„Die schwierigsten Klienten sind die, denen die Arbeit Spaß macht“

von in Arbeitsleben am Donnerstag, 23. Januar 2014 um 11:19

Entschleunigung als Thema ist heute so akuell wie vielleicht nie zuvor. Viele spüren ihn selbst, den Wunsch, mehr auf sich und die eigene Gesundheit zu achten. Aber auch Psychologen, Coaches und Berater registrieren zunehmendes Interesse an der Entschleunigung. Psychotherapeutin Helga Obermair verrät heute im ersten Interview-Teil, wer in ihre Praxis kommt und weshalb Menschen, die ihre Arbeit lieben, oft die schwierigsten Klienten sind.

„Irgendwann gibt es einen Break“

Was bedeutet für Sie Entschleunigung? Gibt es auf diese Frage eine pauschale Antwort oder sieht Entschleunigung für jeden Menschen anders aus?

Helga Obermair

Helga Obermair

Helga Obermair: Man kann diese Frage pauschal und individuell beantworten. Allgemein formuliert ist es nötig zu entschleunigen, wenn alles immer schneller und schneller funktionieren muss. Unser Leben bzw. alles in der Welt ist auf Ausgleich ausgerichtet. In unserer Gesellschaft geht es meistens nur um Bewegung und die Leute müssen mehr leisten oder haben zumindest das Gefühl, dass dies so ist. Über lange Zeit kann das eingehalten werden aber irgendwann gibt es einen Break – und dieser macht eine Kursänderung nötig.

Die Angst, etwas zu verlieren

Wie könnte dieser Bruch aussehen?

AusgleichHelga Obermair: Verschieden. Das könnte etwa ein Herzinfarkt sein, Burn Out, Bluthochdruck oder aber auch Schlafstörungen. Der deutsche Zeitforscher Karlheinz Geißler hat zu diesem Thema herausgefunden, dass drei Viertel der Menschen Kreislaufprobleme haben. Und diese haben damit zu tun, dass es immer schneller gehen muss und dass die Leute auch immer mehr Angst haben, den Job, die Sicherheit oder etwas anderes zu verlieren.

Was ist die Antwort auf dieses Problem?

Helga Obermair: Es ist immer wichtig,  einen günstigen Ausgleich zu suchen. Günstig insofern, als dass sich ja nicht jeder total in Ruhe begeben kann. Man kann die Arbeit nicht aufgeben oder sich nicht mehr um seine Familie kümmern. Jeder Mensch muss schauen, wie er Ausgleich bekommt. Und zwar zwischen Arbeitszeit, Freizeit und der freien Zeit.

„Die Menschen kommen nicht und äußern den Wunsch, zu entschleunigen“

Mit welchen Worten kommen die Menschen zu Ihnen in die Praxis?

SchlafstoerungHelga Obermair: Die Menschen kommen nicht und äußern den Wunsch, zu entschleunigen. Sie kommen, weil sie irgendwelche körperlichen Symptome haben und sagen: „Bald schaffe ich es nicht mehr.“

Woher kommt diese Hektik?

Helga Obermair: Die Überlastung ist von sehr vielen Dingen abhängig, zu 90 oder sogar 95 Prozent jedoch hängt es mit dem Beruf zusammen. Ich habe auch immer wieder Leute, denen der Beruf so Spaß macht, dass sie nicht einmal auf die Idee kommen würden, dass hier das Problem liegt. Hier ist das Ausgleich-Schaffen ganz schwierig, weil diese Menschen meist nicht einmal an ihrer Arbeit oder dem Arbeitspensum zweifeln. Klienten, denen die Arbeit Spaß macht, sind bei dieser Thematik meist die schwierigsten.

„Ziel ist es, die Klienten zum Zweifeln zu bringen“

Wie gelingt es Ihnen, diesen Personen dennoch zu helfen?

ZweifelHelga Obermair: Gemeinsam mit ihnen bearbeite ich ihre Zeit. Ich erfrage, wie viel Zeit sie in der Arbeit sind, wie ihre freie Zeit aussieht. Und stelle meist fest, dass die vermeintliche Freizeit meist auch eine eingeteilte Zeit ist. Mein Ziel hierbei ist es, die Menschen zum Zweifeln zu bringen. Diese Arbeit ist ein längerer Prozess, an dessen Ende die Klienten oft merken, dass sie etwa nicht nein sagen können, keine Prioritäten setzen, oder Leere empfinden, sobald sie nicht arbeiten.

Im zweiten Teil des Interviews erklärt Obermair, mit welchen Fragen sie Schlafstörungen auf den Zahn fühlt und welche Frage ihrer Meinung nach die entscheidendste ist.

Zur Person: Helga Obermair

Helga Obermair ist Coach und Therapeutin in Linz. Einer ihrer Schwerpunkte ist das Thema der Entschleunigung, hierzu bietet sie monatlich Themenabende unter dem Motto „Durchatmen im Alltag, entschleunigen, entspannen“ an. Mehr Infos zu ihrer Person und dem Ausbildungsangebot gibt es online.

Bildnachweis: sharpshutter / Quelle Shutterstock, Jenn Huls / Quelle Shutterstock, Oleg Golovnev  / Quelle Shutterstock, ollyy / Quelle Shutterstock

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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