Gleicher Job, weniger Gehalt: Woher kommt der Einkommensunterschied?

von in Gehalt, HR am Montag, 20. Juni 2011 um 15:41

Verdiene ich, was ich verdiene? Eine Frage, die sich wohl jeder Arbeitnehmer von Zeit zu Zeit stellt. Spätestens dann, wenn Gehaltsverhandlungen anstehen. Doch worauf kommt es an? Was genau nimmt Einfluss auf unsere Gehälter? Wie wichtig sind Region, Unternehmensgröße und Ausbildung wirklich? C2X-Gehaltsexperte Bruno Gangel gibt Antworten auf die häufigsten Fragen der karriere.blog-Leser. Und: Konkrete Beispiele, wie sehr einzelne Faktoren die Höhe des Einkommens in scheinbar gleichen Positionen beeinflussen.

Wonach richten sich Gehälter?

Viele gehen davon aus, dass Einkommen vor allem durch Branche und Region bestimmt werden. Das ist grundsätzlich auch richtig, doch schlägt der Einfluss des Unternehmens meistens viel stärker durch: Ist es ein kleiner Gewerbebetrieb oder ein Großunternehmen? Ist der Betrieb in der Gewinnzone oder macht er Verluste? Ist es ein lokal tätiges Privatunternehmen oder die Vertriebstochter eines internationalen Konzerns?

Wodurch werden also jetzt Gehälter bestimmt?

Durch zwei logische Faktoren: Durch die Person auf der einen Seite und durch den Arbeitgeber auf der anderen Seite. Bei der Person sind es Ausbildung und Erfahrung, die zählen. Beim Arbeitgeber wieder sind es Unternehmenserfolg und auch Größe: Wir sehen in den Daten ganz klar, dass erfolgreiche Firmen deutlich besser zahlen als weniger erfolgreiche. Und die Unternehmensgröße hat auch einen eindeutigen Zusammenhang mit den Einkommen.

Bruno Gangel, C2X

Bruno Gangel, C2X

Sollen Mitarbeiter bei ihrer Jobsuche besonders auf Branche, Größe und Internationalität des Arbeitgebers achten?

Ja und Nein! Ein international tätiger Spediteur zahlt gute Gehälter, ein lokaler Frächter deutlich schlechtere. Beide sind aber in der gleichen Branche erfasst.

Internationalität: Bei gleicher Mitarbeiter­zahl wird ein österreichischer Gewerbebetrieb in der Regel niedrigere Einkommen bieten als die Niederlassung eines internationalen Unternehmens. Und ein Produktionsunternehmen mit noch so vielen Mitarbeitern kann oft weniger zahlen als eine kleine Vertriebs­niederlassung einer bekannten Marke. Letztlich kommt es damit auch wieder stark darauf an, wo sich die/der Einzelne wohl fühlt, wo sie/er Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten findet.

Wie sieht es aus mit regionalen Beschäftigungschancen: Ist der Arbeitgeber im Nachbarort dem Job im Ballungszentrum  vorzuziehen?

Die Verfügbarkeit von Jobs und Jobsuchenden bestimmt das Einkommen. Hier gibt es einen ganz starken Stadt-Land-Effekt. Das bedient offensichtlich beide Seiten gut: Arbeitnehmer sind oft mit deutlich geringeren Gehältern zufrieden, wenn sie sich damit langes Pendeln ersparen. Da spielen die Kosten eine Rolle, der Stau-Stress und die verlorene Lebenszeit auf dem Weg zur und von der Arbeit. Dieser Gehaltseffekt dreht sich natürlich um, wenn es um Führungskräfte oder Spezialisten geht. Wenn es nun mal im Waldviertel keinen SAP-FiCo-Projektleiter gibt, dann muss er eben aus einer Ballungsregion „importiert“ werden – und das kostet!

Grundsätzlich gilt aber: Re­gio­na­le Ge­halts­un­ter­schie­de schleifen sich in Österreich weiter ab, doch hat der Wirt­schafts­grad der Re­gion immer noch Bedeutung. Gut entwickelte Regionen sind verteilt: An der Spitze liegen der Raum Wien, der oberösterreichische Zentralraum, der Bereich Salzburg-Hallein ebenso wie etwa das Bodenseegebiet.

Bestimmen Nachfrage und Angebot wirklich noch den Arbeitsmarkt?

Ganz klares Ja! So wie heute Buchhaltungsspezialisten mit Kenntnissen moderner Systeme rar sind, waren es früher Spezialisten für Großrechner-Betriebssysteme und vor vielen Jahren HTL-Kunststoff­techniker. Überall dort, wo mehr Firmen suchen, als Kandidaten verfügbar sind, wird es ein Anbieter­markt und die Gehälter kriegen plötzlich einen Mobilitätszuschlag. Das kann auch nur begrenzt auf eine Region der Fall sein.

Wie hoch ist jetzt aber der Einfluss der Person, also was wiegen Ausbildung, Fertigkeiten und Mobilität des Arbeitnehmers?

Ziemlich stark sogar! Man muss – gerade als Jobsuchender – die eigene Person als Produkt sehen: nur eine Ware, kurzfristig nicht veränderbar, kein Ausweichen ist möglich und ein riesiger, aber leider undurchsichtiger Markt rundherum. In dieser Situation zählen Mobilität, Attraktivität und Unter­scheid­barkeit. Ich unterscheide mich und bin damit auf dem Markt attraktiver, ebenso durch meine erworbenen Fähigkeiten – Praxis wie Ausbildung – und durch mein Verhalten: Wie aktiv gehe ich an Probleme heran, kann ich im Team spielen, bin ich Problemlöser oder –verursacher. Und durch regionale oder auch inter­nationale Mobilität kann ich meine Möglichkeiten im Arbeitsmarkt vervielfachen.

Gibt es wirklich „Etikettenschwindel“ in den Positionsbezeichnungen?

Das kommt sehr häufig vor: Plötzlich ist jeder ein Manager, auch ohne Personal­verantwortung; die Sekretärin heißt Assistentin, macht aber nicht diese Jobqualität; und so weiter. Der Grund dafür ist unterschiedlich: Manchmal will man nur Geschäftspartnern gegenüber einen starken Auftritt haben, manchmal werden internationale Funktionsbezeichnungen in eine österreichische Organisation übernommen, die diese Positionen gar nicht hat; und manchmal will man sich die Gehaltserhöhung durch eine pompösen Titel sparen. In jedem Fall aber macht es den Einkommens­vergleich schwierig und baut Fallen für die Mitarbeiter auf.

Was ist eigentlich Betriebsklima in Euro Gehalt wert?

Offensichtlich sehr viel! Ich kenne Einkommen in Unternehmen – da könnte jeder Mitarbeiter um 20 bis 30% mehr verdienen, würde sie/er nur die Straßenseite wechseln; trotzdem macht es keiner. Wir haben einfach alle ein Grundbedürfnis, eine gute Aufgabe in einem guten Team mit gutem Erfolg machen zu dürfen. Und seien wir uns ehrlich: Nach einem Arbeitstag in so einem Umfeld heim zu gehen, ist doch wirklich unbezahlbar!

Beispiele für Gehaltsunterschiede in gleichen Berufsfeldern:

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Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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