Expatriates: Chancen und Risiken des Auswanderns auf Zeit

von in Arbeitsleben, Gehalt am Freitag, 15. Juni 2012 um 10:34

Daheim zu sein ist schön. Doch wer kennt das nicht? Diese Wehmut im Gepäck, wenn man nach einer Reise wieder nach Hause kommt? Der Wunsch, eine fremde Kultur so richtig – und nicht nur als Tourist – kennenzulernen? In einem fremden Land zu leben – mit allem (auch Arbeit), was dazugehört? Echte Auslandserfahrung und nicht nur als ewiges „Hätte-ich-doch“ erleben täglich und weltweit Expatriates. Die Erfahrungen und Einschätzungen der von ihrer Firma ins Ausland entsandten Fachkräfte – positive als auch negative – erhebt Berlitz International gemeinsam mit Partnern seit 2009 in der fortlaufenden Studie Global Expatriates Observatory.

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Expatriates: jung und sehr gut ausgebildet

Diese Woche wurde die Studie in Österreich vorgestellt. Präsentiert wurden die Antworten von 404 Expatriates und 125 Angehörigen, die zwischen April 2010 und März 2011 befragt wurden. Die Eigenschaften des „klassische“ Expatriates, so die Studienautoren, sind schnell erklärt: jung und sehr gut ausgebildet. 26 Prozent der Fachkräfte, die für internationale Firmen tätig sind und eine Zeit im Ausland leben und arbeiten, sind jünger als 30 Jahre, nur 14 Prozent sind älter als 45 Jahre. 99 Prozent der Expats haben zumindest Matura, 72 Prozent einen Universitätsabschluss. 31 Prozent der Expats sind weiblich und unter jenen, die in einer Beziehung leben, nehmen 85 Prozent ihre Partnerin oder ihren Partner bzw. ihre Kinder (79 Prozent) mit.

Eine andere Art zu arbeiten

Mit 8,2 von möglichen 10 Punkten bewerten die Expatriates ihre Auslandserfahrung als überwiegend positiv – und diese Einstellung, so die Studie, ändert sich im Laufe der Zeit kaum. Den Schlüssel zu einem persönlich wie beruflich erfolgreichen Auslandsaufenthalt sehen die Befragten in zwei Punkten: dem Verständnis für die Landeskultur sowie dem Erlernen oder Perfektionieren der jeweiligen Landessprache. Während 77 Prozent der Befragten angaben, sich durch den Kontakt mit der fernen auch der eigenen Kultur bewusster geworden zu sein, war das Leben in bzw. mit der neuen Kultur für die meisten Auslandsarbeiter die größte Herausforderung. All jene, die zum ersten Mal im Ausland arbeiten bzw. gearbeitet haben, gaben an, dass sich ihr Arbeitsstil geändert hat, für 65 Prozent der Führungskräfte gilt dies ebenso.

Back home wird noch positiver bewertet

Im Rückblick, also wieder zu Hause, wird die Auslandserfahrung meist sehr positiv gesehen. Der Vergleich mit der Bewertung während der Entsendung zeigt, dass vor allem die berufliche und persönliche Entwicklung von Bedeutung ist, während die Erfahrung für die Familie (minimal) negativer bewertet wird.

Für den Partner wird es schwieriger

Die Bewältigung von Herausforderungen einer künftigen, sprich weiteren, Entsendung ins Ausland wird nach einem solchen Aufenthalt positiver eingeschätzt: Während 65 Prozent der Expirates während der ersten Entsendung angaben, die Anpassung an eine neue kulturelle Umgebung sei einfach, waren es nach der Rückkehr bereits 82 Prozent. Der generelle Anpassungsprozess wurde ebenfalls (von 75 auf 81 Prozent) als einfacher beurteilt. Der Anpassungsprozess der Partner jedoch wird als einziger nach einer bereits erfolgten Auslandserfahrung als schwieriger eingestuft.

Die fünf wichtigsten Kriterien für eine erfolgreiche Integration

Doch was macht erfolgreiche Integration aus? Gerade nach der Rückkehr wird deutlicher, dass es auf fünf wesentliche Kriterien ankommt:

  • Die Aneignung von Kenntnissen der Kultur des jeweiligen Landes (82 Prozent)
  • Das Erlernen oder Verbessern der Kenntnisse der Landessprache (73 Prozent)
  • Das vermehrte Knüpfen von sozialen Kontakten zur lokalen Bevölkerung (57 Prozent)
  • Die Vermeidung von Vorurteilen (53 Prozent)
  • Das Herumreisen im jeweiligen Land (38 Prozent)

Eine Auslandserfahrung, so das Fazit der Studienautoren, ändert vor allem den persönlichen Umgang mit anderen Kulturen und ermöglicht es den Betroffenen, neue Spielregeln zu durchschauen und sich schneller daran anpassen zu können. Jede Entsendung bedeutet demnach eine persönliche sowie berufliche Weiterentwicklung.

Nur 35 Prozent über die Rückkehr glücklich

So  bereichernd eine Auslandsentsendung auch sein kann – die Rückkehr in die Heimat wird dabei oft unterschätzt. 43 Prozent der befragten Rückkehrer bezeichnen sie als schwierig, unter den befragten Westeuropäern lag diese Zahl mit 62 Prozent sogar bedeutend höher. Die Schwierigkeiten bei der Wiederintegration wird vor allem dadurch erklärt, dass die meisten lieber im Ausland geblieben wären. Für nur 35 Prozent war die Rückkehr geplant, 30 Prozent wären gerne geblieben bzw. hätten 35 Prozent eine neue Herausforderung in einem anderen Land vorgezogen. Ein weiterer Punkt, der die Rückkehr schwierig macht, ist jener, dass es für Unternehmen oft schwierig ist, eine neue Position im Heimatland anzubieten, die der beruflichen Entwicklung des Expatriates entspricht.

Unternehmen muss vorsorgen – sonst verliert es den Expatriate

Dabei sind vor allem die Manager bzw. Personalverantwortlichen gefragt, schon bei Beginn der Auslandsentsendung eine langfristige Strategie für die Wiederintegration zu entwickeln. Denn HR-Abteilungen können meist nicht plötzlich spannende Jobs schaffen, die die erfahrenen und wertvollen Mitarbeiter überzeugen. Für die Studientautoren zeigt die Tatsache, dass zwei Drittel lieber im Ausland bleiben wollen, dass Expats sich zu wenig darüber bewusst sind, was das Ziel ihres Unternehmens bei der Entsendung ins Ausland war und ist.  Zu wenig Unterstützung bzw. Planlosigkeit führt unter anderem dazu, dass in Westeuropa 62 Prozent der Rückkehrer das Unternehmen wechseln. Am meisten irritiert die Mitarbeiter, dass es keine oder wenig berufliche Anerkennung der neu gewonnenen internationalen Erfahrung gibt.

Fotonachweis: Colourbox, Grafiken: Berlitz

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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