Die Arbeit als Sport – Teil 3: Zu viel Stress auf der Karriereleiter

von in Arbeitsleben am Donnerstag, 13. Dezember 2012 um 11:54

Arbeit ist zu einem gewissen Teil auch Wettkampf – und zwar ein harter. Die vielen Gemeinsamkeiten von Sport und Arbeit erklärt heute wieder Sportcoach John Herzog. Im dritten und letzten Teil der Serie „Die Arbeit als Sport“ erklärt Herzog diesmal die drei Säulen eines Coachings, warum Niederlagen äußerst wichtig sind und dass die meisten Job-Einsteiger sich viel zu viel Stress machen, die Karriereleiter zu erklimmen. Er meint: „Schrittweise besser zu werden, ist klüger.“

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„Das Kino im Kopf aktivieren“

Wie genau läuft das Coaching ab?

John Herzog

John Herzog: Coaching im Sport und Coaching im Beruf läuft grundsätzlich nach denselben Grundprinzipien ab, schließlich geht es hier wie dort um Menschen und um den Wunsch, sich weiterzuentwickeln. Es gibt drei Bereiche, die ich als tragende Säulen des Coachings bezeichne: Zunächst das Visualisieren. Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte. Ein simpler Test zeigt: Machen Sie die Augen zu, denken Sie an ein ganz besonders schönes Erfolgs-Erlebnis. Sie stehen im Mittelpunkt, Sie baden im Applaus und erfahren Wertschätzung für Ihre tolle Leistung. Merken Sie etwas? Allein bei dem Gedanken entspannt sich Ihr Gesicht und ich wette, allein die Erinnerung an dieses Erlebnis hat soeben ein Lächeln auf Ihre Lippen gezaubert. Positive Gefühle brauchen nicht unbedingt das echte Erlebnis, auch das Kino in unserem Kopf kann uns schnell positiv stimmen. Und dabei muss das Erlebnis nicht schon eingetreten sein – auch das „So tun, als ob“ zeigt dieselbe Wirkung. Dieser Zusammenhang wird im Sportcoaching intensiv genutzt. Das Zauberwort dabei: Regelmäßige Wiederholungen. Diese positiven Gefühle verankern sich erst dann im Gehirn, wenn wir sie diszipliniert konstant wieder aufrufen. Ohne Wiederholungen bringt das gar nichts.

„Man darf Fehler machen“

Neben der körperlichen gehört die mentale Vorbereitung zum Pflichtprogramm jedes Top-Sportlers. Und auch Menschen, die bspw. Lampenfieber vor Präsentationen vor dem Chef haben, können sich diese Methode aus dem Sportcoaching zunutze machen. Das geht einfach: Machen Sie es sich zur Gewohnheit, sich vorzustellen, wie Sie Ihre Präsentation meistern und was Sie dabei fühlen, wie Sie Spaß dabei haben, mit anderen Menschen in Austausch zu stehen. Wie für alles, das uns Erfolg bringen soll, gilt auch für diese Mental-Übungen: Üben, üben, üben. Selten fällt ein Meister vom Himmel. Und selten haben Meister nicht auch Fehler gemacht. Man darf Fehler machen, man darf Gelegenheiten haben, sich weiterzuentwickeln  – allein dieser Gedanke ist doch immens erleichternd, oder nicht?

 „Wie ein Torero vor dem finalen Kampf“

Weiters schaue ich mir bei meinen Kunden auch sehr genau an, was ihr Körper sagt. Wer mit offenem, wachen Blick dasteht, seine Füße fest erdet und sich bewusst dazu entschließt, langsam zu sprechen, wirkt automatisch anders als jemand, der sich zwar bestens auf die Präsentation vorbereitet hat, dessen Schultern aber matt herunterhängen und dessen Blicke sich verstohlen auf dem Bogen Papier versteckt halten, an denen sich dessen Hände festgekrallt haben. Ein Beispiel aus dem Sport: Sie kennen bestimmt Ronaldos herrliche Theatralik, die er vor dem Elfmeterschießen an den Tag legt. Er sieht aus wie ein Torero vor dem finalen Kampf. Glauben Sie nicht, dass selbst ein Ronaldo mit Angst zu kämpfen hat, wenn die Blicke der Massen an Fußballfans vor Ort und daheim vor dem Fernseher in der Sekunde an ihm heften? Natürlich hat er Angst! Aber seine Körpersprache, egal, ob gerade aufgesetzt oder authentisch, zeigt definitiv Wirkung auf die Wahrnehmung des Torhüters. Neben der non-verbalen Kommunikation, also unserer Körpersprache, Mimik und Gestik, lässt sich auch mit Stimme und Sprache viel auf Erfolg einwirken. Das ist auch der dritte Pfeiler im Coaching.

Niederlagen dauern nicht ewig

Was raten Sie bei Niederlagen?

John Herzog: Eine Krise ist immer auch eine Chance – auf Neubeginn, auf ein Dazu-Lernen, auf ein Sich-Weiterentwickeln. Niederlagen haben wir alle zu verkraften, und zwar ausnahmslos. Mit diesen konstruktiv umgehen zu lernen, das sollte der erste Schritt für jeden sein, der im Leben Erfolg haben will. Egal, ob er nun Profisportler ist oder ob er gerade Job-Aufsteiger oder Job-Suchender ist. Sie alle haben ihre ganz individuellen Herausforderungen zu meistern, und sie alle werden dann und wann Erfolge, aber auch Misserfolge erleben. Ich rate, Niederlagen als das anzunehmen, was sie sind: Sie sind zeitweilig. Sie dauern nicht ewig. Und sie bieten uns die einmalige Chance, uns zu verbessern.

Ohne sauer gäbe es kein süß

In Analogie zum Sport: Gibt es im Beruf neben Trainings- auch Ruhephasen? Und wie wichtig sind diese?

John Herzog: Niemand kann durchgehend gleich gute Leistung bringen. Die Ruhe, das Loslassen, das Abschalten ist für alle Lebensbereiche essentiell. Nur aus einer Ruheposition entspringt die Bewegung, das Beschleunigen, das Überholen. Und es gibt (noch) kein perpetuum mobile – Energie muss zugeführt werden. Der Mensch braucht diese Ruhephasen so wie er auch den Schlaf als Grundbedürfnis und Lebensgrundlage benötigt. Oder anders ausgedrückt: Würde man „sauer“ nicht kennen, könnte man „süß“ nicht verstehen. Viele übersehen, wie viele Jahre sie noch Zeit haben, top in ihrer Branche zu werden. Man muss nicht morgen gleich Abteilungsleiter sein. Man darf auch noch ein paar Jahre genießen so wie es jetzt gerade ist, in der derzeitigen Positionen wachsen und noch nicht so viel Verantwortung tragen. Schrittweise besser werden ist viel klüger als mit der Brechstange alles übereilen und dann frustriert erkennen müssen, dass man einfach noch nicht so weit ist. Oder kennen Sie einen Top-Sportler, der innerhalb eines Jahres Weltmeister, Wimbledon-Sieger oder Boxchampion geworden ist? Viele sehen nur das Endprodukt, aber nicht die Jahre oder besser gesagt Jahrzehnte der Vorbereitung auf den Triumph.

Bisher in der Serie “Arbeit als Sport” erschienen:

Das Leben als täglicher Wettkampf

Welcher Sportlertyp sind Sie?

 

Zur Person: John Herzog

John Herzog ist Leiter des Bewegungsteams bei ARGEF (Arbeitsgemeinschaft Gesundheitsförderung, Wr. Neustadt),  Dipl. Senioren- und Vitaltrainer, Lehrbeauftragter Universität Wien (Sportuni Wien), Diplom-Sportlehrer, Kreator des NÖ-Projekts „Bewegungskaiser“.

Bildnachweis: emoji / Quelle Photocase, stefan m. / Quelle Photocase, ARGEF


Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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