Doppelbelastung Job und Pflege kann sogar produktiver machen

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt am Donnerstag, 31. Januar 2013 um 11:08

Über die Situation Kind und Karriere wurde und wird (zum Glück) schon viel diskutiert, doch wie sieht es mit Pflege und Berufstätigkeit aus? Geht Angehörigenpflege automatisch mit Leistungseinbußen im Job einher? „Könnte man vielleicht meinen, aber dem ist nicht so“, erklärt Birgit Trukeschitz von der WU Wien. Das Team des WU Forschungsinstitutes für Altersökonomie hat die Leistungsfähigkeit pflegender Angehöriger am Arbeitsplatz untersucht, die Ergebnisse der Studie sind spannend.

Ein Drittel der informell Pflegenden ist erwerbstätig

Nur wer diese Situation kennt, der weiß, welche Herausforderung die Pflege von Angehörigen darstellt. Und dabei bedenkt man meist nicht, dass die Pflege der alten Eltern oder des Partners oft nicht die einzige Pflicht ist: Ein Drittel jener Personen, die im privaten Kreis jemanden pflegen, ist erwerbstätig. Dass sich diese Thematik in Zukunft zuspitzen wird, ist bekannt. Wie Erwerbstätige mit der Doppelbelastung umgehen hingegen nicht. Bis vor Kurzem. Nun gibt es die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Informelle Pflege und Berufstätigkeit“ unter 900 erwerbstätigen Wienerinnern und Wienern mit bzw. ohne Betreuungsverpflichtung. Projektleiterin Birgit Trukeschitz im Gespräch.

Auf das Ausmaß kommt es an

Wie wirkt sich die Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen auf die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz aus?

Birgit Trukeschitz

Birgit Trukeschitz

Birgit Trukeschitz: Die Untersuchung zeigte, dass sich die Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen nicht ausschließlich negativ, sondern auch positiv auf die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz auswirken kann. Zwei Faktoren der Angehörigenpflege spielen eine Rolle: Das Ausmaß der psychischen Belastung und die mit der Pflege verbrachte Zeit. Werden diese Belastungsfaktoren zu hoch, können Leistungseinbußen die Folge sein. ABER: Bei moderaten Belastungen durch informelle Pflege zeigt sich, dass erwerbstätige pflegende Angehörige auch produktiver als Arbeitnehmer ohne Engagement in der Angehörigenpflege sein können.

Welches Ausmaß ist demnach „ertragbar“ und ab wann wird die Last zu groß?

Birgit Trukeschitz: Das ist individuell unterschiedlich und hängt von der generellen Belastbarkeit der Personen und vom Umfeld ab. Kritisch in der Angehörigenpflege sind psychische Belastungen, die mit der Pflegesituation einher gehen, wie etwa die Sorge, wie es mit dem Angehörigen weitergehen soll. Zudem kann die Zeit, die mit der Versorgung verbunden ist, Zeitknappheit auslösen. Beides ist nicht förderlich für die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz. Interessant ist, dass Angehörigenpflege auch mit besserer Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz einhergehen kann. Und dass diese durch Gestaltung des Pflegearrangements wie auch des Arbeitsplatzes begünstigt werden können.

Arbeitsplatzmerkmale und Erholung spielen eine Rolle

Wurde bei der Befragung auch erhoben, in welchen Branchen die Personen arbeiten?

Birgit Trukeschitz: Erwerbstätige, die Angehörige pflegen und betreuen, sind in vielen Branchen der Wiener Wirtschaft anzutreffen. Arbeitsplatzmerkmale kristallisierten sich als wichtig heraus und wurden daher in die Analyse mit einbezogen. Unabhängig davon, ob ein Erwerbstätiger Angehörige betreut oder nicht, wirken bestimmte Arbeitsplatzmerkmale belastend: Die Leistungsfähigkeit reduziert sich, je länger die Arbeitszeit ist und wenn Überstunden gemacht werden. Eine bessere Leistungsfähigkeit wird erzielt, wenn die Jobmotivation hoch ist und je besser die Fähigkeiten der Person sind, den Job zu bewältigen. Eine zentrale Rolle spielt auch die Erholung: Ausreichende Erholungsmöglichkeiten verbessern die Leistungsfähigkeit.

Wie sieht es mit den geschlechtsspezifischen Unterschieden aus: Ist das Thema Pflege überwiegend weiblich?

Birgit Trukeschitz: Die Angehörigenpflege wird überwiegend von Frauen ausgeübt. Dennoch sind ca. 30 Prozent der Erwerbstätigen informell pflegenden Personen Männer.

„spill-over“-Effekte möglich

Zu welchen weiterführenden Schlüssen kommen Sie?

Birgit Trukeschitz:  Die Untersuchung zeigt, dass Angehörigenbetreuung auch die berufsbezogene Situation aufwerten kann, solange sich die Belastungen in Grenzen halten. Mögliche Erklärungen könnten darin liegen, dass Erfahrungen in einem Lebensbereich nicht nur auf diesen beschränkt bleiben, sondern auch auf andere Bereiche „überschwappen“ können. Die Angehörigenpflege kann sich etwa durch das Gefühl, eine schwierige Situation gut gemeistert zu haben positiv auf das Arbeitsleben auswirken. Zudem können positive Erfahrungen in der Pflege auf das Selbstwertgefühl wirken und so zu einer besseren Bewältigung des Erwerbslebens führen. Weiterführende Studien könnten hier Klarheit schaffen.

„Wertvolle Ressource für Betriebe“

Festzuhalten ist, dass pflegende Angehörige als Arbeitnehmer sehr wohl eine wertvolle Ressource für Betriebe bilden können, wenn ihnen eine Vereinbarung beider Lebensbereiche möglich gemacht wird. Um die Situation pflegender Angehöriger zu verbessern, ist nicht nur an die Pflegepolitik zu denken. Auch Betriebe haben Einfluss auf die Gestaltung des Arbeitsumfeldes. Beides erleichtert die Vereinbarkeit von Familienarbeit und Erwarbsarbeit auch in der zweiten Hälfte des Erwerbslebens. Generell werden Unternehmen in Zukunft Beschäftigten, die private Betreuungsaufgaben erbringen, größere Aufmerksamkeit schenken müssen.

Können Sie Vergleiche mit den Situationen in anderen Ländern ziehen?

Birgit Trukeschitz: Mit Bezug auf den Zusammenhang von Angehörigenpflege und Leistungsfähigkeit im Erwerbsleben ist diese vom WU Forschungsinstitut für Altersökonomie erstellte Studie in diesem Umfang die erste weltweit.

Bildnachweis: Melpomene / Quelle Shutterstock, WU Wien

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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