Fakten zum „Karriere-Gen“: Wird man zum Top-Manager geboren?

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 3. November 2010 um 13:00

Man kennt sie bereits aus Kindergartentagen: Geborene Führungskräfte. Mit vier waren es jene, die beim gemeinschaftlichen Lego-Bauen schon definierten, wie das Haus auszusehen hatte. Mit zehn waren sie der Bandenboss am Schulweg. Mit 16 Klassensprecher, mit 23 Top-Trainee und mit 28 Leiter ihrer eigenen Abteilung. Gibt es das aber überhaupt, dass man zur Führungskraft geboren ist? Und wie groß ist der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Karriereaussichten nun wirklich? Darüber wird gestritten. Seit jeher.

Manchen sind sie suspekt, manche bringen ihnen einfach nur Bewunderung entgegen. Nämlich jenen Menschen für die dem Anschein nach nie ein anderer Karriereweg als jener zur Führungskraft möglich war. Die mit 12 bereits wussten, dass sie Investmentbanker werden wollen. Und es auch durchgezogen haben. Für die der Alltag als 08/15-Working-Class-Hero einfach nicht reizvoll war. Was ist es, dass diese Senkrechtstarter aber auszeichnet? Das sagenumwobene Karriere-Gen? Einfach nur Glück? Die Spur mehr Einsatzwille und Durchsetzungsvermögen? Oder doch – von Neidern oft als erstes vorgebracht – Papas Beziehungs-Dampfwalze, die den ansonsten steinigen Karriereweg des Schützlings bereits seit Jahren vorsorglich zur Autobahn ausbaute?

Karriere-Gen: Was sagt die Wissenschaft?

  • Der Soziologe Matthias Hartmann beispielsweise nahm mit seinem Forscherteam 6500 Lebensläufe von promovierten Juristen, Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftern unter die Lupe. Wie der „Kurier“ berichtet, kommt Hartmann zu dem Schluss, dass die soziale Herkunft der entscheidende Faktor bei der beruflichen Lebensplanung sei. Frei nach dem Motto „Zum Manager wird man geboren“. So sei die Chance, in den 400 deutschen Top-Unternehmen eine Führungsposition zu bekommen, doppelt so hoch, wenn der Bewerber aus dem „gehoben Bürgertum“ stammt. Entspringt der Aspirant gar dem „Großbürgertum“, so erhöhe sich die Chance auf den Posten um das Dreifache entgegen den Spösslingen aus „Mittelschicht“ und „Arbeiterklasse“. Nahezu keine Rolle spielten Faktoren wie größeres Durchhaltevermögen oder ein speziell ausgeprägter Leistungswille, wird der Wissenschaftler zitiert.
  • Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien (IHS) bestätigt diesen Ansatz im Gespräch mit der „Presse“ (19. Oktober 2010): Kinder, deren Eltern maximal Pflichtschulabschluss haben, brechen mit fünfmal so hoher Wahrscheinlichkeit die Schule ab, wie jene mit höher gebildeten Eltern. Grund dafür sei das „selektive Bildungssystem“ Österreichs.
  • Dem widerspricht hingegen Industriellenvereinigung (IV)-General Markus Beyerer noch im selben Artikel: Laut OECD-Studie sei es in der Generation der 35- bis 44-Jährigen in keinem Land unwichtiger, welchen Bildungsabschluss der Vater habe, um aufzusteigen. Es gebe einfach keine „gläserne Decke“ in Österreich.
  • Ein anderes Problem in diesem Zusammenhang beleuchtet Psychologe Walter Jochmann, Co-Geschäftsführer der Unternehmensberatung Kienbaum im Interview mit der „FAZ“: Menschen, die von ihren plötzlich errungenen Führungsaufgaben überrumpelt werden, da sie dem mit einem Mal auf sie einwirkenden Stress nicht standhalten. Wichtig sei es in erster Linie, sich selbst darüber klar zu werden, ob man so eine Position überhaupt will und ob man auch fähig ist, diese auszufüllen. Hilfreich kann dafür der „Manager-Selbsttest“ von Kienbaum sein. Wer seine Stärken und Schwächen kenne, könne gezielt an sich arbeiten, ist Jochmann überzeugt: „Mit Willen, Ehrgeiz und bestimmten Aspekten der sozialen Kompetenz kann man auch durchschnittliche Fähigkeiten wieder wettmachen.“
  • Geborene Manager mache aus, dass sie Spaß daran haben, Beziehungen zu knüpfen und Entscheidungen zu treffen, meint Wirtschaftspsychologin Felicitas von Elverfeldt ebenfalls in der „FAZ“. Nicht der alleinige Zug zum Repräsentieren nach außen mache eine erfolgreiche Führungskraft aus, so die Expertin: „70 Prozent sind Innenpolitik“.

Fazit: Job-Starter aus gutem Stall mögen es eventuell insofern leichter haben, als dass sie Zugang zu Ausbildung und Wissen quasi als Selbstverständlichkeit genießen können. Fakt ist jedoch auch, dass die Hochzeiten der wilden Postenschacherei unter Freunden in vielen Bereichen bereits passé sind. Wer nichts kann, wird – trotz guter Netzwerke und einflussreichem Elternhaus – schnell spüren, dass Ergebnisse, Fortschritte und Kompetenz gefordert sind. Gerade dann, wenn eine Vielzahl an top-motivierten, hungrigen Mitbewerbern (auch aus dem eigenen Unternehmen) um den Posten buhlen. Oder er wird an sich arbeiten müssen, um jene Qualitäten, die eine Führungskraft ausmachen, auch verfügbar zu haben.
Auszumachen, wo diese Führungsqualitäten im eigenen Unternehmen liegen, muss Kernaufgabe einer verantwortungsbewussten Firmenleitung respektive Personalabteilung sein. Denn wie schon das Beispiel mit den eingangs erwähnten Kindergartenkindern zeigt: Letztlich zeichnen sich „geborene“ Führungskräfte dadurch aus, dass sie sich selbst, andere und ihre Ziele realistisch einschätzen können. Und: Dass sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Für sich und für andere. Wer das kann, hat das Karriere-Gen – unabhängig von der sozialen Herkunft. Und das sollte auch erkannt werden.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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