Der spannendste Job der Welt – Recruiting-Leiter bei BP

von in Arbeitsmarkt am Dienstag, 6. Juli 2010 um 07:40

Einmal ehrlich: Hätten Sie im Jahr 1986, kurz nach dem GAU von Tschernobyl, auf eine Stellenanzeige der sowjetischen Atomenergiegesellschaft reagiert?

Hätten Sie auf dem Schwesterschiff des 1989 vor Alaska auf Grund gelaufenen Supertankers Exxon Valdez angeheuert, der die bis dahin größte Ölkatastrophe der Geschichte ausgelöst hat? Würden Sie heute ihren guten Namen für den britischen Ölmulti BP hergeben, seit dessen Bohrplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko versank und nun Tag für Tag Millionen Liter Rohöl unkontrolliert ins Meer strömen? Wohl eher nicht.Denn welche Assoziationen zu BP würden Ihre Überlegungen dominieren, ehe Sie das Kuvert mit den Bewerbungsunterlagen ins Postkästchen werfen? Wahrscheinlich jene: Ölverschmierte Wasservögel. Stümperhaft argumentierende und agierende BP-Manager. Umweltorganisationen, die zu weltweiten BP-Tankstellenboykotts aufrufen. Gigantische Milliardenbeträge, die über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte in die Reinigung der verseuchten Küstengebiete gepumpt werden müssen. Börsenhaie, die bereits auf das Ende jenes Unternehmens spekulieren, für das Sie künftig arbeiten sollen. Gute Nacht. Einen Konzern mit großer Zukunft stellt man sich dann doch anders vor. Das Kuvert mit Ihrer Bewerbung wird wahrscheinlich eher ins Altpapier wandern als in die Personalabteilung von BP.

Das Image-Desaster, vor dem der britische Ölkonzern seit der Explosion der „Deepwater Horizon“ steht, hat – wie man sieht – nicht allein Auswirkungen auf den Benzinverkauf. Auch beim Werben um die besten Köpfe wird sich der Multi künftig mehr anstrengen müssen als bisher, bestätigt Gabriela Michelitsch-Riedl vom Institut für Personalmanagement der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). „Es wird sicher schwieriger für BP, sich positiv darzustellen. Derzeit ist bei immer mehr Berufserfahrenen, aber auch bei Menschen, die am Anfang ihres Berufslebens stehen, folgende Tendenz zu beobachten: Für viele stehen Unternehmen im Vordergrund, auf die sie stolz sein können, wo es eine gewisse Vorbildwirkung der Konzerne gibt, wo auch Ethik eine Rolle spielt“, erklärt Michelitsch-Riedl, die auch mit ihrem Institut „Team. Neubau“ Unternehmen in Recruitingfragen berät. „Viele suchen nach Arbeitgebern, bei denen sie sich nicht unwohl fühlen müssen, bei denen sie auch Akzeptanz von ihren Familien und Freunden erhalten.“

Dass sich potenzielle neue Mitarbeiter von den wirtschaftlichen Folgen der Ölkatastrophe auf den Arbeitgeber BP von einer Bewerbung abhalten lassen, glaubt die Personalmanagement-Expertin aber nur bedingt: „Das ist Typsache. Sicherlich gibt es Menschen, die sicherheitsorientiert denken und einen Job bei einem Unternehmen, das gerade in den Schlagzeilen ist, eher ausschlagen. Andere, die eher dem Typus des Jobhoppers zuzurechnen sind, werden sich allerdings für den Job entscheiden, weil sie sich denken: Ein, zwei Jahre gehen sich schon noch aus!“

Ein großes Pool an potenziellen neuen Mitarbeitern sei also nach wie vor gegeben. Die Frage sei nur, wie man darin zu fischen versucht: Entscheidend für das Recruiting im Krisenfall sei, inwieweit die Personalabteilungen es schaffen, bestehende Netzwerke für sich zu nutzen. Michelitsch-Riedl: „Die internen, bereits im Unternehmen arbeitenden Mitarbeiter sind sicherlich ein Schlüssel. Führungsebenen und Recruiting-Abteilungen sollten durch offene Kommunikationspolitik versuchen, nicht auch diese Leute noch zu vergraulen, sondern sie stattdessen aktiv miteinbeziehen und bitten, sich zur Personalsuche an Familienmitglieder, Freunde und Bekannte zu wenden. So gestalten diese dann auch die Recruitingpolitik des Unternehmens entscheidend mit.“ Diese Methodik sei im Krisenfall weitaus effizienter als das mühsame Wiederaufpolieren des Images im Bereich des Personalmanagements, betont die Expertin.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

Der Artikel hat dir gefallen?

Wenn „JA“, dann klicke auf „Jetzt abonnieren“ und erhalte laufend die neuesten Artikel bequem per E-Mail.

Jetzt Blog–Alarm abonnieren Die neuesten Artikel per E-Mail erhalten: