Burnout-Prophylaxe: „Liegt es am Job oder an mir?“

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 23. Juli 2014 um 10:25

Vor seinem Burnout war Ralph Bartel im Kriminaldienst der Polizei tätig. Das Problem: Seine Arbeit war mehr Berufung als Beruf, nur mehr zum Schlafen ging er nach Hause. Das war 2004. Heute hilft er als diplomierter Burnout-Prophylaxe-Trainer anderen Menschen aus der Krise. Im Interview schildert er unter anderem, weshalb man selbst das Problem meist als Letzter erkennt.

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„Kann heikel werden, wenn der Job zu viel Freude bereitet“

Wie ist Ihre persönliche Geschichte mit Burnout?

Ralph Bartel

Ralph Bartel

Ralph Bartel: Ich war vor dem Burnout bei der Polizei im Kriminaldienst tätig. Die Arbeit hat mir große Freude bereitet und war mehr Berufung als Beruf. Genau das ist heikel. Wenn der Job zu viel Freude bereitet und die Arbeit mehr wird, als ein Job, besteht die Gefahr, gewisse Grenzen zu überschreiten. Die Arbeit wird dann schnell zum Lebensmittelpunkt und manchmal auch zum einzigen Lebensinhalt. Das Problem ist, dass die Arbeit auf der einen Seite ein wichtiger Teil der Identität eines Menschen ist und es auch in unserer Gesellschaft so erwünscht ist. Wenn aber nichts anderes mehr Patz hat, wird es problematisch. Wer nur mehr arbeitet, hat keine Zeit mehr für Regeneration und dem wird irgendwann die Energie ausgehen. Der Sinn von Burnout-Prophylaxe ist es, ein gutes Gleichgewicht zwischen Beanspruchung und Erholung, zwischen Arbeit und Freizeit, zu finden.

Feedback von außen ernst nehmen

Wie merkt man, dass man betroffen ist?

Ralph Bartel: Das ist eines der großen Probleme: Man übersieht das oft komplett. Das Umfeld merkt es aber meist schnell, denn wem die Energie ausgeht, der verändert sich. Man wird zum Beispiel gereizt oder macht mehr Fehler. Der Haken dabei ist, dass es einem selbst kaum auffällt. Viele denken bis zum Schluss, dass alles passt und sie den Druck aushalten können. Mein Tipp: Man sollte auf das hören, was andere sagen und das Feedback ernst nehmen.

Entsteht Burnout immer gleich?

Ralph Bartel: Viele Burnouts sind tatsächlich durch Druck in der Arbeit entstanden, es muss aber nicht unbedingt der Job die Ursache sein. Diese kann eine familiäre Verpflichtung oder aber Doppelbelastung, zum Beispiel durch Pflege, sein. Lange Zeit geht so etwas vielleicht gut, irgendwann aber gibt es erste Warnsignale vom Körper – nur werden diese oft nicht gehört. Im Volksmund würde man sagen: Man spürt sich nicht mehr.

„Wie geht es mir gerade? Wie steht es mit meiner Kraft?“

Wie kann ein Ausweg aussehen und woran merke ich, ob ich betroffen bin?

Burnout Energietank leerRalph Bartel: Man sollte Selbstfürsorge pflegen. Innehalten, sich fragen: Wie geht es mir gerade? Wie steht es um meine Kraft? In meiner Praxis merke ich, dass die meisten Menschen sich diesbezüglich sehr gut selbst einschätzen können. Gefragt, wie voll oder leer ihre Energietanks sind, kommen sehr präzise Angaben. Dennoch leiden die meisten Klienten, die den Kontakt zu mir suchen, schon sehr unter der Überforderung. Und ja, es ist schwierig zu sagen, wo Burnout anfängt und wo die Erschöpfung aufhört. Burnout ist ein schwer greifbarer Begriff, der viele mögliche Symptome beinhalten kann. Meist kündigt es sich durch körperliche Symptome wie Müdigkeit oder Schlafstörungen an. Ein ganz eindeutiges Symptom sind massive depressive Verstimmungen oder Depressionen.

Wie sieht Burnout-Prophylaxe konkret aus?

Ralph Bartel: Das ist bei jedem Menschen verschieden. Zuerst mache ich mit meinen Klienten eine Ist-Aufnahme durch einen wissenschaftlich validierten Test, durch den man gut sieht, wo jemand steht und wie mit Belastungen umgegangen wird. Daraus entwickeln sich dann die Maßnahmen: Zuerst wird geschaut, wie man die Energielevel wieder anheben kann, um mit den Menschen zu arbeiten. Wichtig hierbei ist, dass sich jeder etwas sucht, das Regeneration erzeugt und Freude bereitet. So wie Laufen nicht für jeden das Richtige ist, sollte sich der Buchhalter in der Freizeit nicht unbedingt mit Sudoku beschäftigen. Es geht schließlich um Ausgleich zum Job. Als zweiter Schritt werden die Löcher im Energietank gefüllt. Durch aktives Handeln passiert hier Problemlösung und die Menschen lernen wieder, dass sie ihr berufliches und privates Umfeld sehr wohl mitgestalten können. Dies kann etwa so aussehen, dass man im Büro sagt, dass die Aufgaben zu viel sind.

„Wir das Persönliche nicht gelöst, wiederholt sich das Problem nur“

Burnout Stress EntscheidungenDie dritte Ebene, die man nicht vergessen darf, ist der gedankliche Bereich eines Menschen. Hier geht es darum, dass viele Menschen, die in die Übeforderung hineingehen, eine innere Einstellung mitbringen, die großen Stress macht. Dies kann zum Beispiel Perfektionismus sein oder der Wunsch, es immer allen recht zu machen. Diese stressverschärfenden Gedanken oder Muster sind meist biografisch erworben und das Problem ist, dass, wenn sie nicht gelöst werden, sie im nächsten Job für die gleichen Probleme sorgen werden. Man sollte sich immer Fragen: Liegt es nur am Job oder auch an mir? Denn löst man die eigenen Muster nicht, bringt auch ein Jobwechsel keine Besserung. Ich rate zudem jedem, aus einer Überforderungssituation heraus keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen. Die besten Entscheidungen trifft man meist dann, wenn es einem gut geht.

Bildnachweis: Juergen Faelchle /Quelle Shutterstock, Ralph Bartel, JrCasas /Quelle Shutterstock, alphaspirit /Quelle Shutterstock

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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