook-Präsenz: „Postet man ausschließlich offene Jobs auf der Pinnwand, sehe ich das für den Erfolg der Karriereseite sogar als Gefahr, dafür gibt es bessere Medien. Unser Ziel ist es, mit unserer Seite auch Menschen anzusprechen, die vielleicht noch gar nicht aktuell an eine Jobsuche denken aber sie langfristig dazu zu bringen, dass sie bei uns vorbeischauen“, sagt Bilina.

PwC hat ähnliche Motivationen – nämlich Transparenz und Information über das Unternehmen an potenzielle Bewerber zu bringen. Liz Hull: „Wir wollen Distanz abbauen und das Vertrauen in PwC als möglichen Arbeitgeber steigern, indem wir schnell und direkt auf Fragen antworten.“ Inhaltlich setzt man daher auch auf Mitarbeiter Insights oder Infos zur Work-Life-Balance (wie beispielsweise mit Fotostrecken über die Firmen-Teams beim Vienna City Marathon, siehe Bild rechts oben).

Absolutes No-Go sei daher auch spröder PR-Sprech, ergänzt Bilina: „HR muss sich stärker am Marketing orientieren. Facebook ist nicht das Medium, um klassische PR zu betreiben und nur Presseaussendungen online zu stellen. Damit fadisiere ich die Leute nur.“ Eine Stärkung der Arbeitgebermarke sei bereits erkennbar: „Was wir festgestellt haben, ist, dass die Facebook-Karrierepage gerade für neue Mitarbeiter in der Zeit zwischen Unterzeichnung des Dienstvertrages und Dienstantritt eine intensive Bindung herstellt. Neue Mitarbeiter sind bei Dienstantritt heute wesentlich besser über das Unternehmen informiert“, ist Allianz-HR-Experte Bilina überzeugt.

Joachim Burger blickt mit dem Social-Web-Engagement von T-Mobile in die Zukunft: „Recruiting via Social Media wird vom Experiment zum absoluten Normalweg. Je früher ein Unternehmen Know-How in dem heute noch neuen Feld erwirbt, desto größer wird der Vorsprung sein, den es später nutzen kann. Derzeit steht natürlich noch der Image-Faktor im Vordergrund.“

Mythos 3: Facebook kostet nichts.
Erkenntnis: Facebook bedeutet Know How, Zeit- und Personalaufwand.

Ein Ferialpraktikant, der nebenbei Facebook betreut – Fehlanzeige. Denn Know-How kann ein solcher bestenfalls in wenigen (Sommer)wochen einbringen – aber vorausschauende inhaltliche Mitarbeit wird wohl eher schwierig werden. Nicht nur für Karrierezwecke dürfte sich der Grundsatz ja bereits durchgsetzt haben: Wer Social Media betreibt, sollte dies professionell tun. Und das kostet: Zeit, Personalressourcen und – wenn nicht „inhouse“ vorhanden – Ausgaben für Konzeption und Umsetzung.

„Mit Unterstützung der Agentur Liechtenecker, die auf Social Media-Ebene sehr erfahren ist, haben wir ein sehr genaues und professionelles Konzept ausgearbeitet“, berichtet PwC-Personalexpertin Liz Hull: „Wir wollen unseren Bewerbern einen möglichst innovativen und strukturierten Auftritt bieten. Dieser geht über Postings hinaus, er umfasst die strukturierte Planung der Seite vor dem Launch und die ständige Weiterentwicklung.“ Eine PwC-Mitarbeiterin betreue die Karrierepage. Reine Posting-Zeit: Rund eine Stunde pro Woche. Dieser variiert allerdings ja nach Themenaufwand.

Ein interessantes Modell hat die HR-Abteilung von T-Mobile ausgearbeitet: Es gibt ein Redaktionsteam inklusive Chefredakteur, das sowohl für die konzeptionelle Betreuung als auch für die Ausführung verantwortlich ist. „Die operative Betreuung rolliert, das heißt jede Woche übernimmt einer unserer HR-Spezialisten zusätzlich zu seinem Daily-Business die redaktionelle Leitung.“ Zusätzlich setze man für Konzeption, Design und technische Umsetzung auf eine Social-Media-Agentur.

Allianz-Recruitingverantwortlicher Bilina betreut den Auftritt gemeinsam mit einer Praktikantin (25 Wochenstunden): „Ich wende rund 15 Wochenstunden für unseren Social Media Auftritt auf, wobei ich neben Twitter und kununu auch unsere „klassischen“ Karriereseiten dazu zähle, da diese oft die inhaltliche Basis für unseren Social-Web-Auftritt darstellen.“

Mythos 4: Wir haben eine Facebook-Seite, das reicht.
Erkenntnis: Wenn sich nichts tut, schaut keiner rein.

Was denken Sie über einen Firmen-Internetauftritt, dessen aktuellste „News“ von 2008 stammen? Eben. Was drei Jahre im Web sind, sind drei Wochen im Social Web. Hier gilt es, eine gewisse Frequenz einzuhalten und dafür zu sorgen, dass um diese Postings auch Diskussionen entstehen. Je mehr, umso eher und auch länger sind die Postings für User in deren „Hauptmeldungen“ sichtbar.

Dies ist allerdings nur ein Aspekt: Denn wie im richtigen Leben wollen Kontakte auch gepflegt werden. Wird eine Frage gestellt, darf es nicht geschehen, dass erst Tage später geantwortet wird. Im Idealfall kommt die Antwort innerhalb von zwei Stunden. Der Effekt: Diskussionen bleiben lebendig und die Teilnehmer wollen wissen, wie es „weitergeht“.

Mythos 5: Mit Facebook erreiche ich nur Junge.
Erkenntnis: Jeder vierte Facebook-User ist älter als 35.

Natürlich ist Facebook etwas für Junge. Bei den 14- bis 29-Jährigen vertrauen sechs von zehn den Inhalten in Social Networks (Marketagent, 2010). Wohl mit ein Grund, warum T-Mobile im Herbst 2010 zuallererst Lehrlinge via Facebook ins Visier nahm – mit riesigem Erfolg, wie Joachim Burger berichtet: „Wir waren vom Echo und auch von der Anzahl an Bewerbungen begeistert. Für 40 Lehrstellen haben sich 750 Bewerber bei uns gemeldet. Die Facebook-Seite hat uns geholfen, den Lehrberuf bei T-Mobile angreifbar zu machen und etwaige Hemmschwellen abzubauen. Dieses Konzept führen wir auch bei unserer neuen Karriere@Facebook-Seite fort.“

Mit gutem Grund werden nun auch ältere potenzielle Bewerber mit Facebook ins Visier genommen, wie die Grafik rechts oben (Quelle: Thomashutter.com) belegt: Jeder vierte Facebook-User ist älter als 35 Jahre. Tendenz steigend.

Michael Bilina, Allianz Österreich

Michael Bilina, Allianz Österreich

Liz Hull, PricewaterhouseCoopers

Liz Hull, PricewaterhouseCoopers

Joachim Burger, T-Mobile

Joachim Burger, T-Mobile

 

 

 

 

 

 

 

Fazit: Wenn, dann g’scheit.

Social Media ist Kommunikation. Im ursprünglichsten Sinn. Unternehmen, die sich auf Facebook engagieren, egal ob es für Marketing, Service oder HR ist, müssen begriffen haben, dass die Kommunikation auf diesem Kanal nach den grundlegendsten Interaktionsregeln abläuft. Frage-Antwort. Und das innerhalb eines angemessenen Zeitraums. Und ähnlich, wie man sich in Gesprächen oft fragen sollte „Interessiert das mein Gegenüber überhaupt noch?“, sollte man sich als Unternehmen dieselbe Frage stellen. Denn nur was dem User Mehrwert bietet, findet dieser auch gut – und in den seltensten Fällen ist dies glatte PR.

Ziel muss sein: Der User – egal ob Bewerber, neuer oder langgedienter Mitarbeiter – muss die Page schlauer und mit einem „Aha“-Erlebnis verlassen.

Diskutieren Sie mit uns: Wieviel Energie sollen und können HR-Abteilungen in ihre Facebook-Präsenzen legen?

Links:

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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