„Frau Hammerl, haben wir Frauen alles falsch gemacht?“

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt am Dienstag, 29. Mai 2012 um 10:44

Ihre Kolumnen im Profil sind legendär, die dadurch ausgelösten Debatten ebenso. Die bekannte Journalistin und Schriftstellerin Elfriede Hammerl setzt sich seit Jahrzehnten mit einer bewundernswerten Energie für mehr Solidarität mit benachteiligten Menschen ein. Hammerl wird nicht müde, die Notwendigkeit sozialer Gleichheit und Emanzipation zu betonen. Über Frauen in der Arbeitswelt und die Frage nach der Kinderplanung sprach sie im karriere.at-Interview.

Frau Hammerl, ihre Kolumnensammlung trägt den Titel „Alles falsch gemacht“, daher meine erste Frage: Haben wir Frauen alles falsch gemacht?

Elfriede Hammerl: Nein, nein. Es wird uns, uns Frauen vor allem, aber gerne gesagt, dass wir es falsch machen, wenn die Rahmenbedingungen nicht hinhauen. Das wird dann nicht auf die Rahmenbedingungen geschoben, sondern auf persönliches Versagen.

Zur heutigen Frauenbewegung: Haben – medial breitgetretene – Debatten, wie jene um die Neutextung der Österreichischen Bundeshymne, eher geschadet oder doch geholfen?

Elfriede Hammerl: Ich glaube, dass gerade die Geschichte mit der Bundeshymne doch etwas Positives bewirkt hat. Es hat natürlich die übliche Verunglimpfung stattgefunden und es haben sich nach wie vor welche lustig gemacht, aber da hatte ich dann schon den Eindruck, dass die mediale Berichterstattung in einem relativ großen Ausmaß eingesehen hat, dass es eigentlich ein begründetes Anliegen ist, dass Frauen in der Bundeshymne, mit der wir uns ja alle identifizieren sollen, vorkommen. Ich glaube, dass das Thematisieren von scheinbar nicht so wichtigen aber trotzdem diskriminierenden Themen trotz allem notwendig ist.

„Wenn Frauen in der Sprache nicht vorkommen, hat das mit mangelnder Wahrnehmung insgesamt zu tun“

So ist es auch mit der gendergerechten Sprache. Dies ist auch ein Thema, wo sich immer welche lustig machen. Im Grunde genommen ist die Wichtigkeit der Diskussion aber so einfach zu begreifen: Sprache und Bewusstsein sind einander ständig beeinflussende Gebiete und wenn Frauen in der Sprache nicht vorkommen, dann hat das eben etwas mit mangelnder Wahrnehmung insgesamt zu tun.

Ein Thema, welches erst kürzlich im karriere.at-Blog diskutiert wurde, ist die Frage „Kind oder Karriere?“  Gibt es Ihrer Meinung nach einen richtigen Zeitpunkt für die Familiengründung?

Elfriede Hammerl: Es ist ja so, dass nur bei den Frauen die biologische Uhr in dem Ausmaß tickt, wie sie das tut. Männer haben natürlich wirklich länger Zeit – obwohl greise Väter sind für Kinder auch nicht gerade ein großes Vergnügen und vor allem stellt man sich die Frage, wie lange sie sie haben werden. Die Frage, wann und ob überhaupt Kinder stellt sich bei Frauen durch die begrenzte Fruchtbarkeit massiver in einem bestimmten Zeitraum.
Natürlich gibt es aber nicht die Antwort, es gibt nicht den idealen Zeitpunkt. Tatsache ist nur, dass ich schon glaube, dass es einfach schwierig ist für Frauen, sich für ein Kind zu entscheiden – ganz egal wann. Weil wir eben wissen, was damit einhergeht. Es gibt schon einmal wenig Männer, die bereit dazu sind, zumindest den Versuch zu unternehmen, dass Hausarbeit und Familienarbeit einigermaßen gerecht aufgeteilt wird. Es ist zwar theoretisch so, dass alle sagen ja, wir werden das schon machen – aber wenn sich dann die konkrete Frage stellt, wer tritt beruflich leiser, und wer kümmert sich vorwiegend um die Kinder, sind es meistens die Frauen. Es ist auch sehr schwer, gegen das gesellschaftliche Rollenverständnis im eigenen Leben individuell anzukämpfen. Die Entscheidung für ein Kind heißt auch, dass ich mein bisheriges Leben auf den Kopf stelle und dass ich mir überlegen muss, wie es mit meiner wirtschaftlichen Sicherheit aussieht usw.
Haben es Mütter heute schwerer?

Elfriede Hammerl: Ich denke ja. Die Ansprüche an Kindererziehung und Elternschaft, die im wesentlichen Ansprüche an die Mutterschaft sind, werden höher. Dieses ständige „ein Kind muss unentwegt gefördert und gefordert werden und mit drei schon dies und das können“ sowie diese ständigen Schuldzuweisungen wie „Wenn Sie etwas falsch machen wird nichts aus dem Kind“ sind hart. Das war doch vor zwei oder drei Generationen anders. Die Kontrolle der Fruchtbarkeit hat den Frauen einerseits eine große Freiheit gebracht, andererseits waren zu Zeiten, als die Kinderplanung noch nicht so kontrolliert werden konnte, die Kinder etwas, was gekommen ist. Die Mütter mussten sich mit den Kindern arrangieren und umgekehrt. Frauen konnten früher in gewisser Weise sagen: „Hör zu, ich hab mir das auch nicht ausgesucht und jetzt ist es wie es ist und wir schauen, dass wir damit zurecht kommen“.

„Es heißt oft: Für das Wunschkind musst du perfekt sein“

Heute ist es so, dass es das Wunschkind gibt und es schnell heißt, wenn du dir das gewünscht hast, musst du als Mutter perfekt sein, sonst hättest du es ja nicht in die Welt setzen müssen. Das ist auch ein zusätzlicher Druck, der auf den Frauen lastet. Auf der einen Seite die Frage, wie wird es ökonomisch sein, wie werde ich noch meine eigenen Interessen verfolgen können und weiters die Frage, was wird mir alles angerechnet werden – gut oder schlecht?

Was sagen Sie zu Entwicklungen wie jener, dass es Frauen gibt, die ihr Kind bis ins Vorschulalter stillen? (Anmerkung: Coverstory Times Magazine)

Elfriede Hammerl: Ich halte das wirklich für perverse Auswüchse, das ist aber auch etwas, das immer wieder kommt. Dieses, die gute Mutter kreist um das Kind. Das war auch vor 30 Jahren, als meine Tochter klein war, schon so. Es hieß „Man muss auf das Kind reagieren“, „Das Kind bestimmt Schlafens- und Essenszeiten“, etc. Mit dem Effekt, dass für die Mutter überhaupt kein Eigenleben mehr übrig bleibt, wenn sie ständig in den Startlöchern hockt.

Gibt es irgendwann eine Lösung bzw. wo stehen wir heute?

Elfriede Hammerl: Ich glaube, dass das Dilemma immer noch besteht. Es gibt dabei sicher unterschiedliche Bedürfnisse. Es gibt sowohl Frauen, die sich stärker auf das kleine Kind konzentrieren wollen als solche, denen die Decke auf den Kopf fällt. Es heißt dann immer „die Frauen sollen das entscheiden und sie sollen die Wahlfreiheit haben.“ Es sagt aber niemand dazu, was die Wahlfreiheit für Konsequenzen hat. Nämlich die Entscheidung gegen Erwerbstätigkeit bzw. für eine lange Karenzzeit. Denn wer soll die wirtschaftliche Sicherheit für Menschen garantieren, die am Erwerbsleben nicht teilnehmen? Und was passiert, wenn es etwa zu einer Scheidung kommt?

„Mutterschaft darf nicht bedeuten, dass ich nicht verhungern muss“

Die Gesellschaft kann nur eine Grundsicherung bieten und es kann meiner Meinung nach nicht sein, dass Mutterschaft allenfalls bedeutet, dass ich nicht verhungern muss. Heutzutage sind viele Frauen gut ausgebildet und es ist verständlich, dass sie diese Ausbildung umsetzen wollen. Erstens in beruflicher Befriedigung, das heißt dem Nachgehen einer zufriedenstellenden Tätigkeit und andererseits natürlich auch in entsprechender Bezahlung.

Sehen Sie das Karenzgeld neu als Chance?

Elfriede Hammerl: Ich war immer der Meinung, dass einkommensabhängiges Karenzgeld vernünftig ist. Man kann ja nicht immer dann, wenn man ein Kind bekommt, finanziell weit zurückfallen. Weiters glaube ich, dass es vernünftig ist, nicht zu lange in Karenz zu bleiben, weil der Anschluss immer schwerer wird. Zudem hat das Karenzgeld neu auch dazu geführt, dass mehr Männer es in Anspruch nehmen.

Was sagen Sie dazu, dass Geld mehr Väter in die Karenz locken soll?

Elfriede Hammerl: Es ist natürlich eine fragwürdige Haltung, dass etwas, wenn es auch von Männern in Anspruch genommen werden soll, besser bezahlt werden muss. Andererseits muss man sich auch die wirtschaftliche Realität von Familien anschauen. Solange es so ist, dass Männer in der Regel besser verdienen als Frauen, kann man einfach nicht davon ausgehen, dass der Besserverdienende in Karenz geht. Die Neubewertung von Arbeit, gerade von sozialen Berufen, wird immer wieder diskutiert – leider passiert hier jedoch wenig.

Woher nehmen Sie die Energie, auch bei Rückschlägen nicht aufzugeben?

Elfriede Hammerl: Ich weiß es nicht. Manchmal bin ich eh sehr resignativ aber andererseits ist es auch spannend, sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen auseinanderzusetzen und ja, was wäre die Alternative? Irgendwo sitzen und Gedichte schreiben aber ja, auch Gedichte sind Auseinandersetzungen mit der Welt.

Die Frauenbewegung. Vieles ist passiert, anderes nicht. Wo stehen wir jetzt?

Elfriede Hammerl: Es ist schon mühsam, es geht immer ein Stück nach vorne und dann gehts gleich wieder zurück. Den Eindruck habe ich schon. In manchen Bereichen, etwa der Bildung oder der Sensibilisierung gegen Gewalt ist viel passiert. Aber eben nur in unserer Gesellschaft.

„Lass nicht andere für dich entscheiden und hinterfrage Rollenbilder“

Was würden Sie einem jungen Mädchen heute raten?

Elfriede Hammerl: Naja, ich bin eine große Feindin der Ratgeberliteratur, ich glaube einfach nicht, dass es Patentrezepte gibt. So einfach, dass jetzt einmal jemand kommt, und man gibt einen guten Rat, damit ist es sicher nicht getan. Ich würde sagen: Setz dich auseinander mit der Welt, höre zu, diskutiere mit, schau dir an, ob die Verhältnisse deinen Vorstellungen entsprechen und überleg dir, was du daran ändern würdest wollen. Ich würde immer den Rat geben: Nimm nicht einfach alles hin, lass nicht andere für dich entscheiden und hinterfrage Rollenbilder.

Zur Person: Elfriede Hammerl

Elfriede Hammerl, 1945 in Prebensdorf, Steiermark geboren, studierte in Wien Germanistik und Theaterwissenschaften. Ihre Tätigkeit als Journalistin und Kolumnistin erstreckt sich von österreichischen Tageszeitungen über internationale Magazine bis hin zum Fernsehen. Die Mitinitiatorin des österreichischen Frauenvolksbegehrens 1997 ist vielfach ausgezeichnet und erhielt unter anderem 2011 den „Kurt-Vorhofer-Preis“ für Politikjournalismus.

Fotonachweis: Elfriede Hammerl/Inge Prader

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

Durch die Nutzung unserer Angebote erklärst du dich mit dem Setzen von Cookies einverstanden. Mehr erfahren